Was war. Was wird.
Wie man mit Zorn erfolgreich wirtschaftet, das hat Hal Faber diese Woche nicht herausgefunden. Er liefert aber ein Beispiel fĂĽr den Versuch, Wahlberechtigten, die nur in Renditen und Zinsen denken, etwas Peilung zu verschaffen.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Während die Sonne in der norddeutschen Tiefebene für einen kleinen Nachsommer sorgt, wird sie im Süden der USA gefürchtet. Das Katastrophengebiet hat die Größe Großbritanniens, New Orleans und andere Städte versinken im "Lake George". Dort sind die Dämme der Gesellschaft gebrochen, dort zeigt sich die hässliche Fratze des Rassismus. Die Schwarzen plündern, während sich die wenigen nicht geflüchteten Weißen mit dem Lebensnotwendigen versorgen. Administratoren kämpfen verzweifelt um die Aufrechterhaltung der Kommunikation.
*** Vor diesem Hintergrund sei an ein Datum erinnert, das ein freies Amerika feiern müsste: Heute vor 48 Jahren rief Orval Faubus, der Gouverneur von Arkansas die Nationalgarde. Sie sollte verhindern, dass neun schwarze Studenten die Central High School in Little Rock betreten. Gegen die bornierten Rassisten schickte der US-Präsident Einheiten der 101. Luftlandedivision und verkündete: "Der Mob darf niemals die Entscheidungen unserer Gerichte überstimmen." Der bedeutende Sieg der schwarzen Bürgerrechtler von Little Rock hat seine Vorgeschichte in der großen Flut von 1927, die John Berry in seinem Buch "Rising Tide: The Great Mississippi Flood of 1927 and How It Changed America" seziert hat. Damals flohen die Weißen mit dem Schiff, während die Schwarzen ertranken oder in Lagern wie Sklaven gehalten wurden. Die viehische Behandlung hatte Konsequenzen: Der New Deal wurde geschlossen, viele Schwarze wanderten in den Norden ab und viele Amerikaner unterstützten den Katastrophenmanager Herbert Hoover bei seinem Kampf gegen Armut und Rassismus.
*** Es gibt einen Zusammenhang zwischen Wirbelstürmen und dem Klimawandel in der Welt, den die beratungsresistente Regierung Bush übersieht. Darauf hat in der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung Robert F. Kennedy Jr. hingewiesen, der die Ablehnung des Kyoto-Protokolls durch Gouverneurin Haley Barbour und George W. Bush beschreibt. Ein Hinweis, den vorigen Montag auch der deutsche Umweltminister Jürgen Trittin in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau parat hatte. Auf diesen Hinweis hin konstruierte Spiegel Online einen angeblichen Skandal herbei. Ganz nebenbei klärt sich somit auf, wofür Blogs und ihre herumschleichenden Leser eigentlich gut sind, wenn sie Verdrehungen und Verstümmelungen dieser Art nachgehen und dabei auch nicht vor den Streitereien im amerikanischen Vollblutzüchterverband Halt machen.
*** Im Handelsblatt hat sich der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk bemüht, dem nur in Renditen und Zinsen denkenden Handelsblatt-Leser etwas Peilung im Wahlkampf zu verschaffen: "Die Linke ist normalerweise eine international operierende Zornbank, in der kleine Leute ihre Spareinlagen an Empörung deponieren könnten." Da der Zorn im ganzen Lande vorhanden ist, könnte man von beruhigenden Aussichten für die Linke, von unruhigen Träumen für die anderen Banker sprechen, doch Sloterdjk beruhigt seine Leser: "Aber Gysi, Lafontaine und Konsorten sind keine guten Zornbankiers. Das erkennt man daran, dass sie diese Einlagen zwar sammeln können, aber außerstande sind, mit ihnen erfolgreich zu wirtschaften." Wie man mit Zorn erfolgreich wirtschaftet, verrät die Zeitung nicht. Das ist eigentlich schade, denn die kleinen Leute gibt es und die Produktion von Parias läuft auf Hochtouren weiter. Glaubt man dem Printmagazin Spiegel, so soll nach der Bundestagswahl von den dann regierenden Bankern ein Experten-Workshop stattfinden, in dem die Projektberater von McKinsey und Co überlegen dürfen, wie eine völlig neue "Zentral-Software" auszusehen hat, die A2LL ersetzen soll. Dass das Problem bereits in der Idee einer "Zentral-Software" liegen könnte, die Sachbearbeitern in Passau die Daten Kieler Arbeitsloser zur Verfügung stellt, scheint ausgeschlossen zu sein. Deutschland hat einen Hang zu autoritären Lösungen in der Tradition der SED-MfS-Dikatur, hieß es auf der Sommerakademie der Datenschützer: Dieses Land kann von Österreich und der Schweiz lernen, wie man Vertrauen statt Bürgerzorn produziert.
*** Im Zuge der Politik der neuen Ehrlichkeit hat Angela Merkel den großen Siemens-Sanierer Heinrich von Pierer als Freudebanker in ihr Team übernommen und damit signalisiert, weiter mit bewährten Partnern für Innovation zu wursteln. Die Kernkraftwerke sollen länger laufen und sicher wird sich das nette Papier finden lassen, das zu Pierers Mitgliedszeiten beim European Round Table of Industrials das strikte Verbot jeglicher Privatkopie digitaler Inhalte in Europa forderte.
*** Das Thema bringt mich zum wichtigen Schritt des US-amerikanischen Bundesstaates Massachusetts. Dort möchte man das OpenDocument-Format zum Standard bei der Speicherung von Dokumenten erklären. Das Ganze kommt etwas ungelegen für Microsoft, wie es den Worten vom obersten Office-Manager Allan Yates zu entnehmen ist, der die Leute in Massachusetts eindringlich vor den versteckten Kosten offener Dateiformate warnte. Schließlich hat Microsoft zusammen mit der Firma Brainloop vor kurzem das Windows Rights Management mit Office-Dokumenten gekoppelt, um einen ebenso lukrativen wie geschlossenen Markt zu eröffnen. Eigentlich müsste Steve Ballmer nun seinen Schreibtisch Richtung Massachusetts werfen, wie er seinen Stuhl Richtung Google schleuderte. Denn das sichere Speichern und Finden von Firmendokumenten wird in den Zeiten von Sarbanes-Oxley als einer der entstehenden Riesenmärkte genannt. An diesem großen Kuchen wollen viele knabbern, notfalls mit Hilfe der eigenen Kinder.
*** Und, falls es noch jemand nicht mitgekriegt hat: In der norddeutschen Tiefebene verlegt ein kleiner Verlag nicht nur verschiedene Druckerzeugnisse und hält diese kleine Website am Leben, sondern legt auch noch eine Verfassungsbeschwerde ein, damit das WWWW weiter voller Links bleiben kann. Und das ist gut so.
Was wird.
Es ist ein allgemein verbreiter Irrtum, dass am 18. September eine wichtige Wahl ansteht. Die alles entscheidende Wahl haben wir heute Abend: Da können wir zwischen ARD und ZDF und RTL und Sat 1 und einem der vielen Live-Blogs wählen, wo wir das Duell zwischen Angie und Gerd anschauen. Das ist keine Wahl? Aber sicher doch, das ist das Prinzip der Wahl in ihrer reinsten Form. Das ist eine ganz besonders tolle Wahl, bei der der Zuschauer übrigens schon verloren hat, ehe er einen einzigen Knopf drückt: Wenn ich all die tollen IFA-Berichte verstehe, braucht es HDTV, um all die Spannung, den Schweiß und die Action senden zu können. "Mit HDTV wird Sport lebensecht und alles andere auch". Alles andere? Die lausigen 414.000 Bildpunkte können das Flirren nicht abbilden, dass zwischen dem Mann und der Frau entsteht. Gleich vier Moderatoren sind aufgeboten, mit geschickt eingefädelten Fragen das Flirren im der Flimmerkiste zu verhindern, weil wir noch kein HDTV haben und noch nicht überwältigt sein dürfen.
Mit einer einzigen Frage hat Direktwahlkandidat und Radfahrer Hans-Christian Ströbele ein Vorlage für die Nichtradfahrerein Angela Merkel geliefert. Er hatte in der Sicherheitszentrale des Bundestages nachgefragt, ob die rund um die Uhr wachsamen Wachleute bemerkt oder aufgezeichnet haben, wie Ströbeles am Bundestag parkierte Fahrrad geklaut wurde. Dass dies ein Kämpfer gegen die Videoüberwachung tut, findet Angela Merkel so komisch, dass sie es nun bei jedem Wahlauftritt erzählt. Komisch ist eigentlich nur die Frage, was all die Videotechnik an einem (nach US-Botschaft und Bundeskanzleramt) der bestbewachtesten Berliner Gebäude soll, wenn sie nicht einmal einen Fahrraddiebstahl aufklären kann? Vielleicht gibt diese Konferenz in der nächsten Woche eine Antwort. Einen Tag vorher kann die Mannschaft, die Weltmeister werden will, zeigen, dass sie doch noch gewinnen kann. (Hal Faber) / (anw)