Was war. Was wird.
Physiker, Piraten und der Papst: Diese Woche war ganz schön was los. Gemessen an der hauptstädtischen Raubkopiermörderrate findet Hal Faber das Berliner Wahlergebnis der Nerdpartei viel zu niedrig.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Die Woche der Abschaffung des Fleisches hat angefangen, ehe die Woche der Messfehler zu Ende ging. Da jagt ein Neutrino angeblich schneller als das Licht herum und die Piraten kommen in Berlin auf 8,9 Prozent. Beide Ergebnisse sollten nicht sonderlich ernst genommen werden, zumal bemühte Erklärungen vom Stoppen des Autobahnverkehrs im Gran-Sasso-Tunnel zum Lachen reizen: Da bricht das Theoriegebäude der Physik zusammen, aber eine Autobahnsperre ist unzumutbar. Dabei ist die Überlichtgeschwindigkeit für alle bereits bekannt und ordentlich "nachgewiesen". Ähnlich sieht es bei den Piraten aus: das Wahlergebnis entspricht nicht dem messbaren Piratendurchsatz in Berlin, sondern ist gemessen an der hauptstädtischen Raubkopiermörderrate viel zu niedrig. Auch hier gibt es Erklärungen, die zum Lachen reizen: "Fachzeitungen haben im Übrigen den Grünen bescheinigt, dass wir den besten Netzwahlkampf führten", meint Jürgen Trittin im Interview. Messfehler mit Bescheinigungen also auch in der IT-Branche, wahrscheinlich von den Hampelmännern, die in der Einöde des Digital-Marketings leben.
*** Und dann war da noch der Papst mit großen, ernsten Reden zum Naturrecht: "Bereits in jungen Jahren fühlte ich eine unbestimmbare Abneigung gegen den synthetischen Konsens der westlichen Welt. Ich wollte rebellieren, anders sein und die großen Kämpfe der Vergangenheit führen, in denen Rudi Dutschke mit einer Zwanzig-Menschen-Demonstration die Republik in ihren Grundfesten zu erschüttern schien. Da ich bereits früh Texte im Netz las, aggregierte ich einen stabilen, überzeugten 'Bauchkommunismus', der vom Willen zur Gerechtigkeit geprägt war und vom Vertrauen, dass Menschen Gutes tun, wenn sie Gutes erleben." Oh, hoppla, ein Zitatmessfehler, das ist nicht Benedikt. So beginnt die Rede der amtierenden Päpstin, ihrer Datenschutzheiligkeit, die nach Erkenntnissen einer Zeitung für kluge Köpfe "Internet im Blut" hat.
*** K. Lauer würde hier ganz klar einen Fall von Do-Ping sehen. Spätestens wenn in Le kegelclub die Geschlechterfrage als Strukturkategorie der Diskriminierung diskutiert wird, hört der Spaß auf. Die wichtigsten Werkzeuge der Piraten Twitter, Jabber, Mumble, Piratenpads, Piratenwiki, Foren, Blogs können Frauen doch genauso gut bedienen wie Männer. Und trollen können sie auch. Gerechtigkeit, Transparenz und Breitband, das ist der Content hinter der Message. Als "Urheber" bin ich natürlich kein Freund unausgegorener Piratenideen, die mich enteignen, freue mich aber, wenn Grüne im allabendlichen TV-Talkgraus gegen die Piratenforderung vom fahrscheinlosen ÖPNV in Berlin kinderreiche Familien anführen, die doch ein Auto bräuchten. Besser kann die Kretschmannisierung der Grünen nicht auf den Punkt gebracht werden. Oder sollte man segeltechnisch besser vom Kentern sprechen?
*** In Reaktion auf den Erfolg der Piraten hat Bundespräsident Wulff eine Grundsatzrede "Demokratie 2.0 - Von der antiken Agora zur Demokratie im Internetzeitalter" angekündigt, die am 20. Oktober einen weiteren Ruck durch die Republik schicken soll in dieser ruckreichen Zeit. Schließlich hat unser Bundespräsident mit seiner Timeline im Internet so etwas wie eine Vorbildfunktion. Jemand, der mit seinen Kindern die Raupe Nimmersatt im Netz anschaut, will sicher, dass sie einmal richtig gute Piraten werden in der liquiden Demokratie der Zukunft. Bekanntermaßen war das Original von Eric Carle das Lieblingsbuch des US-Präsidenten George W. Bush, das ihn beim "Heranwachsen" maßgeblich beeinflusst haben soll.
*** Auf seine Art wächst auch Facebook heran, das sich zu einem Lebenslog entwickelt, in dem alles frisch und frei verwoben werden kann. Selbst ein Todesfall ist mit einem einfachen Klick erledigt und braucht nicht mehr zusammengestellt werden. Ja, Robin Meyer-Lucht ist tot, der kluge Kopf hinter dem 1-Mann-Think-Tank Berlin Institute, der unter dem Wissensdenker Peter Glotz an der Universität St.Gallen den Wandel der Medien verfolgte und die Schlacht Online gegen Print kommentierte. Immerhin konnte Robin noch das iPad erleben, das er als Berater vorhergesagt hatte und damit in vielen Redaktionen auf blankes Unverständnis stieß. Aus dem von Glotz so fortschrittlich angelegten Medieninstitut in St. Gallen ist eine Institution geworden, in der Unken den Ton angeben, die laufend vor dem Internet warnen. Eine schmerzliche Erfahrung mehr.
*** Auch der Tod des deutschen Nobelpreisträgers Rudolf Mößbauer ist weder ein Übertragungs- noch ein Messfehler. Als junger Mann bekam er für eine "ganz einfache Entdeckung" den Nobelpreis, ehe er sich den komplizierten Neutrinos zuwandte. Vom amerikanischen Universitätssystem beeinflusst, gehörte Mößbauer zu denen, die frühzeitig (vergeblich) einen Strukturwandel der deutschen Universität forderten. Zur deutschen Bildungsbaustelle von heute fand er nicht druckreife Worte.
*** Was Facebook anbelangt, so sollte man nicht unbedingt von der Hölle sprechen. Es wird – der Papst hat es gerade betont – auch einen Himmel geben, in dem die Daten verschwinden können in der Wolke. Verschwinden im Sinne von hin und weg, weil niemand seine Lebensleine aufzeichnen wird. Wenn eines Tages die Rechenzentren beim Big One in Kalifornien ins Meer gespült werden und die große Rekonstruktion beginnt. Vielleicht sind dann nur Freunde übrig geblieben, deren Vornamen mit K anfängt oder von allen Fotos nur das Blau der Ferienhimmel, von Videos die rechte Tonspur. Vielleicht werden wir noch von allen Wörtern, die mit anl, ano oder ant anfangen, wissen, in welchem Jahr sie an welcher Stelle in einem Buch veröffentlicht wurden. Aber nicht in welchem.
Was wird.
Es ist ein ziemlich unscheinbares Datum, doch es ist noch gespeichert und einen Hinweis wert: am Donnerstag vor 100 Jahren begann der italienisch-türkische Krieg, in dem viele Neuerungen des modernen Krieges erstmals eingesetzt wurden. Libyen wurde zum Testfeld eines mörderischen Italiens, das den Topos "Volk ohne Raum" als Rechtfertigung für üble Verbrechen benutzte: der erste Bombenabwurf, der Einsatz von Giftgas, die Einrichtung von Konzentrationslagern zur Ausrottung der Einheimischen und ein ständiger Terror gegen die Zivilbevölkerung, die umstandslos getötet wurde, sobald sich der geringste Verdacht auf Widerstand regte. Was in Libyen ausprobiert wurde, perfektionierten die deutschen Nationalsozialisten. Auch die Fatwa, die alle Muslime zum Widerstand gegen den Westen auffordert, hat ihren Ursprung im tripolitanischen Völkermord. Selbst das umfangreiche Überwachungsnetzwerk, das Gaddafi mit Hilfe südafrikanischer und französischer Firmen eingerichtet hat, kann auf italienische Wurzeln zurückblicken. Noch eine augenfällige Konstante ist das Ausprobieren neuer Technik. Bekanntlich wird die französische Firma Amesys, eine unter dem Namen i2e gestartete Tochter des Bull-Konzerns beschuldigt, einen Allrad-Mercedes an Gaddafi geliefert zu haben, der nicht geortet werden kann. Auch wenn Amesys die Vorwürfe bestreitet, so gibt dieses nette Antiterror-Video einen Eindruck von der Technik, die Gaddafi beschützt. Das Ganze ist natürlich überwachungstechnisch ausbaufähig. Auch nett: Die südafrikanische Firma VAStech, die ihr Überwachungssystem Zebra in Staaten verkauft, die nicht das Geld haben, eine teure Lösung wie die von SS8 zu kaufen, startete als Zulieferer von Siemens.
Eine einzige, kleine, kurze E-Mail, eine Wutmail hat genügt, um den Anwärter auf den Posten des obersten Terroristenjägers in Deutschland zum Auswärter zu machen. Die persönlich gemeinte Wutmail brauchte nicht einmal 10 Minuten, um zu den Medien zu gelangen. Schon wird der Vorfall um den FDP-Mann Schmalzl zum Anlass genommen, das Geträller über den rechtsfreien Raum im Internet auf volle Lautstärke zu drehen. Einfacher wäre die Erkenntnis, dass eine solche Wutmail auch in einer Kleinstbehörde nicht unverschlüsselt gesendet werden darf. Jetzt muss die FDP-Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger in den nächsten Tagen erst recht eine Person suchen, die in der Nachfolge von Monika Harms der ungezügelten Überwachungslust entgegentritt. (vbr)