Ende offen
Vor zwanzig Jahren zeigten ARD und ZDF den ersten interaktiven Fernsehfilm. Seitdem ist es still um das „Interactive Storytelling“ geworden. Warum eigentlich?
Montag lief ein bemerkenswertes Experiment im Fernsehen: Die ARD zeigte hintereinander drei je neunzigminütige Filme der renommierten Regisseure Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler. Alle drei Streifen teilen sich den gleichen Plot (im fiktiven thüringischen Ort „Dreileben“ flieht ein Sexualstraftäter vor der Polizei), entwickeln aber ihren eigenen Stil, ihr eigenes Tempo und ihre eigenen Sichtweisen.
Die ARD klopft sich nun für so viel Mut zur Innovation auf die Schulter. Nicht ganz zu Unrecht zwar, aber beim Erfinden neuer Formate waren die öffentlich-rechtlichen Sender schon mal weiter: Ende 1991 strahlten ARD und ZDF zeitgleich den Krimi „Mörderische Entscheidung“ aus – und zwar in zwei Versionen, die jeweils die Perspektive eines der beiden Protagonisten zeigen. Durch Hin- und Herschalten zwischen den beiden Kanälen konnte der Zuschauer also den Blickwinkel wechseln.
Meines Wissens war dies der erste Versuch, so etwas wie Interaktion in ein Mainstream-Medium wie das Fernsehen zu bringen. Damals war ich davon überzeugt, dass ich die Geburtsstunde eines völlig neuen Formats miterlebt hatte – des interaktiven Films, bei dem der Zuschauern irgendwann nicht nur den Blickwinkel, sondern auch verschiedene Handlungsstränge mit verschiedenen Enden wählen kann. Doch das ist nun fast zwanzig Jahre her, und das sogenannte „Interactive Storytelling“ ist noch immer auf Computerspiele oder wenige Experimente im Web beschränkt. Dabei sind die technischen Möglichkeiten heute größer denn je: Der interaktive Fernsehstandard HbbTV ließe sich beispielsweise nicht nur dazu nutzen, die Klamotten der Hauptdarsteller zu bestellen, sondern in ihre Vorgeschichte einzutauchen. Und E-Book-Reader sind doch geradezu prädestiniert zur Plattform für interaktive Romane. Warum also ist es jenseits der Computerspielwelt so still geworden um das Interactive Storytelling?
Der naheliegendste Grund dürfte ein ganz pragmatischer sein: Je mehr Optionen ein Leser oder ein Zuschauer hat, die Handlung zu beeinflussen, desto mehr Spielszenen und Romankapitel müssen produziert werden. Die Geschichte weitet sich schnell in eine kaum noch überschaubare Zahl von Handlungssträngen aus, das kostet Aufwand und Geld. Doch der tiefere Grund ist womöglich ein anderer: Wollen Zuschauer tatsächlich selbst die Handlung bestimmen? Der Reiz eines guten Films oder eines guten Buchs besteht doch gerade darin, einem Autoren bedingungslos in dessen Welt zu folgen und sich von dessen Handlungssprüngen überraschen zu lassen. Der Wunsch, sich einfach passiv berieseln zu lassen, spielt da natürlich auch mit rein, aber das ist nicht alles. Ein dritter Grund könnte sein, dass bei jeder Wahl für einen bestimmten Handlungsstrang beim Zuschauer der nagende Verdacht zurück bleibt, dass der andere Pfad vielleicht doch spannender gewesen wäre. So ging es mir jedenfalls damals schon bei der „Mörderischen Entscheidung“ – ich hatte ständig das Gefühl, etwas zu verpassen, obwohl die Handlung auf beiden Kanälen parallel verlief.
Ob dieses Beharren auf der Geschlossenheit einer Geschichte nun tatsächlich dem Wesen eines Kunstwerkes entspricht oder ob es nur eine verfestigte Nutzungsgewohnheit ist, kann ich nicht beurteilen. Dafür habe ich in meinem Leben einfach schon zu viele Bücher bis zu Ende gelesen. Aber vielleicht sieht das ja die Generation der Digital Natives, die mit Hypertext und Computerspielen aufgewachsen sind, anders. Es wäre jedenfalls schön, wenn auch die Mainstream-Medien mal wieder zaghaft mit solchen interaktiven Formaten experimentieren würden. (wst)