Poesie des Stresstests
Wer sich die Zeit nimmt, den Schlussbericht zur „Betriebsqualitätsüberprüfung Stuttgart 21“ zu lesen, wird eine reichhaltige Auswahl wunderschöner Wortschöpfungen und tiefer Wahrheiten finden, die er dort wahrscheinlich nie vermutet hätte.
Wie leicht geht dem Journalisten in der Hektik des Alltagsgeschehens das Gefühl für die Schönheit der Sprache verloren. Dabei finden sich, abseits der Hektik der Meldungen oft sprachliche Schätze. Wer sich zum Beispiel die Zeit nimmt, den Schlussbericht zur „Betriebsqualitätsüberprüfung Stuttgart 21“ zu lesen, wird eine reichhaltige Auswahl wunderschöner Wortschöpfungen und tiefer Wahrheiten finden, die er dort wahrscheinlich nie vermutet hätte.
Zum Beispiel den Begriff der „Eisenbahnbetriebswissenschaftlichen Simulation“, den die leider ungenannten Autoren viel lieber verwenden als „Stresstest“, weil der „Stresstest“ halt zu einem „Modebegriff“ verkommen ist. „Er wird in den unterschiedlichsten Disziplinen verwendet (Banken, Atomkraftwerke, Politik etc.), ohne dass ein Quervergleich methodische Analysen zutage fördern würde“, liest man da. Also, wie gesagt, reden wir lieber über die Eisenbahnbetriebswissenschaftliche Simulation“. Was ist das? Nun, ein „Simulation ist ein mit IT-Methoden programmierter Ablauf eines heutigen oder zukünftigen Eisenbahnbetriebs auf bestehenden und neuen, heute noch nicht vorhandenen Anlagen.“
Sowas muss man, um es wirklich genießen zu können, ganz langsam lesen, finde ich: Ein „mit IT-Methoden programmierter Ablauf“. Donnerlüttchen, wenn das nicht wissenschaftlich ist. Und „dazu bedarf es zahlreicher Eingangsgrößen und einer mathematischen Beschreibung aller Zugbewegungen (welcher Zug fährt wann mit welcher Geschwindigkeit an welcher Stelle).“ Wann habe ich in diesem Zusammenhang das letzte mal das Wörtchen „bedarf“ gelesen? Gut, die Frage in Klammern kommt ein bisschen zu konkret daher, aber der Gesamteindruck ist immer noch ganz wunderbar exakt. Und wer noch weiter gräbt, findet Perlen des Eisenbahner-Universums wie „Einbruchsverspätungen“, „Durchrutschwege“, „Pufferzeitverletzungen“ und „Fahrzeitüberschüsse“. Das ist eine Art verbaler Modelleisenbahn, mit viel Liebe zum Detail.
Fast könnte man meinen, es ginge nicht um Milliarden von Euro, tausende von erbitterten „Wutbürgern“, die ihre Regierung zum Teufel gejagt haben und einen echten, politischen Konflikt. Sondern nur um die saubere, verkehrstechnische Simulation einer Bahnanlage. Beinahe schade, das es nicht so ist. (wst)