Freie Fahrt fĂĽr reichlich Geld
Nach Einschätzung von Verkehrsexperten können allein wirtschaftliche Anreize wie eine zusätzliche PKW-Maut das Stauproblem in Deutschland lösen.
Nach Einschätzung von Verkehrsexperten können allein wirtschaftliche Anreize wie eine zusätzliche PKW-Maut das Stauproblem in Deutschland lösen. Letztlich werden nur dynamisch festgelegte Aufschläge für die Benutzung von begehrten Strecken die gewünschte Wirkung erzielen, schreibt das Technologiemagazin Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 7/06 (seit heute am Kiosk oder portokostenfrei online hier zu bestellen).
"Die Maut für alle wird kommen, die Frage ist nur, wann und wie", sagt Ralf Jahncke, Vorstandsvorsitzender des Logistik-Dienstleisters TransCare. Sein Vorschlag: Eine Benutzungsgebühr für alle Straßen und sämtliche Fahrzeuge solle die Mineralöl- und Kraftfahrzeugsteuer vollständig ersetzen – dadurch gäbe es keinen Ausweichverkehr mehr. Je nach Verkehrsbelastung sollen noch einmal bis zu 50 Prozent auf die Basisgebühr aufgeschlagen werden, um eine verkehrslenkende Wirkung zu erzielen. "Denkbar wäre, in einem weiteren Schritt den Verkehrszuschlag so lange zu erhöhen, bis es keinen Stau mehr gibt. Ein Platz auf einer gefragten Straße würde so gewissermaßen meistbietend versteigert," beschreibt Technology-Review-Redakteur Gregor Honsel ein radikales Zukunftsszenario.
Denn weder der zügige Ausbau des schon jetzt rund 12.000 Kilometer umfassenden Autobahnnetzes in Deutschland noch eine dynamische Verkehrslenkung auf der Basis miteinander vernetzter Autos werden das Problem entschärfen: Nach einer Prognose des Vereins Acatech, an der Autohersteller, Verkehrsforscher, Logistik-Dienstleister und die Bahn mitgewirkt haben, wird der motorisierte Individualverkehr bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent zunehmen. Die Fahrleistung im Güterverkehr wird, so die Vorhersage, um 34 Prozent steigen. Besonders stark betroffen sind davon die Ost-West-Trassen – für bestimmte Abschnitte der A2 sagen die Experten einen Anstieg um 125 Prozent des LKW-Verkehrs voraus, für die A6 gar 181 Prozent.
"Die Leute haben ein bestimmtes Zeit- und Geldbudget für die Mobilität. Macht man den Verkehr schneller und preiswerter, werden eben längere Strecken zurückgelegt", sagt der Dortmunder Raumplaner Michael Wegener. Das Phänomen ist unter dem Stichwort "induzierter Verkehr" bekannt. Bekommt eine Stadt breitere Ausfallstraßen, ziehen die Menschen weiter ins Umland – unter anderem, um dem von ihnen verursachten Verkehr zu entgehen. Nach Ansicht des Umweltbundesamtes müssen 15 bis 20 Prozent des Verkehrswachstums dem durch zusätzliche oder bessere Straßen induzierten Verkehr zugeschrieben werden.
Die technische Grundlage für eine flächendeckende und straßengenaue Maut müsste jedenfalls nicht erst erfunden werden: Sie steht in Deutschland mit dem von Toll Collect betriebenen Erfassungssystem, das bislang nur auf Lkw auf Autobahnen genutzt wird, bereits zur Verfügung. Und internationale Erfahrungen zur Wirksamkeit einer PKW-Maut liegen ebenfalls vor: Seit 1975 darf nur noch in die Innenstadt von Singapur einfahren, wer eine Plakette hat. 1998 wurde das System auf eine elektronische Mauterhebung umgestellt. Der Verkehr ging daraufhin um 15 Prozent zurück. Ursache dafür war der Rückgang von Mehrfachfahrten, die Nutzer planten also ihre Touren sorgfältiger. Die 2003 eingeführte "Congestion Charge" für London macht die Zulieferung schneller, zuverlässiger und damit preiswerter. Schon mit einer Zeitersparnis von 17 Minuten, dies hat das Victoria Transport Policy Institute festgestellt, rechnet sich die Tagesgebühr von fünf Pfund (rund 7,30 Euro). Die Durchschnittsgeschwindigkeit des Verkehrs stieg von 13 auf 17 Kilometer in der Stunde. Nach einer Umfrage des Wirtschaftsverbands London First sehen 22 Prozent der Geschäfte eine Verbesserung, 9 Prozent eine Verschlechterung durch die Maut.
Jahncke ist jedenfalls bei weitem nicht der einzige Experte, der eine Maut für alle Fahrzeuge und Straßen fordert: In einer Studie des Instituts für Mobilitätsforschung für das Jahr 2025 wird eine Pkw-Maut wie selbstverständlich vorausgesetzt. Und bei einer Umfrage der Unternehmensberatung Deloitte Consulting zeigten sich von 15 europäischen Großstädten zehn an einem Mautsystem interessiert oder gaben an, ein solches bereits zu planen. (wst)