Intermodal reisen
Eine intelligente Vernetzung verschiedenster Fortbewegungsmöglichkeiten, vom Elektroauto bis zum Hightech-Bus, soll Städter zum Verzicht auf den eigenen Pkw animieren. Dabei spielt das Smartphone eine Schlüsselrolle.
- Susanne Donner
Eine intelligente Vernetzung verschiedenster Fortbewegungsmöglichkeiten, vom Elektroauto bis zum Hightech-Bus, soll Städter zum Verzicht auf den eigenen Pkw animieren. Dabei spielt das Smartphone eine Schlüsselrolle.
Oberursel, Friedländerstraße 12. "Ich stehe vor der Haustür und schaue in meinen Vorgarten", sagt Andreas Roller. Der Mann trägt eine Brille, weißes Hemd und kurzes hellbraunes Haar. Der Gartenzaun vor seinen Augen erinnert an Großmutters Bleibe. Aber Roller, von Beruf Teamleiter für Fahrgastinformationssysteme der Karlsruher Telematikfirma Init, reist in die Zukunft – mithilfe seines Smartphones. In Sekundenschnelle hat eine Software die Umgebung vermessen und den Vorgarten täuschend echt dreidimensional auf dem Display dargestellt. Ein roter Punkt taucht neben der Hecke auf. Das ist Roller. Das Ortungssystem des Handys hat seine Position ausgemacht. Am Gartentor weist ein Pfeil auf dem Display den Weg nach links. 910 Meter Fußweg in neun Minuten, an der nächsten Kreuzung rechts abbiegen, lotst ihn das Programm zur U-Bahn-Station.
In drei Minuten die U3 Richtung Südbahnhof nehmen, sagt ihm sein Smartphone dort. Kurz nach Abfahrt der U-Bahn macht das intelligente Handy durch Vibrationsalarm auf sich aufmerksam: "Störung auf der Linienstrecke! Die Weiterfahrt verzögert sich in Kürze um 30 Minuten!" Roller drückt den Befehl "Ausweichroute berechnen". Das Programm schlägt vor, in Oberursel umzusteigen, die S5 Richtung Frankfurt-Süd, dann einen Bus und ein Leihrad zu nehmen. In der S-Bahn empfängt Roller prompt eine SMS zur Buchung des Fahrrades. Mit einem elektronischen Ticket samt Autorisierungscode schaltet er kurz darauf das Gefährt frei – an der Ecke Holzhausenstraße/Eschenheimer Landstraße. Kaum im Sattel, zeigt ihm das Programm den Radweg zum Ziel: Goethe-Universität Frankfurt.
Roller schließt die Präsentation: "Das ist die Vision: Reisen mit Fußgängernavigation, elektronischem Ticket, Echtzeitdatenübertragung und verschiedenen Verkehrsträgern, also intermodal." Die Firma Init hat sich mit anderen Partnern für die Entwicklung einer solchen Smartphone-Applikation in Frankfurt am Main beworben.
"Intermodal" ist das Fachattribut, das Verkehrsplaner seit Kurzem elektrisiert. Die Idee dahinter: das gesamte Angebot an Verkehrsmitteln im Nah- und Fernverkehr so geschickt zu verweben, dass die persönliche Individuallösung – sprich der Besitz eines Autos – sich als verzichtbar erweist. Zwar reist bislang niemand so, wie Roller es demonstriert. Auch Roller selbst nicht, der sein Auto über alles liebt. Doch die Zahl der Autoliebhaber schrumpft – vor allem in Großstädten.
In Berlin und Paris bewegt sich schon jetzt rund die Hälfte der Bewohner intermodal: Sie nutzt alle möglichen Verkehrsträger ohne eigenes Auto. Bei der jüngeren Generation hat der Pkw Umfragen zufolge schon wegen der hohen Kosten sein Image als Statussymbol eingebüßt. 300 Euro kostet bereits ein Kleinwagen monatlich samt Anschaffungspreis. Das wird immer mehr Menschen zu teuer, zumal die Spritpreise steigen und Parkplätze rar sind. Zudem ist der öffentliche Nahverkehr in den deutschen Großstädten gut ausgebaut und ermöglicht Fortbewegung ohne Pkw. Neuentwicklungen wie fahrdrahtlose Straßenbahnen und Seilbahnen werden das innerstädtische Mobilitätsangebot in naher Zukunft noch bereichern. Öffent-liche Verkehrsmittel wie Busse und Trams erhalten mit intelligenten Verkehrsmanagementsystemen dauerhaft Vorfahrt. Was noch weitgehend fehlt, ist die Vernetzung der einzelnen Systeme und eine lückenlose und jederzeit erhältliche Reiseinformation. Genau diese Lücke kann über das Smartphone als ständiger Begleiter mit entsprechenden Apps geschlossen werden.
Gegenwärtig ist das autolose Dasein oft recht beschwerlich. Nah- wie Fernreisende sind den Taktzeiten von Bus und Bahn ausgeliefert. Für Fahrten an entlegene Orte und zu später Stunde sind die Beförderungsmöglichkeiten dünn gesät. Mobilitätsvisionäre wie Andreas Knie, Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel in Berlin (InnoZ), propagieren deshalb die "Mobilität 2.0": Öffentliche Individualverkehrsmittel sollen die Schwächen der Massentransportmittel aufwiegen. Leihroller, -motorräder, -fahrräder und -autos mit unterschiedlicher Antriebstechnik erhöhen die Reichweite, eignen sich zum Transport von schwerem Gepäck und können spontan und individuell genutzt werden. Mit dem Smartphone als universellem Ticket- und Auskunftsschalter werden alle Verkehrsmittel geortet und gebucht.
Nach Unternehmensberatern von McKinsey & Company könnte ein modernes Verkehrsmanagement den Energieverbrauch im Verkehr bis 2020 um drei bis fünf Prozent senken und die Treibstoffkosten um 2 bis 6 Milliarden Euro reduzieren. Rückenwind bekommt das Konzept der Mobilität 2.0 auch aus Brüssel: Bis 2050 sollen alle benzinbetriebenen Autos aus den Innenstädten verbannt werden, schlägt die Europäische Kommission in einem neuen Weißbuch vor. Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel. Energieerzeuger, Verkehrsunternehmen, Autobauer die IT- und die Telekommunikationsbranche forcieren aber teilweise bereits den Wandel auf den Straßen. BMW und Daimler investieren in Leihfahrzeug-Infrastruktur; Vattenfall, RWE und EnBW sind laut Knie dabei, sich als Servicedienstleister für Elektromobilität zu profilieren. Das Segment der Verkehrstelematik wächst und soll sich McKinsey zufolge im Jahr 2020 auf ein Marktvolumen von drei bis vier Milliarden Euro belaufen. Voraussetzung für den Umstieg ist allerdings, dass Leihfahrzeuge nahezu flächendeckend und allzeit verfügbar sind. Zudem müssen die Auskunftssysteme verschiedener Anbieter gebündelt und jederzeit an jedem Ort zugänglich gemacht werden. All das erfordert ein Umdenken weg vom produktbezogenen Vertrieb hin zu einem kundenorientierten Angebot von Mobilitätsdienstleistungen, schrieb Knie.