Was war. Was wird.
Alukappen! Nein, nicht Aluhüte, Alukappen! Alukappen für alle! Ach, Hal Faber bezweifelt aber, dass Sommertheater und Realität sich so in Einklang bringen lassen. Da hilft auch die leitplankliche Neustrukturierung des Internet nicht. Glücklicherweise.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Es ist geschafft. Endlich ist meine geliebte Alukappe in das Oxford Dictionary eingezogen, zusammen mit der Netzneutralität. Gerade weil Aluhüte so auffällig sind und SIE anlocken könnte, sind Alukappen viel sicherer, um nicht von IHNEN gedankengesteuert zu werden. Außerdem passen sie unter den Fahrradhelm, zu tragen in rasender Fahrt an Samstagnacht, wenn diese kleine Wochenschau beim Verlag abzuliefern ist.
*** So eine Alukappe ist ungemein praktisch, vor allem in Verbindung mit diesem kleinen Geweih oder Propeller. Auf diese Weise wird nicht nur verhindert, dass SIE in meine Gedanken reinpfuschen. Nein, die Kappe verhindert auch, dass das Denken unter der Kappe die Richtung ändern kann. Seit Picabia ist bekannt, dass der Kopf deshalb rund ist, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Um Daten von Wikileaks, die jetzt dummerweise bei Openleaks liegen, spielt sich weitab der möglichen Interessen von Whistleblowern ein Theater ab, das den Titel "Großer Sommerschwank" verdient. Seit langem ist bekannt, dass Daniel Domscheit-Berg von Openleaks Daten besitzt, die Whistleblower an Wikileaks schickten. Seit dem Einschalten eines Anwaltes im Februar ist bekannt, dass nur ein unabhängiger Vermittler akzeptiert wird. Dieser wird von beiden Seiten nicht gefunden, stattdessen pendelt ein CCC-Vorstand hin und her, verbreitet seine Meinung bei einem Blatt, bei dem er als Sicherheitsberater im Einsatz ist, und schafft es zu seiner eigenen Überraschung, dass der Frontmann von OpenLeaks aus dem Club ausgeschlossen wird. Dieser reagiert auf seine Weise und will zum Löschen im großen Stil übergehen.
*** So endet die Auseinandersetzung sonst sehr intelligenter Menschen in einem Förmchenkrieg, weil Hacker nicht in der Lage sind, einen Schlichter oder eine Schlichtergruppe zu bennen, dem oder der sie vertrauen. Die Binnenperspektive der beteiligten Dickköpfe ist kaum nachzuvollziehen, aber einer hat es gemacht. Nun wird ein dahingeseufzter Wunsch in Erfüllung gehen, die Alukappen bleiben auf! Freuen wir uns auf den Eintrag bei Neusprech über die Interpretation dieses verunfallten Satzes: "Der Vorstand des Chaos Computer Club e.V. sieht im Vorgehen von Domscheit-Berg ein Ausbeuten des guten Rufes des Vereins." Das ausgerechnet der CCC eine Formulierung bemüht, die Anwälte gebrauchen, wenn gegen den unlauteren Wettbewerb vorgegangen werden muss, lässt tief blicken. Aus Hackern sind Geschäftsmänner geworden, den Nachwuchs interessiert das Geplenke schon lange nicht mehr. Was bleibt, ist der listige Entregungsvorschlag eines Altvorderen zur aktuellen Aphasie als Bestandteil des Chaos.
*** Alukappen sorgen dafür, dass man sich von der Realtität nicht irritieren lässt. Sie werden nicht nur von Hackern getragen, sondern sind auch in der hohen Politik im Einsatz. Man nehme nur das neue Schengener Informationssystem SIS II, das sich nach Ansicht der EU-Kommission auf dem richtigen Weg befindet. Bis Ende Juli liefen in sechs EU-Ländern die Compliance Tests, mit denen überprüft wurde, ob die nationalen Schnittstellen zu SIS II passen. Nur ein Land brachte die Testserie hinter sich, fünf gaben wegen technischer Probleme auf. Dennoch wurde der Test als erfolgreich bestanden gewertet. Was einer schafft, werden die anderen 16 Länder auch noch schaffen, ist doch logisch. So herrschte eitel Freude beim Bundeskriminalamt, dass in dieser Woche seinen 60. Geburtstag mit Kanzlerin und Hörnchennudeln feierte, bei dem BKA-Chef von den Leitplanken des Internet schwärmte. So normativ ist das Netz, in dem es "keine Haustür mehr" gibt, aber bittschön ein Klingelknopf mit Realname schon sein muss, weil, irgendwo muss man drücken können, ehe die Tür eingetreten wird. Muss wirklich? Ach nein. Wobei die Forderung nach Leitplanken eigentlich nur das Unbehagen des BKAs zeigt, das liebend gerne wieder Drachentöter spielen möchte, wie damals bei der RAF. Nichts ist so, wie es scheint im kriminalgeografischen Raume:
Die Rolle des Internets auch als Tatvorbereitungs- und Radikalisierungsmedium für islamistische Terroristen oder die unvorstellbare Grausamkeit des Attentäters von Oslo zeigen: Die vermeintlich virtuelle Welt ist real, mit realen Opfern und Tätern. Die Diskussion über normative Leitplanken des Internets, über Regeln und Maß, über die Frage, was die Gesellschaft im digitalisierten Zeitalter spaltet oder zusammenhält, zeigt das Unbehagen mit dieser Entwicklung.
*** Was Leitplanken können, können Leithammel schon lange. Am Samstag startete die neue ARD-Sendung Ratgeber Internet und Moderatorin Anna Planken (billiger Witz) verkündete: "Wir strukturieren das Internet neu!" Was folgte, war ARD-Werbung für die Zeitungsverlage (!) Holtzbrinck (Netdoktor) und Axel Springer (Onmeda). Es lies den Wunsch aufkommen, das stationäre Aufnahme aus ihrem Koma erwacht. Ich gebe zu, ich bin als Heise-Zulieferer befangen, aber: Es wird die Zeit kommen, da wird man Schnurers schönen Hemden nachtrauern. Bis dahin, zur Auflockerung, etwas TV-Dampf für alle: Surfen Multimedia So yeah!
*** Software kann Wunder wirken. Man nehme blos Photoshop und die Möglichkeit, ein Gerät so zu skalieren, dass es haargenau die Größe eines Apple-Produktes hat, etwa wie iPhone und iPad. Wenn diese kreativen Bildbearbeitungen vor Gericht Bestand haben, müsste es Hewlett-Packard ein leichtes sein, sein chancenloses Tablet auf Apple-Anmutung zu frisieren und den Kampf aufzunehmen. Man braucht dafür nur jedes Tablett mit kostenloser Tinte lebenslang anzubieten. Ach ja, die Tinte und dieses Photoshop: Die tageszeitung hat ein erstes Fazit ihrer Verpixelungsaktion gezogen, die Werbung auf Sportlerkörpern konsequent wegzushoppen. No Logo! "Der Aufwand ist zum Glück nicht besonders hoch. Dank Photoshop von jenem Baum der Erkenntnis, der im Garten von John Warnock stand.
*** Ich habe es ja mit Jubiläen. Heute ist der Tag, an dem der Omega-Unfall passierte, der von Atom-Technikern in aller Welt begangen wird, weil einer der ihren als Erster starb. Bezeichnenderweise werden dabei die Radium Girls vergessen, deren Schicksal die zulässige Strahlenbelastung am Arbeitsplatz definierte. Wer die 3,7 Kilobequerel mit der Belastung der Menschen in Fukushima umrechnet, wird sehen, dass dort überhaupt nichts "gut" geworden ist. Mein Mitleid mit den Zweifach-Verlierern hält sich in überschaubaren Grenzen, der Ausstieg aus einer unbeherrschbaren Technik ist wichtiger.
*** Ja. Was war? Mit den Jubiläen ist das so eine Sache, vor allem mit den traurigen. Am Samstag vor 15 Jahren starb Rio Reiser. Man mag sich ja angesichts der Vorstellung, was anders hätte laufen können, in so einem Fall doch mal ausnahmsweise und kurzfristig als Monarchist outen. Das geht aber schnell vorüber. Ansonsten bleibt die Hoffnung, dass er Recht behält und wir die Sonne sehen werden. Ganz real. Und ganz im übertragenen Sinne.
Was wird.
Der Sommer ist am Ende. Hastig werden die letzten Kornfelder abgeräumt, der nächste Regen steht an. Bis weit nach Mitternacht, wenn diese Kolumne erscheint, werden die Strohballen eingesammelt. Kein Alu schützt sie vor dem nächsten Regen. Das Trommeln der PR-Flaks wird laut und lauter, viele Pressekonferenzen und schließlich die IFA steht an, wo es "voll App gehen" soll. Im anlaufenden Trubel ist das Sommerrätsel längst Geschichte, der am letzten Wochenende zur ratende Lord British hingegen höchst lebendig. Dasselbe gilt auch für Thilo Weichert vom Datenschutzzentrum in Schleswig-Holstein, dem der Gefällt-mir-Button ein Dorn im Auge der Privatsphäre ist. Man muss nicht der Ansicht von Weichert sein, um die US-Kommentare deplaziert zu finden, die die Datenschutzforderungen mit jener 16-Jährigen korrelieren, die ein komplett legales Verhältnis mit einem Politiker hatte. Das mag in den USA obzön sein, wie es bei uns obzön klingt, dass Fluggastdaten in den USA 15 Jahre lang gespeichert werden sollen. Manche Leute kann man allein wegen ihrer völlig deplatzierten Vergleiche wirklich nicht mehr ernst nehmen, nicht erst seit diesen Tagen. So ist das mit dem aufhörenden Sommer, wenn in Kiel die Sommerakademie zur Optimierten Verantwortung/slosigkeit startet. Über die Förde raus nach Gotland segeln, das wäre eine Antwort. (jk)