Konnichiwa Terebi, sayonara Shimbun
Die IFA zeigt es: Der Trend geht zum smarten Fernseher. Zu recht, bescheinigt der Vorreiter Japan. Dort sieht man, dass die Glotze das Online-Zeitalter überleben kann – als Ausgabegerät für Inhalte der Vertriebsplattform Internet.
- Martin Kölling
Die IFA zeigt es: Der Trend geht zum smarten Fernseher. Zu recht, bescheinigt der Vorreiter Japan. Dort sieht man, dass die Glotze das Online-Zeitalter überleben kann – als Ausgabegerät für Inhalte der Vertriebsplattform Internet.
Japaner lieben Effizienz. Sie haben die "Lean Production" verbreitet und sie sollten auch als Weltmeister der "Lean Language" gelten. Kaum ein langes Wort bleibt ungekürzt – besonders Fremdwörter nicht. A-ru-bai-to (vom Deutschen "Arbeit") wird zu Bai-to und bedeutet, einen Job (im Sinne von "jobben") zu haben. Con-bi-ni ist die Kurzform für "Convenience Store". Ein anderes nettes Wort ist Te-re-bi. Das steht nicht etwa für "terrible" (obwohl es oft auf die gezeigten Inhalte zutreffen würde), sondern ist die abgekürzte Form von Te-le-vi-sion, also Fernseher (merke: im Japanischen wird der laut W zu B). Natürlich trifft es auch das Intaanetto - Erraten? Internet! - es wird zu Ne-tto. Womit wir beim Thema wären: das Netto beginnt jetzt sogar im Terebi-Land Japan, wo fast immer und überall Fernseher laufen, das Fernsehen als Hauptnachrichtenquelle anzugreifen.
Dafür gibt es im neuesten IT-Weißbuch des Kommunikationsministeriums statistische Belege. Nach der neuesten Ausgabe (Anfang September) ist der Prozentsatz von Twens, die ihre News über das Netz beziehen, in den fünf Jahren bis 2010 von 52 Prozent auf 80 Prozent gestiegen. Bei den Teens fiel die Steigerung etwas geringer aus (54,7 auf 74,8 Prozent). Bei meiner Generation (den 40-jährigen) sind es jetzt immerhin 67,8 Prozent. Doch auch mehr als die Hälfte der Jahrgänge ab 50 konsultiert das Internet für Informationen. Bei den Rentnern ist es inzwischen immerhin schon ein Drittel.
Der Fernseher liegt in allen Altersgruppen bei über 90 Prozent, nimmt nur bei Teens und Twens minimal ab. Interessant ist auch die Verschmelzung von Fernsehwerbung und Handy beim Internet-Shopping. In 65 Prozent der Fälle setzen die Shopper ihre Bestellung nach dem Konsum der Werbung über Handy-E-Mail ab oder besuchen mit dem Handy die angegebene Internet-Seite. Der PC ist mit 32 Prozent auf dem Weg ins Aus, wie mein Kollege Peter Glaser vorige Woche so treffend bemerkte.
Die Lehre: Das Internet ist vollauf kompatibel mit der Glotze. Kein Wunder, die alte Flimmerkiste in Flunderform ist ein sehr gutes Ausgabegerät für viele Inhalte. Die japanischen Fernseherhersteller haben daher schon 2007 ihr erstes Fernseher-Internetportal mit Video-on-Demand-Service, Nachrichten und mehr auf den Markt gebracht – lange bevor die Fernseher voll netztauglich wurden. Und die japanischen Hersteller haben als erste begriffen, dass das Internet wirklich überall ist, besonders in den jüngeren Generationen. Nach dem Weißbuch haben 65 Prozent der sechs- bis zwölfjährigen Zugang zum Internet. Bei den Teens sind es 95,6 Prozent, bei den Twens 97,4 Prozent, bei den 30-jährigen 95,1 Prozent und bei den 40-jährigen 94,2 Prozent. Erst bei den 50-jährigen senkt sich die Kurve leicht (86,6 Prozent). Aber selbst bei den 60- bis 64-jährigen (also den Japanern vor der Rente) liegt der Wert immer noch bei 70 Prozent. Erst bei den Rentnern bröckelt es ab (57 Prozent bei bis zu 70-jährigen, 39,2 Prozent bei den 70ern und 20,3 Prozent bei den über 80-jährigen).
Schlimm sieht es in der Zeitungslesernation Japan aber für die Shim-bun aus, die Zeitung (und auch das gedruckte Magazin). Laut der amtlichen Statistik wurden die Printmedien im Segment Unterhaltung/Hobbys bereits vom Internet abgelöst – im Durchschnitt aller Befragten! Das Fernsehen hat bei rund 91 Prozent stagniert, Internet ist von 43,4 auf 60,8 Prozent gestiegen – und Print-Medien von 61,6 auf 55,9 Prozent abgesackt. Erstaunlicherweise haben die japanischen Medienimperien diese Entwicklung lange ignoriert.
Sicher, alle großen Tageszeitungen haben Web-Auftritte. Aber sie haben sie lange behandelt wie Papier. Interaktivität nimmt erst langsam Fahrt auf. Denn auch bei den Medienhäusern bröckeln die Einnahmen. Notgedrungen reagieren immer mehr Zeitungen mit Personalabbau, bisher ein Fremdwort in Japans Redaktionen. Aber wie so viele japanische Firmen beschäftigen auch die Zeitungen mehr Leute als sie brauchen. Bei einigen Verlagen haben selbst Fotografen ihren Fahrer. Aber erst mit dem Siegeszug der Tablets wenden sie sich ein wenig ernsthafter dem Web als Vertriebsweg zu. Möglicherweise schaffen die japanischen Medien, was den westlichen nicht gelungen ist: Vielleicht sitzen sie das kostenlose Internet erfolgreich aus und gehen vergleichsweise ungefleddert ins Zeitalter bezahlter Online-Inhalte über. (bsc)