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Was war. Was wird.

Okkulte Feste voll seltsamer Rituale können auch die Massen anziehen, wundert sich Hal Faber. Aber so ist es halt: Der Teufel steckt im Detail, weil er es eigentlich gut mit uns meint.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** 49 Nachrichten gab es im Ticker am 06.06.06, den spirituell gesinnte Menschen als Tag des Teufels deklariert haben und besonders spirituell Gesegnete gar vorausschauend als Tag des Weltuntergangs. Doch nur die Sonne ging unter, während die Welt weiter wunderliche Nachrichten produzierte. Willkommen, Damien, du wirst noch merken, was man mit Zahlen alles anstellen kann. Nehmen wir nur das Wort "Computer" und addieren die teuflischen sechsfachen Zahlenwerte der Buchstaben, so haben wir ganz klar 666, die Mutter aller Abstürze.

*** Das besonders teuflische am Teufel ist ja, dass er es eigentlich gut mit uns meint. Nehmen wir nur den Drecksfehlerteufel und die ganzen sich unweigerlich anschließenden Diskussionen im Heiseforum. Deswegen versteckt sich der Teufel im Detail und kann nur mit ganz besonders spiritueller Energie gefunden werden. Etwa in dieser Nachricht am 06.06.06 über eine EU-Umfrage, die auf einem US-Server läuft. Gefragt wird, was man von einem System hält, in dem die persönlichen Daten sämtlicher EU-Bürger gespeichert sind. Das ist eine teuflisch gute Idee, nicht wahr? Teuflisch trickreich sind die Fragen an die EU-Bürger:

"Ich werde wenig Kontrolle über meine Ausweisdaten haben, aber ich vertraue den Behörden, die sie verwalten."

Stimme ich der Frage zu, weil ich überzeugt bin, dass ich wenig Kontrolle über die Daten habe, kann dies als Zustimmung gewertet werden, dass ich den Behörden vertraue. Stimme ich der Frage nicht zu, weil ich keiner Behörde zutraue, dass sie meine Daten verwalten können, habe ich die tolle Aussage verneint, dass ich wenig Kontrolle über meine Ausweisdaten haben werde. Solche mit der Zwickmühle gemahlenen Fragen bekommen nur besonders gute Datenteufel hin, alle Achtung. Wie die Realität aussehen wird, das wissen die, die mit dem Teufel gute Geschäfte machen und darum schicke eigene Umfragen vorweisen können. Wenn Unisys mit den Daten in den ePässen das große Identitätsgeschäft machen will, hört sich das nett an: "Vermeintliche Eingriffe in die Privatsphäre werden durch die Vorteile der Multifunktionskarte aufgewogen." Es gibt nur Vorteile und die Eingriffe sind nur vermeintlich oder eben putativ. Und das von einer Firma, die für ihre Univac den Algorithmus 666 entwickelte. Hohl dröhnt es aus dem Lautsprecher und unter der Tastatur leuchtet es fahl. Ich glaab die hole mich ab, haha.

*** Für manche Leser des beschaulichen Newstickers aus der norddeutschen Tiefebene ist es ein okkultes Fest voller seltsamer Rituale, für andere die beste Gelegenheit, einen landsmannschaftlichen Wimpel an ihr geliebtes Automobil zu heften: Die Fußball-WM ist da, der reine Spaß am Mega-Event wird von schwarzrotgoldenen Schnapsnasen gefeiert. Auch von unten betrachtet sieht das ganze etwas kümmerlich aus. Im Taumel des Alkohols und überkommener nationalstaatlicher Zuordnungen sind kleinliche Bemerkungen zur Videoüberwachung, Taschen- und Slipkontrolle nicht gerne gesehen. Der Staat gibt sich keine Blöße und so ist auch die Meldepflicht ohne vorherige Vorstrafe wundersamerweise möglich geworden. Man muss halt nur in der richtigen Datei stehen und den Behörden vertrauen, die "Gewalttäter Sport" verwalten. Die WM-Spannung wird es erst nach dem 9. Juli wachsen, wenn Weltmeister Brasilien abgereist ist und all die Sonderschutzmaßnahmen, Videokameras und Ticketkäuferdatenbanken abgetakelt werden müssten. Ansonsten wäre die Fußball-WM für manche ein willkommener Ausbau des Überwachungsstaates. Und für die nächste WM in Südafrika hat Google etwas ganz besonders Nichtböses erfunden.

*** Damit mache ich rüber, zu den brummbärigen Kommunisten, die die Zahl 666 aufmerksam studierten und noch wussten, dass der Kapitalismus urböse ist und ein Werk des Großen Tiers. In China gibt es die kapitalistische Variante des Kommunismus, gewissermaßen ein "666 Special" und darum eben keine Privatsphäre. Alles, was der Chinese für sich behalten kann ist Yinsi, sein schamhaft verschwiegenes Geheimnis. Immerhin bemerkenswert, dass Google jetzt sein schamhaft verschwiegenes Geheimnis veröffentlicht: In China hat man aus dem Firmenmotto "Don't be evil" die Aussage "Don't be live" gemacht und zensiert Themen wie Taiwan, Tibet und das Massaker nach der Demokratiebewegung um den Tian'anmen-Platz 1989. Sie haben in der Suchmaschine Gu Ge keinen Platz. Meinungsfreiheit ist am Ende auch nur ein Algorithmus.

*** Zu den okkulten Dingen, bei denen ich schreckensbleich nach meinem Weidepfröpfchen greife, gehört die Ankündigung vom 06.06.06 (haha, hehe, huhu), dass ein teuflisch aussehender neuer iPod erscheint, mit Höllenring und Unterschriften. Lässt man die Festplatte des Geräts rückwärts laufen, so hört man die Stimmen von Aleister Crowley und Gundel Gaukeley. Läuft der iPod normal, so hört man Angela Merkel, die auf ihrer Podcast-Seite komplett mit Höllenring und Unterschrift geheimnisvolle Nachrichten vloggerpoddet. Verräterisch, wenn Quicktime funktioniert, während der Windows Mediaplayer Probleme mit dem 666-Codecs hat. Welch düstere Mächte da am Werk sind, zeigt die erste Ansprache, ein Fußball-Podcast der Kanzlerin, die "ein bisschen wie Michael Ballack" ist. Und was ist dann mit der Problemwade? Ganz klar ein Hinweis, dass die kleinen bösen Kallikaks wieder unterwegs sind und zustecken. Wer weitere Beweise für das dämonische Tun sucht, der soll mir bitte erklären, wie der Gesundheitspool ohne Veitstänze und Kröten funktionieren soll. Letztere müssen übrigens wir schlucken.

*** "Marmor, Stein und Eisen bricht" ist eines der wenigen okkulten Lieder, die es bei uns zum Schlager gebracht haben. Es gab sogar einen Film, voller einstürzender Neubauten. Nun ist Drafi Deutscher gestorben, genau wie kurz zuvor, doch wenig bemerkt, Alan Kotok und Frederik Hetmann. Der freilich kein Anhänger okkulter Sachen war, sondern lieber den Hans-im-Glück-Preis stiftete.

Was wird.

Im normalen Leben wird es weiter gehen, mit Fußball, Fußball, Fußball. Mit Poldis, Schweinis, Klinsis, Schiris und kommentierenden Doofis. Dass die deutsche Mannschaft vorzeitig ausscheiden wird und dies eine kathartische Reaktion und Rückbesinnung auf deutsche Tugenden auslöst, ist eine vermessene Hoffnung. Eher gehen polnische Hools zu den Wiener Sängerknaben. Doch ganz im Okkulten kündigen sich neue Entwicklungen an. Nehmen wir nur Unisys, die Firma, die unsere Identitäten merkantil verdaten will. Einst gehörten ihr Patente an dem Algorithmus, die sich zunächst kaum zu Geld machen ließen. Erst als er dazu benutzt wurde, Bildchen zu komprimieren, rollten die Taler. Nun könnte LZW eine weitere Karriere machen, freilich ohne dass Unisys daran verdient. Wenn Anwälte mit Schreibprofilen ermitteln wollen, wer einen bestimmten Forumsbeitrag in einem Forum ohne Hauswart geschrieben hat, müssen Algorithmen her, die helfen, solche Profile zu ermitteln. Die Schädelvermessung, ob jemand zu solchen Schreibuntaten fähig ist, die haben wir bereits mit dem ePass bekommen. Das wurde am 06.06.06 online freigeschaltet. Teuflisch, teuflisch, teuflisch. Aber gut. Bald ist Juli, da ist die WM vorbei und das wichtigste Sportereignis findet statt – natürlich unter teuflischer Begleitung. (Hal Faber) / (jk)