FuĂź vom Gas?
Nach neuesten Untersuchungen sind die Schiefergasvorkommen in den USA kleiner, als gehofft. Wird damit das Ende des Schiefergasbooms eingeläutet?
„Wir haben’s euch doch gesagt“, triumphiert das „Post Carbon Institute“. Der Think Tank, der sich auf den Übergang zu einer nachhaltigen Gesellschaft spezialisiert hat – freut sich über eine Neuberechnung der Schiefergasvorkommen im so genannten Marcellus Shale, eines der größten Gasvorkommen in den USA.
Laut einem Bericht der New York Times schätzen die Geologen des US Geological Survey, dass sich im Marcellus Shale nicht wie ursprünglich angenommen 410 Billionen Kubikfuß, sondern nur 81 Billionen Kubikfuß (2,3 Billionen Kubikmeter) befinden.
Das ist natürlich noch immer verdammt viel Gas. Das im Muttergestein „gefangene“ Erdgas hat seit einigen Jahren in den USA für einen regelrechten Boom gesorgt. Die forcierte Förderung – durch unterirdisches Aufbrechen der gasführenden Gesteinsschichten – ist aber wegen der möglichen negativen Folgen für die Umwelt stark umstritten.
Ob die Neueinschätzung etwas ändern wird? Wahrscheinlich nicht, denn die Frage, wie mit Schiefergas umgegangen wird, scheint in erster Linie von politischen Kräfteverhältnissen abzuhängen, und nicht so sehr von geologischen Fakten. Auch Europa hatte sich zwischenzeitlich Hoffnungen auf ein Ende der Abhängigkeit vom russischen Gas gemacht – die größten Vorkommen werden in Frankreich und Polen vermutet. In Frankreich ist die Fördermethode, das so genannte Fracking, jedoch nach dem Druck von Umweltschützern mittlerweile faktisch verboten. Polen dagegen setzt auf eine schnelle Ausbeutung seiner Schiefergas-Vorkommen.
Welche der beiden Herangehensweisen ist richtig? Wenn Atomkraft auslaufen soll, eine schnelle Alternative zu fossilen Energieträgern nicht in Sicht ist, scheint es da nicht vernünftiger, Gas zu verbrennen als Kohle? Und wenn schon Gas, dann das aus der heimischen Erde und nicht aus Sibirien – denn auch dort hat die Gasgewinnung negative Folgen für die Umwelt, oder?
Mein Chef, Manfred Pietschmann, hat im Juli-Heft von TR eine Antwort auf diese Frage formuliert, die einen klugen Kompromiss enthält: „Noch reichen die weltweiten Erdgasreserven lange genug, um der Menschheit den endgültigen Technologiewechsel zur rein regenerativen Energieversorgung zu ermöglichen“, schreibt er. „Die Extrareserve an Schiefergas jetzt anzuzapfen, hat nur den makroökonomischen Effekt, dass der Weltpreis für Erdgas sinkt und der Gasverbrauch dadurch unnötig angeheizt wird. Dafür aber auch noch unwägbare Risiken für die Bevölkerung und die Natur in Kauf zu nehmen, zeugt von kollektiver Verantwortungslosigkeit… Was also wäre zu empfehlen? Ganz allgemein so vernünftig zu handeln wie ein guter Banker, der Sicherheitskapital nicht ohne Not antastet und nicht durch gewagte Transaktionen gefährdet. Für den Fall, dass irgendwann tatsächlich Schiefergas gefördert werden muss, sollten prophylaktisch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Genehmigungsverfahren schon ab der Probebohrung die Umweltverträglich keit berücksichtigen“.
Dem kann ich eigentlich nichts mehr hinzufĂĽgen. Ich fĂĽrchte nur, dass die Stimme der Vernunft in diesem Konflikt zu leise ist. (wst)