Strom ist zu billig

Auf Messen wird gerne für die „energieeffiziente Produktion“ getrommelt. Das eigentliche Problem dabei ist aber kein technisches.

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Normalerweise sind Messen ja dazu da, darüber zu staunen, was es alles schon gibt. Auf der Emo – einer Messe für Metallverarbeitung, die letzte Woche in Hannover stattfand – ging es mir genau umgekehrt: Ich staunte darüber, was es alles noch nicht gibt. Seit Jahren wird auf einschlägigen Messen das Schlagwort von der „energieeffizienten Produktion“ ventiliert. Doch was sich dahinter an konkreten Lösungen verbirgt, klingt mitunter erschütternd trivial: Regelbare Elektromotoren zum Beispiel, oder Anlagen, die selbstständig auf Stand-by schalten, wenn sie nicht gebraucht werden.

Regelbare E-Motoren? Stand-by? Ich als naiver Beobachter frage mich erstmal: Wieso gibt’s denn das nicht schon längst überall? Kann doch nicht so schwer sein. Wo also ist das Problem? Das habe ich mir dann mal von einem freundlichen Siemens-Mitarbeiter erklären lassen. Tatsächlich ist es so, dass in vielen Betrieben die Elektromotoren für Lüfter, Pumpen oder Kompressoren immer nur mit maximaler Leistung laufen. Wird beispielsweise weniger Kühlflüssigkeit benötigt, wird nicht etwa die entsprechende Pumpe heruntergeregelt. Stattdessen wird die überschüssige Menge durch ein Ventil abgezweigt und wieder zurück in den Tank geführt. Ineffizienter geht’s kaum.

Der Grund dafür: Die nötige Regelungselektronik für die Motoren, die sogenannten Frequenzumrichter, sind teuer. Bei einem handelsüblichen 1-Kilowatt-Asynchronmotor würden sie den Preis der Maschine glatt verdoppeln. Das würde sich, so der Siemens-Mann, erst nach vielen Jahren amortisieren. Bei stärkeren Motor fällt der Umrichter zwar preislich nicht mehr so stark ins Gewicht, aber gerade die kleinen Motoren mit etwa einem Kilowatt Leistung sind die am weitesten verbreiteten Arbeitstiere der Industrie und machen einen entsprechend großen Anteil am Stromverbrauch aus.

Etwas komplizierter ist es beim Thema Stand-by. Nur ein Bruchteil der aufgenommenen Leistung geht in der Industrie tatsächlich in die Bearbeitung von Werkstücken, etwa zum Antrieb einer Fräse. Die meiste Energie verbrauchen Hilfssysteme zur Kühlung, Schmierung, Steuerung und so weiter. Diese werden aber in der Regel Montagmorgens bei Schichtbeginn hochgefahren und freitags nach Feierabend wieder abgeschaltet. Doch sie einfach pauschal zwischendurch in den Stand-by-Betrieb zu versetzen ist auch keine Lösung, denn bestimmte Maschinen müssen beispielsweise ständig gekühlt werden, um die geforderte Präzision zu erreichen. Also braucht man ein differenziertes Stand-by-System. So etwas kommt gerade erst auf den Markt.

Doch das eigentlich dahinter stehende Problem ist meines Erachtens nach kein technisches. Natürlich sind Lösungen im Detail immer etwas komplizierter, als man es als außenstehender Beobachter zunächst vermutet, aber sie sind bei weitem kein Hexenwerk. Der eigentliche Punkt scheint mir: Der Stromverbrauch kümmert keinen. Es ist offenbar preiswerter, an alter, verschwenderischer Technik festzuhalten, als ins Stromsparen zu investieren. Ich habe den Siemens-Menschen gefragt, ob denn wenigsten in jüngster Zeit, angesichts der steigenden Strompreise, die Nachfrage nach regelbaren E-Motoren gewachsen sei. Er schwieg kurz und schüttelte dann den Kopf. (wst)