Drei Jahre Android
In nur drei Jahren hat es Googles Smartphone-Betriebssystem Android von null auf über 40 Prozent Marktanteil gebracht und dabei den Mobilfunkmarkt umgekrempelt. Ganz ohne Makel bleibt diese Erfolgsgeschichte allerdings nicht, Google muss an vielen Fronten kämpfen.
Am 23. September 2008 kam das Google G1 auf den Markt, das erste Smartphone mit Android. Es trat als iPhone-Killer an, wurde den hohen Erwartungen aber nicht gerecht. Erst nachdem Google und etliche Smartphone-Hersteller viel Zeit und Mühen in die weitere Entwicklung von Betriebssystem und Geräten gesteckt hatten, begann der Aufstieg von Android zum meistgenutzten Smartphone-Betriebssystem.
Väter von Android sind Andy Rubin, Rich Miner, Nick Sears und Chris White. Sie begannen 2003 in einem gemeinsamen Unternehmen mit der Entwicklung des Mobilbetriebssystems und wurden im August 2005 von Google übernommen. Andy Rubin blieb Android-Chef. 2006 kamen Gerüchte auf, dass Google in den Mobilfunkmarkt einsteigen wolle, Ende 2007 lüftete Google das Geheimnis um Android: Es sollte als Open Source zusammen mit Hardware-Herstellern, Software-Entwicklern und Netzbetreibern unter dem Dach der dafür gegründeten Open Handset Alliance weiterentwickelt werden.
Android fußt auf einem Linux-Kernel, den Google für Mobilgeräte optimiert hat, und läuft auf verschiedenen ARM-Prozessoren. Eine offizielle x86-Portierung existiert nicht – Acer und Asus verkauften allerdings Atom-Netbooks mit einem selbst angepassten Android. Ihnen war wie auch dem ARM-Netbook von Toshiba kein Erfolg beschieden, denn Android ist auf Touchscreens ausgelegt und lässt sich per Tastatur und Trackpad nur notdürftig bedienen.
Die Vielseitigkeit zeigt sich auch an anderen Projekten (mit kleinen Stückzahlen): Android ist als Unterbau für Autoradios, Wecker, Schnurlostelefone, Armbanduhren, MP3-Player, E-Book-Reader, digitale Bilderrahmen und Fernseher im Einsatz.
So flexibel ist Android, weil es bis zum Versionszweig 2 jeder Interessent nutzen und anpassen darf. Erst wenn ein Gerät Zugriff auf den App-Store und Google-Apps wie Maps oder Mail bekommen soll, muss es eine (kostenlose) Zertifizierung durch Google durchlaufen, die nur Smartphones offen steht.
Erfolgsgeheimnis
Diese Offenheit und die resultierende Vielfalt an Smartphones dürften die wichtigsten Erfolgsfaktoren sein. Wer einen speziellen Wunsch hat – Tastatur, mindestens 4 Zoll Bildschirmgröße, gute Geräte um 500 Euro, Mittelklasse um 300 Euro, Einstiegsgeräte unter 200 Euro, besonders klein –, wird fündig.
Zu den bekannten Herstellern von Android-Geräten gehören Acer, Dell, LG, Motorola, Samsung und Sony Ericsson. HTC hat es wohl zu einem Großteil Android zu verdanken, vom kleinen Auftragsfertiger zur bekannten Marke mit eigenständigem Portfolio gewachsen zu sein. Das macht Schule: Huawei und ZTE versuchen neuerding, es HTC gleichzutun.
Auch bei den Mobilfunk-Providern erfreute sich Android von Anfang an großer Beliebtheit, sowohl beim iPhone-Exklusivling Telekom wie auch bei Vodafone, O2 & Co. Sie können aufgrund der niedrigen Preise Smartphones für den symbolischen Euro auch mit günstigen Verträgen anbieten. Für Provider und Hersteller ist zudem wichtig, dass sie die Bedienoberfläche verändern dürfen – was allerdings nicht bei allen Anwendern auf Gegenliebe stößt. In den USA half zusätzlich, dass Android-Smartphones mit dem dort wichtigen Mobilfunkstandard CDMA vor dem iPhone erhältlich waren.
Ein Erfolgsfaktor bei vielen Käufern ist, dass die meisten Restriktionen des iPhone auf Android nicht zutreffen. So kann man seine Daten ohne Zusatzsoftware per USB oder Speicherkarte ins Gerät und wieder heraus bekommen sowie Apps aus beliebigen Quellen installieren. Mit Widgets lässt sich der Startbildschirm funktional erweitern. Apps können tiefer ins System eingreifen. Entwickler müssen keinen Apple-Rechner besitzen, und statt einer jährlichen Gebühr ist nur eine einmalige fällig.
Motivationsprobleme
Geld will Google mit Android nicht verdienen, jedenfalls nicht direkt. Stattdessen geht es um Werbung: Je mehr Anwender das Internet nutzen, desto mehr verdient Google mit Werbeeinblendungen in Apps oder auf Seiten. Daher sieht Google sich nur als Entwickler von Android, aber offensichtlich nicht als kundenorientierter Software-Anbieter wie Microsoft.
Einer der daraus resultierenden Schwachpunkte ist Googles App-Supermarkt, der Market. Anwender können nur mit Kreditkarte einkaufen, in einigen Ländern sogar nicht einmal das – von Google schon länger versprochene alternative Zahlmöglichkeiten lassen auf sich warten.
Drei Jahre Android (10 Bilder)

2008
Die Entwickler haben unreglementierten Zugang zum Market, was zu ärgerlichen Auswüchsen führt. So gibt es einige Schädlinge, die den Anwender ausspionieren wollen und nutzlose Apps, die beispielsweise vorgeben, die Umsetzung eines beliebten iPhone-Spiels zu sein.
Nach dem Kauf einer App hat man nur 15 Minuten lang die Möglichkeit, sie zurückzugeben und sich das Geld erstatten zu lassen. Die gesetzlich vorgeschriebene Rückgabefrist von 14 Tagen greift bei Software, E-Books, Download-Musik und Ähnlichem übrigens nicht.
Zahlreiche Anbieter versuchen, bessere Android-Shops auf die Beine zu stellen, lösen damit aber auch nicht alle Probleme.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Android-Updates. Google sieht sich nicht in der Pflicht, Updates für alle Geräte bereitzustellen, sondern überlässt die Initiative den Geräteherstellern und Mobilfunk-Providern. Das führt dazu, dass man für einige beliebte Smartphones über zwei Jahre lang Updates bekommt, für Flops manchmal kein einziges. Ein schlanker und schneller Mechanismus zum Einspielen von kleinen Bugfixes und Stopfen von Sicherheitslücken fehlt, immer ist der Rollout einer kompletten Firmware über Hersteller und Provider notwendig.
Als größtes Problem könnte sich die Patentlage erweisen. Derzeit wütet ein wüster und unübersichtlicher Patentkrieg zwischen verschiedenen Herstellern: Oracle greift Google wegen Rechten an Java an, während Apple, Nokia, Microsoft und andere gegen Gerätehersteller vorgehen. Vor allem Samsung ist derzeit unter Beschuss, wenn auch nicht nur wegen Patentklagen bezüglich Android.
Eine Konsequenz ist, dass die Smartphone-Hersteller für Android doch Geld bezahlen müssen, und zwar in Form von Lizenzgebühren an die Patentinhaber. Microsoft hat beispielsweise mit einigen Herstellern Vereinbarungen geschlossen, die inzwischen zu höheren Einnahmen führen dürften als der Verkauf von Windows Phone 7. Apple hingegen erwirkt zurzeit Verkaufsstopps gegen Samsungs Android-Tablets.
Im August hat Google für 12 Milliarden US-Dollar Motorola gekauft – hauptsächlich wegen des Patentpools des Mobilfunk-Pioniers, hieß es. Wie wertvoll er im Kampf gegen Apple & Co sein wird, kann derzeit aber kaum jemand beurteilen. HTC, LG, Samsung und Sony kommentierten den Kauf mit fast wortgleichen Pressemeldungen, die man als „endlich tut Google seinen Job“ zusammenfassen könnte. Zu den 12 Milliarden haben sie keinen Cent beigesteuert – zusammen klingt das fast wie eine Drohung, im Zweifel stärker auf Windows Phone 7 zu setzen, das Microsoft wohl geschickter mit Patenten abzusichern vermag.
Mittlerweile entscheiden sich mehr als doppelt so viele Käufer für Android-Smartphones wie für iPhones. Einzelne Modelle wie das Samsung Galaxy S und S II erreichen dabei Stückzahlen in der gleichen Größenordnung wie Apple mit seinen vier iPhone-Modellen. Von allen Mobilbetriebssystemen verzeichnet nur Android einen überdurchschnittlichen Zuwachs an Käufern. Das iPhone bleibt ungefähr konstant im Käuferinteresse, doch RIMs Blackberry und Nokias Symbian verlieren stetig, und bei Windows Phone 7 ist noch nichts von einem Boom zu sehen.
Innovationsführer
Auch bei den Innovationen führen die Android-Geräte. Apple muss sich den Vorwurf gefallen lassen, neue iPhones kaum noch mit Neuerungen auszustatten, die Android nicht längst bietet. Diese Innovationsdichte liegt in der Offenheit begründet: In Android und in die Geräte fließen die Ideen vieler Hersteller ein, unterschiedlichste Bedürfnisse finden Berücksichtigung. Was für einen langfristigen Erfolg dazukommen muss, ist aber nicht nur das Bekenntnis von Google, dass Android wichtig bleibt, sondern eine konsequente Umsetzung dieses Vorhabens.
Die nächste Herausforderung besteht in den Tablets. Google gibt Android 3 nicht mehr an jeden Hersteller heraus, sondern nur noch auf auf Anfrage – das alleine schafft allerdings die Update- oder Market-Problematik nicht aus der Welt. Immerhin spricht schon jetzt die Gerätevielfalt für Android, ein ähnlicher Boom könnte sich wiederholen. (jow)