Ăśberraschung!
Genmanipulierter Weizen schmeckt Blattläusen besonders gut. So etwas kann passieren, wenn man in komplexen Systemen herumstochert.
Gentechnisch veränderte Pflanzen sollen Schädlingen besser widerstehen. Aber manchmal schießt die Natur zurück. Der Pflanzenforscher Jörg Romeis von der Uni Zürich hat beobachtet, dass genmanipulierter, gegen Mehltau resistenter Weizen anfälliger gegen Blattläuse wurde. Bei einer bestimmten Variante des Anti-Mehltau-Gens stieg der Befall durch Blattläuse um 60 Prozent. Die genauen Gründe dafür sind nicht klar: Die Forscher vermuten zwar, dass die Blattläuse vom Mehltau bei ihrer Arbeit gestört werden. Bei einer Genvariante, die den Mehltau über einen anderen Mechanismus bekämpft, fand sich hingegen keine Zunahme von Blattläusen. Außerdem tauchte das Phänomen nur im Treibhaus, nicht aber im Freiland auf.
Was dieser Befund nun konkret zu bedeuten hat, weiß offenbar niemand so genau. Und genau das ist für mich die eigentliche Nachricht. Die Natur ist ein intransparentes, komplexes System. Das bedeutet: Niemand kann alle Verästelungen von Wirkungen und Nebenwirkungen, von sich verstärkenden und sich blockierenden Prozessen, vorab überblicken. Wenn man an ein paar Stellschrauben herumdreht, kommt im Zweifelsfalle immer etwas anderes dabei heraus als erwartet, und meistens ist es nichts Nettes. Trotzdem machen uns Agrarkonzerne gerne weiß, man müsse nur hier ein paar Basensequenzen verändern und dort ein paar Gene austauschen, und schon habe man eine optimal designte Pflanze, die alle Wünsche zuverlässig und überraschungsfrei erfüllt.
Dieser mangelnde Respekt vor Komplexität ist eine klassische Ursache technischer Katastrophen. Nicht zuletzt Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass die Wirklichkeit eben immer noch etwas einfallsreicher sein kann als die Szenarien der Ingenieure. Mir graust es daher vor Ideen wie der, Aerosole in die Atmosphäre zu pumpen, um dem Klimawandel zu begegnen. Selbst wenn das technisch und wirtschaftlich machbar sein sollte: Hier herrscht wieder das Denken, man könne in komplexen Systemen mit einem chirurgisch präzisen Eingriff gezielt und isoliert einen gewünschten Effekt erreichen. Nebenwirkungen? Haben wir alles berechnet, haben wir alles im Griff. Ist klar.
Doch wenn es um Gentechnik geht, wird das Ganze noch etwas perfider: Wenn man etwa dem Mehltau chemisch zu Leibe rückt, und es fliegen einem die unvorhergesehen Effekte um die Ohren, kann man das Zeug immer noch absetzen und sich etwas anderes überlegen. Bei Manipulationen der Erbsubstanz hat man aber, wenn sie in der freien Wildbahn ankommen, irreversible Veränderungen in den Umlauf gebracht, die sich nicht mehr einfangen lassen. Mit anderen Worten: Wir stochern da in einem System herum, das wir nicht richtig verstanden haben, mit Eingriffen, die wir nicht mehr korrigieren können. Das ist nicht gut. (wst)