Chip-Archäologie
Drei Amerikaner haben buchstäblich ein Stück Computergeschichte wieder ausgegraben, indem sie in mühsamer Kleinarbeit das Design des 6502-Prozessors rekonstruiert haben.
Bin ich wirklich schon so alt? US-Kollege Christopher Mims berichtet von einem Projekt, das in mir eine gewisse Wehmut ausgelöst hat: Die Brüder Barry und Brian Silverman haben gemeinsam mit ihrem Greg Teamkollegen Greg James buchstäblich ein Stück Computergeschichte wieder ausgegraben, indem sie in mühsamer Kleinarbeit das Design des 6502-Prozessors rekonstruiert haben.
6502? Bevor Sie sich gelangweilt abwenden, gestatten Sie mir einen winzigkleinen Ausflug in die Computergeschichte: Damals, Ende der 1970er Jahren hat eine wilde Mischung aus enttäuschten Ingenieuren, die keine Lust mehr auf die Strukturen in der Elektronik-Industrie hatten, langhaarigen Hippies und begabten Hardware-Hackern die ersten Computer für den Heimanwender entwickelt. Obwohl kein Mensch gewusst hat, was man wirklich mit diesen Dingern anstellen kann. Damals gab es eine ganze Reihe sehr verschiedener Rechner-Architekturen, und die Wahl eines bestimmten Rechners war - wahrscheinlich noch mehr als heute - nicht nur eine technische Frage, sondern auch eine des Lebensgefühls.
Der 6502-Prozessor ist von einer Gruppe Ingenieure entwickelt worden, die bei Motorola ausgestiegen sind, um ihr eigenes Unternehmen aufzumachen. Der 8-Bit-Prozessor, der damals für sensationell günstige 25 Dollar verkauft wurde, ist in die ersten Commodore Homecomputer eingebaut worden und natürlich auch in den berühmten Apple II, den Urahnen aller Apple-Rechner. Und eine Variante des 6502, der 6510 bildete dann schließlich das Herz des Commodore C 64, „hässlich, wie ein plattgetretenes Brot aber mit allen Extras inklusive versenkbarer Umgebung“, wie der Kollege Peter Glaser damals schrieb.
Mensch, ist das lange her. Mir geht es ja auch immer wieder so, dass ich alte Hardware einfach nicht wegwerfen kann. Eine Maschine zu verschrotten, die eigentlich noch läuft, tut mir immer in der Seele weh: So habe ich jahrelang einer alten HP-Workstation mit tonnenschwerem 21-Zoll-Monitor Obdach gegeben, die eigentlich nur Platz weggenommen und Staub gefangen hat. Ich habe mal gelesen, die zu enge Bindung an Gegenstände sei eine Phase der Persönlichkeitsentwicklung - ein Kind liebt seinen Teddybär, weil der immer greifbar ist und simulierte Nähe zur Mutter erzeugt. Design-Guru Don Norman vertritt demgegenüber eine Auffassung, die mich nicht ganz so kindisch aussehen lässt: Er meint, dass Dinge um so mehr an Bedeutung gewinnen, je mehr wir mit ihnen erleben. Alte Sachen sind also gewissermaßen mit gelebter Zeit aufgeladen, deswegen fällt es machen schwer, sich davon zu trennen.
Zurück zum Thema: Damals, in den guten alten Zeiten wurden die Pläne für den 6502 noch von Hand gezeichnet - auf einem einzigen Blatt Papier, schreibt schreibt Nikhil Swaminathan. Nicht so wie heute, wo die Spezifikationen des zu entwickelnden Chips in einer Art komplexer Programmiersprache aufgeschrieben werden und eine Spezial-Software errechnet daraus das Layout der Schaltung. Das Papier mit dem Layout des 6502 ist allerdings - wer Computerleute kennt, wird sich nicht wundern - längst verschwunden.
Also hat Silverman das Layout wieder „ausgegraben“, indem er einen alten Chip in Schwefelsäure gebadet, und im Ultraschallbad gereinigt hat - um die so freigelegte Schicht dann mit hoher Auflösung zu fotografieren und dann eine Schichte tiefer zu graben. Für alle Computer-Nostalgiker: Das Ergebnis ist auf visual6502.org zu bewundern. (wst)