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Was war. Was wird.

Es sind besondere Freiheitsbilder, die man in Deutschland mancherorts und manchergehirns pflegt. Man könnte die Mischlingsdiktatur aus Öko- und Sicherheitsfanatikern befürchten, ein Corpus Delicti energieeffizienter Sicherheitstechnik, rätselt Hal Faber

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Was für eine Woche. Nervös klopfe ich auf das Tablett und die Bürger-App öffnet sich. Die wöchentliche Überprüfung des richtig verstandenen Freiheitsbildes und der ökologisch korrekten Lebensführung steht an. Schließlich leben wir in Deutschland, liederumrankt:

Du Land der Arbeit, Land der Pflicht,
Ich reiche Dir die Hand,
Nie leiste ich auf die Verzicht,
Geliebtes Heimatland.

*** Oh, die Bürger-App beruhigt ungemein: Es ist alles im grünen Bereich bei den Balken, wie das Forum bei einem CCC-Geburtstag. Da, der Balken mit den Einnahmen der Woche, ganz wunderbar grün, im Land der Arbeit. Auch die eingegangenen Gesundheitsrisiken können sich sehen lassen: über die Tage eigentlich grün, bis auf diesen Mahnungsblinker zum unmäßigen Rotweingenuss beim Türken. Und Hüpfen ist schlecht für die alten Knochen. Grün dafür die abgegoltenen Arbeitsstunden für die Community, hübsch grün der Balken für den Karbon-Fußabdruck. Ja, das Auto musste mal sein für diese Sendung nach der Energiewende, aber ich habe bei der Strecke via Maut-App auf dem Carphone die besonders hoch tarifierte Ökomautstrecke gewählt, das hat es gerissen. Sehen lassen kann sich auch das Grün bei der wöchentlichen staatsbürgerlichen Gesinnunggewichtung: Hat sich eben doch gelohnt, das Zeichnen der einen ePetition für die Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung nach US-Vorbild auf 15 Jahre und die andere für den Ersatz des Personalausweises durch einen Körperchip. OK, das Gelb beim pflichtschuldig zu führenden Emotionshandel mit den Migranten stört, aber das Angebot im Eros-Center war dieser Tage wirklich nicht mein Fall. Immerhin kann der Malus-Stand jederzeit in Frontsexhäusern nachgebessert werden, anders als beim viertelgelben Stern, den die Bürger-App seit Integration der JonJ-Erweiterung beharrlich ausweist. Da heißt es taff sein, und ein Lied muss her:

Halt dem Freund die deutsche Treue,
zeig' dem Feind die deutsche Faust,
die, wird sie herausgefordert,
wuchtig auf ihn niedersaust.

*** Ja, diese wuchtigen deutschen Tatsachen, die haben schon immer überzeugend gewirkt. Nur deutsche Denokraten leben frei, mit ihrem ganz besonderen Freiheitsbild, das flugs ein Urteil über Falschversteher zulässt, die nicht auf Vorrat hin überwacht werden wollen. Da macht es Mut, wenn Freunde aus Tschechien mitsingen wollen bei der allgemeinen Überwachungspfuscherei im Namen der deutschen Verhältnismäßigkeit. Anders ausgedrückt: Heute geht es uns noch verhältnismäßig gut, aber nicht mehr lange. Was ist, wenn andere Regierungen kommen, die all die Hebel und Knebel umsetzen, die vormontiert sind, bis hin zur Einführung der Bürger-App?

*** Gemeinhin sind die von Wikileaks in einem Abwasch herausgehauenen US-Depeschen immer noch für die Aufdeckung von Skandalen gut. Derweil macht Frontmann Julian Assange gerade die Erfahrung, dass seine Garage Sales-Auktion mit eigenem Personenkult weniger einbringt als die Gelder, die die Wau Holland-Stiftung für ihn einsammelt und verwaltet. Währenddessen liefert das redaktionelle Rätsel um die Cables und ihre unzuverlässigen Varianten weiterhin hübsche Lesarten, wann und wo mit welchem Zeitstempel Dateien veröffentlicht wurden. Dabei sind die Depeschen bereits wunderbar historisches Material und liefern beispielsweise Innenansichten einer Partei, die das Dreikönigskabel auf Büttenpapier ausdruckt – und die Wendung Steinemeierd geflissentlich vergisst. Wenn diese kleine Wochenschau im größen wüsten Web lesbar ist, wird in Berlin gewählt. Bei den Gelben soll ein Notfallplan existieren, in dem die bis dato aufrichtigste Politikerin den Schelm ablösen soll. Vielleicht ist es an der Zeit, die US-Depesche 1377 auszudrucken. Mit einer Außenministerin, die dem TFTP-Vorhaben mit einer Datenspeicherung über 15 Jahre ablehnend gegenübersteht, käme Leben in die Außenbude. Ein Lied, zwo, drei:

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's
Und das liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

*** Es gibt ein bemerkenswertes kleines Büchlein, in dem die ersten drei Kapitel "Streunen", Furcht und Agresseion" und "Liebe" heißen – und eine luzide Einführung in die Kybernetik anhand kleiner Vehikel sind. Geschrieben hat das Buch Valentino Braitenburg, der leider in diesen Tagenn gestorben ist. Seine Fähigkeiten, die Probleme des Geistes im Geiste zergehen zu lassen, werden vermisst, die einstmals große Schule der Kybernetik schließt ihre Pforten. Wer seine klugen Gedanken und entzückenden Egotrix- und Mnemotrix-Spiele kennt, auch die Ansichten über die Kollegen seiner Zunft, wird versöhnlich seinen Abgang verstehen, wenn absoluter Müll die Nachrichten beherrscht und als Robotik durchgehen darf. Für den Südtiroler Valantino Braitenberg wären die im südtirolischen Losone hergestellte Wackeltiere wohl die richtige Antwort auf diese Nachricht. Fakten, Fakten? Von der 3000 Euro teuren Therapie-Robbe Paro sind 1700 Exemplare hergestellt worden, von denen 200 in Europa eingesetzt sind und 10 in Deutschland. Wie war das noch bei Braitenburg: Liebe entsteht dort, wo Hemmungen zwischen Sensoren und Motoren möglich sind, wo es beruhigenden und entspannnende Reize gibt. Alles andere schlägt um in Agression oder Furcht vor Agression. So tut mir doch nicht so zärtlich, Esel und Eselinnen.

Was wird.

Was um Mitternacht erscheint und keine blutigen Eckzähne hat, ist eine Wochenschau, die noch nichts über die Ereignisse in der New Yorker Wall Street schreiben kann oder über das, was auf der "Wiesn" passiert. Zur Vorschau gehört darum auch ein Fest in Heidenheim, wo Drohnen die Heiden bewachen und Luftaufnahmen liefern, auf dass niemand über die Stränge schlägt. Auf der SWR-Party im Brenzpark soll die Leistungsfähigkeit von AMFIS demonstriert werden, in einem System der intelligenten Videoanalayse, das proaktiv selbsttätig Problemsitautionen erfasst. Das Ganze wäre nicht sonderlich bemerkenswert: Wo freiheitssichernde Drohnen nicht fliegen können, ist keine Freiheit möglich, wusste bekanntlich schon Humboldt über die ungebundenste Freiheit der Fliegerchen zu berichten. Nun hat der Chaos Computer Club eine Beschwerde gegen die Totalüberwachung der feste Feiernden eingereicht, der selbst auf seinem Sommercamp den Drohnenfreunden eine Bühne gab. Ob die große Show der Überwachungstechnik damit gestoppt ist, kann hier noch nicht berichtet werden.

Deutsches Recht und deutsche Freiheit,
ach, was schert uns solcher Tand;
drĂĽber lachen wir, die neuen
Deutschen mit der Eisenhand.
Nein, im Glanze der Kanonen
blĂĽhe kĂĽnftig nur die Welt,
bis All - Deutschland mächtig krachend
einst in Schutt und Trümmer fällt.

Dafür freue ich mich, ein Stück aufgreifen zu können, das aus dem Land stammt, das führend in der Überwachungstechnik ist, das weltweit stolz ist auf die die höchste Zahl an Fußfesselüberwachten (inklusive Julian Assange), auch wenn diese Form der Überwachung komplett zusammenbrach, als die consumeristischen Unruhen ausbrachen. Dort ist das Abschreiben von Preisetiketten im Supermarkt inzwischen ein Problem geworden, bei dem die Security alarmiert wird. Wahrscheinlich hätte ein simples Foto mit dem Smartphone nicht die Aufmerksamkeit der Überwacher auf sich gezogen, denn das Scannen von Barcodes und QR-Codes könnte immer auch Teil einer Werbekampagne sein. Die Lektion? Ob Heißluftballon zum Sommerfest, ob Kamera im Supermarkt: Gesünder und gelassener, ja liebevoller kommt durchs Leben, wer Hemmungen einplant und entspannende Signale gibt. Die anderen sind auch nur Maschinen. Wenn es etwas mehr sein darf, präsentiere ich einen wunderbar verständigen Kollegen das Wetter und einen denkenswerten Satz: "Look for me in the weather reports". (jk)