Danke Paul!

Vor 20 Jahren ist der Preprint-Server ArXiv online gegangen. Er hat das System der wissenschaftlichen Veröffentlichung revolutioniert.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 3 Min.

Vor 20 Jahren, im August 1991, ist am Los Alamos National Laboratory ein Server online gegangen, der die Geschichte des wissenschaftlichen Publizierens nachhaltig verändern sollte: ArXiv.org. Weil die Veröffentlichung wissenschaftlicher Beiträge von vielen Wissenschaftlern als quälend langsam empfunden wurde, hackte der junge Physiker Paul Ginsparg eher nebenbei ein Programm zusammen, das wissenschaftliche Aufsätze per E-Mail entgegennahm, speicherte, täglich eine Liste mit den neuen Eingängen an die Abonnenten schickte und die Artikel auf Anfrage auch im Volltext zur Verfügung stellte. Das alles ohne irgendwelche Eingangshürden

Eigentlich, schreibt Ginsparg, der kürzlich in der Wissenschaftszeitschrift Nature das Jubiläum würdigen durfte - der Text ist ironischerweise nicht frei online zugänglich - sollten die Texte nur für drei Monate gespeichert werden. „So lange, bis das traditionelle Papiersystem aufgeholt hat“. „Auf allgemeinen Wunsch“ ist jedoch nie etwas gelöscht worden.

Mittlerweile findet man nicht nur physikalische Aufsätze auf dem Server: Informatiker, Mathematiker, Biologen und Ökonomen sind dazugestoßen. Manche Aufsätze sind - nun sagen wir: interessant - andere sind richtig wichtig: 2006 wurde sogar der Mathematiker Grigori Perelman für den Beweis der Poincaré-Vermutung mit der Fields-Medaille ausgezeichnet - obwohl der Beweis nur auf dem Server von arXiv veröffentlicht wurde, und nicht in einer Fachzeitschrift.

Es ist also an der Zeit zu sagen: Danke Paul! Das war ein echter Physiker-Ansatz: Einfach mal machen und schauen, was dann passiert - und wenn es kaputt geht, in der Bedienungsanleitung nachlesen, was man falsch gemacht hat. Aber es ist ja auch nichts kaputtgegangen - im Gegenteil. Anders als viele befürchtet haben, ist das System wissenschaftlicher Veröffentlichungen durch Ginsparg nicht beschädigt worden. Obwohl das „Open Access“-System seither zahlreiche Nachahmer gefunden hat, können etablierte - und teure - wissenschaftliche Zeitschriften mit ihrem aufwendigen Apparat der Qualitätssicherung weiterhin gut leben. Aber das Tempo der Ideen-Austauschs hat sich wesentlich beschleunigt.

Natürlich bleiben Fragen offen: Die Finanzierung des Dienstes ist nicht gesichert, auch bei ArXive kann nicht mehr jeder einfach Artikel einstellen, und es gibt auch im Zeitalter sozialer Netze und Web 2.0 noch immer kein Beurteilungssystem, das den Usern hilft, die wenigen Perlen vom vielen Info-Schlamm zu trennen. Aber Ginsparg ist zuversichtlich, dass diese Probleme lösbar sind. Nur eine Sache wird wohl immer rätselhaft bleiben: Warum hat Ginsparg damals der ersten Version des Servers die Adresse http://xxx.lanl.gov/ verpasst - „xxx“ steht doch sonst für ganz andere Inhalte. Sollte das eine Anspielung auf die „nackten Informationen“ sein, die da geboten werden? (wst)