Mit Anlauf vor die Wand

Das Digitalradio-Format DAB ist gefloppt. Was haben die Rundfunkanstalten daraus gelernt? Gar nichts, denn nun versuchen sie es mit DAB+ erneut.

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Kennen Sie Paul Watzlawick? Der 2007 verstorbene Kommunikationswissenschaftler prägte unter anderem so schöne Sätze wie „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Am bekanntesten ist sein Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“. Darin stellt er verschiedene Denkstile dar, die gerne ins Desaster führen. Etwa das Prinzip „Mehr des Gleichen“. Es funktioniert beispielsweise so: Ein junger Mann ist zu schüchtern, um Frauen anzusprechen, und trinkt sich Mut an. Seine gelallten Anmachen jagen die Frauen nun erst recht in die Flucht. Er schließt daraus: Ich habe einfach noch nicht genug getankt, und gibt sich beim nächstem Mal noch stärker die Kante.

Das Schöne an Watzlawicks Büchlein ist, dass man die einmal erkannten Denkmuster immer wiederfindet, egal, wohin man auch blickt. Zum Beispiel im Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern: Beide Seiten bomben und töten und wundern sich, dass noch immer kein Friede eingekehrt ist. Was also tun? Noch mehr bomben und töten!

Auch in der Technik lässt sich das Prinzip „Mehr des Gleichen“ immer wieder trefflich beobachten. Zum Beispiel beim Digitalradio DAB: Es wurde vor rund zehn Jahren in Deutschland eingeführt und sollte vor allem eine bessere Klangqualität liefern als das analoge UKW-Radio, dessen baldiges Ableben immer wieder angekündigt wurde. Wirklich zukunftssicher, versuchte man den Käufern regelmäßig weißzumachen, ist nur ein teures DAB-Gerät.

Heute lebt UKW noch immer, und DAB siecht dahin. Die Bequemlichkeit der Kunden, die sich von ihren gewohnten Analog-Empfängern nicht trennen wollten, wog offenbar schwerer als die technischen Vorteile von DAB. Und die wirklich technophilen Hörer nutzen ohnehin schon lange Internetradio.
Und welche Lehren ziehen die Rundfunkanstalten nun daraus? Sie nehmen erneut Anlauf, um vor die Wand zu rennen. Am 1. August gingen einige (überwiegend öffentlich-rechtliche) Sender im neuen, technisch leicht verbesserten Format DAB+ über den Äther. Ältere DAB-Radios werden nun zu Elektroschrott, denn sie können die neuen Programme nicht empfangen, und die Ausstrahlung im alten Format wird wohl nach und nach eingestellt.

Die Posse ist Watzlawick in Reinkultur. Technische Verbesserungen reichen nicht aus, um Leute zum Umstieg zu bewegen? Okay, lass uns die Technik weiter verbessern! Die Kunden sind vom ganzen Hin und Her verunsichert? Gut, dann verkomplizieren wir das Ganze eben noch etwas!

Ich glaube, der Welt würde regelmäßig einiges erspart bleiben, wenn mehr Menschen Watzlawick lesen würden. (wst)