Aufwärts im Reich der Mitte
Der im Frühjahr verabschiedete zwölfte Fünfjahresplan hat große Auswirkungen auf den IT-Bereich. China fördert in allen Ressorts nationale Alternativen zu den Produkten westlicher Anbieter, die nicht nur Auswirkungen auf die Umsätze haben werden.
- Andreas Graf
Das Sprichwort vom Sack Reis, der in China umfällt, wird zunehmend unzutreffender. Die wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen im Reich der Mitte sind inzwischen eng verzahnt mit der europäischen Wirtschaft: Chinesische Firmen investieren zum Beispiel intensiv in westliche Automobilfirmen. Für diese wiederum ist China nicht nur Absatzmarkt, denn Zulieferer bemühen sich auch verstärkt um lokale Entwicklungszentren. Auch die Softwareindustrie macht große Fortschritte: Auf dem chinesischen Markt sind beispielsweise UML-Werkzeuge wie Trufun UML, die den Vergleich mit westlichen Alternativen nicht zu scheuen brauchen, auch in kostenlosen Editionen verfügbar.
Informationen über chinesische Aktivitäten tauchen jedoch selten in Suchmaschinen-Abfragen zu diesen Themen auf. Denn obwohl die Chinesen gerne und ausgiebig bloggen und im dortigen „Twitter“-Äquivalent kommunizieren, schreiben sie meist chinesisch. Dabei hat der im Frühjahr verabschiedete 12. Fünfjahresplan große Auswirkungen auf den IT-Bereich. Der Artikel 13 fordert die umfassende Erhöhung des Grades der "Informatisierung" der Gesellschaft und Wirtschaft. Dazu sollen chinesische Ingenieure die nächsten Generationen von Mobilfunknetz, Internet, digitalem Fernsehen und Satellitenkommunikation erstellen.
Neben dem Infrastrukturaufbau im ländlichen Raum umfasst das auch den Ausbau von Cloud-Computing-Plattformen sowie die Definition von Gesetzen und Standards. Neben der Förderung des E-Commerce, insbesondere für kleine und mittelgroße Unternehmen, ist die zu entwickelnde Infrastruktur für die Aktivitäten im Bereich E-Government vorgesehen. Dabei überrascht es nicht, dass als dritter Schwerpunkt unter dem Titel „Verstärkung der Sicherheit im Netz“ neben Authentifizierungsmechanismen weitere Überwachungs- und Kontrollfunktionen geplant sind. Ein weiterer Ausbau der Softwarebranche erfolgt zudem indirekt über andere Schlüsselthemen wie Luft- und Raumfahrt sowie die Entwicklung von Kraftfahrzeugen mit alternativen Antrieben.
Die konkrete Umsetzung erfolgt bislang über Förderprogramme wie HeGaoJi des Ministeriums für Wissenschaft und Technik. HeGaoJi ist die Abkürzung für „Elektronische Kernkomponenten und High-end-Chips für den allgemeinen Einsatz und Infrastruktur-Software“ und befasst sich mit der Entwicklung nationaler Hardware, Betriebssysteme und Infrastruktur. Eine Gesamtfördersumme von über zwei Milliarden Euro erhielt hierin 2010 unter anderem das Android-System Ophone für Mobiltelefone, das laut Pressemeldung auch eine Unterstützung für die Windows Mobile API bietet. Zudem wurden neben dem digitalen Signalprozessor Huarui-1, der zu vergleichbaren Produkten die dreifache Leistung bei einem Drittel Energieverbrauch bieten soll, zwei weitere Prozessoren gefördert: der in Notebooks und Supercomputern eingesetzte Godson (oder Loongson) und der FT-1000. Letzterer erlangte indirekt Berühmtheit, da er die Grundlage für den Supercomputer Tianhe-1A bildet, der Ende 2010 als schnellster Computer der Welt für Schlagzeilen sorgte.
IT-Systeme "Made in China"
Die Regierung setzt auf Linux als Betriebssystem. In der derzeit laufenden Antragsphase für HeGaoJi 2012 wird im ersten Förderprojekt "Entwicklung und Verbreitung eines Servers mit CPU und Betriebssystem 'Made in China'" der Einsatz eines Betriebssystems auf Basis von Linux Standard Base (LSB) beschrieben. Das Entwickelte muss Virtualisierung unterstützen sowie in Bezug auf Stabilität und Verlässlichkeit kommerzielle Kriterien erfüllen. Ziel ist der Verkauf von mindestens tausend Einheiten. Die gleiche verkaufte Stückzahl fordert das Projekt zur Entwicklung von Hard- und Softwarekomponenten für die Steuerung von Produktionsmaschinen und Fertigungsanlagen.
Mit drei Projekten fördert die chinesische Regierung die Ausrichtung E-Government aus dem Fünfjahresplan auf drei Ebenen. Für das Zentralkomitee, Regierungsabteilungen und lokale Regierungen wird der Aufbau einer Infrastruktur betrieben, die die jeweiligen Anforderungen erfüllt und 500 bis 1000 Anwender unterstützen soll. Hierfür kommt neben dem Einsatz von chinesischem Prozessor und Betriebssystem auch die Forderung nach chinesischer Office-Software und Datenbanken aus China zum Tragen. In dem Kontext fördert China einen Anbieter wie Kingsoft, der mit Kingsoft Office entsprechende Bürosoftwarepakete entwickelt. Inwieweit sich das auf Microsofts Marktanteile auswirkt und wie stark die Sichtbarkeit auf dem internationalen Markt dadurch wächst, dürfte interessant zu beobachten sein.
Die Projekte fĂĽr die Regierungs-IT sind in dieser Phase Demonstratoren, sollen aber Konzepte und Richtlinien liefern, wie auf dieser Infrastruktur ein Office Information System aufzusetzen ist, und einen Plan fĂĽr Betrieb, Wartung und Personalplanung enthalten.
Darüber hinaus werden die Provinzen durch den Aufbau von Demonstratoren für digitale Archive unterstützt. Das Ministerium fördert damit sichtbar Alternativen zu den internationalen Anbietern.
Eingebettete Welt
Die gleiche Richtung zeigt sich bei den hardwarenahen Projekten. In der Unterhaltungsindustrie werden Prototypen von Hard- und Software für das digitale Fernsehen entwickelt. Auf Basis der nationalen Techniken sollen Ein-Chip-Systeme für die Endkomponenten des digitalen HDTV in den privaten Haushalten entstehen, inklusive einer geeigneten Softwareplattform. Recht allgemein gehalten ist die Förderung von Mobiltelefon-Prototypen, die nur die Integration von CPU und Betriebssystem beschreibt.
Spekulieren kann man darüber, ob staatlich geförderte Tablet-PCs entstehen werden. Hierfür fordert das Ministerium neben dem Mindestumsatz von einer Million Einheiten und der Einrichtung eines Onlineshops für Drittanbieter überraschenderweise ein technisches Detail: Das Display muss mindestens eine Größe von sieben Zoll haben.
Dass China sich auch im Automotive-Bereich autark macht, zeigt die Entwicklung eines nationalen Prozessors für den Einsatz im Automobil. Bestehende Techniken sollen an die speziellen Anforderungen wie Hitzeentwicklung, Energieaufnahme und elektromagnetische Verträglichkeit angepasst und die Einsatzfähigkeit bewiesen werden. Dass hier konkurrenzfähige Produkte entstehen, hat die Firma i-soft in einer früheren Förderungsphase gezeigt und eine AUTOSAR-Basissoftware implementiert, die im chinesischen Markt in Konkurrenz zu den deutschen Anbietern steht.
Fazit
Neben der technischen Zielvorgabe und den zu verkaufenden Einheiten fordert das Ministerium für manche Projekte noch eine Mindestanzahl eingereichter Patentanträge. Ziel der Regierung im Fünfjahresplan ist es, durchschnittlich auf 3,3 Patente pro 10.000 Einwohner zu kommen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert etwa bei 6. Umsetzungen der Themen werden jeweils mit circa 1 bis 5 Millionen Euro gefördert. Um das mit europäischen Zahlen zu vergleichen, ist zu berücksichtigen, dass ein chinesischer Senior Software Engineer circa 20.000 Euro Jahresgehalt bezieht.
Im Rahmen des Fünfjahresplans fördert die Regierung in allen Bereichen nationale Alternativen zu den Produkten westlicher Anbieter. Auf den ersten Blick mag das nur Auswirkungen auf die Umsätze haben. Die wachsenden Investitionen chinesischer Unternehmen im Ausland legen nahe, dass Europa verstärkt zum Markt für chinesische IT-Unternehmen wird.
Andreas Graf
ist fĂĽr die Ausrichtung des itemis-Angebots im Bereich Automotive verantwortlich. Er ist Sprecher der Eclipse Automotive Industry Working Group.
Alle Links: www.ix.de/ix1108076 (ane)