Facebook war "Navigationssystem" für arabische Revolution

Zeynep Tufekci, Fellow am Berkman Center for Internet and Society der Harvard University, glaubt, dass die zunehmende Vernetzung in den nächsten Jahren zu einer Öffnung repressiver Staaten führen könnte.

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"Facebook war so etwas wie das Navigationssystem für diese Revolution", sagt der tunesische Online-Aktivist Foetus. "Ohne die Straße gibt es keine Revolution, aber wenn man Facebook dazu nimmt, bekommt man echtes Potenzial." Für die aktuelle Ausgabe von Technology Review (seit dem 29.10. am Kiosk oder direkt online zu bestellen) hat TR-Autor John Pollock im Nahen Osten mit zahlreichen Zeitzeugen und Aktivisten gesprochen, um herauszufinden, welchen Anteil das Internet und Soziale Netze an den aktuellen politischen Umwälzungen dort hatte.

Einer seiner Gesprächspartner, Foetus, gehört zu Takriz – nach eigener Darstellung ursprünglich ein winziger "Cyber-Think-Tank", der Redefreiheit und bezahlbaren Internetzugang forderte, im Laufe der "tunesischen Revolution" aber dann eine zunehmende wichtigere Rolle als Informationsknoten spielte. Die Mitglieder der Gruppe kommunizierten überwiegend übers Netz. Denn "online konnten wir anonym sein", sagt Foetus, ein Technologieberater mit MBA-Abschluss, der sechs Sprachen spricht und nach eigenem Bekunden zum Hacker wurde, weil er sich die hohen Kosten für Telefon und Internet in Tunesien nicht leisten konnte. Seinen richtigen Namen will Foetus ebenso wie die anderen "Taks" auch jetzt noch nicht verraten – die Gruppe sieht sich weiter im Kampf gegen die Nachfolger von Ben Ali, die ihrer Ansicht nach aus demselben korrupten Holz sind.

Die Bilanz der Aktivisten wird auch von Zeynep Tufekci geteilt. Die Sozialwissenschaftlerin forscht seit Jahren zur Wechselwirkung zwischen Technologie, Kultur, Gesellschaft und Politik. Sie ist Junior-Professorin an der University of North Carolina und Fellow am Berkman Center for Internet and Society der Harvard University. "Diese neuen, technischen Möglichkeiten erzeugen keine Opposition. Die Opposition war immer da. Aber sie haben den Unzufriedenen ermöglicht, sich auf eine neue Art und Weise zu organisieren", sagt sie im Interview mit Technology Review.

"Ich denke, das Zeitalter der dauerhaften, autoritären Regierungen, die sich jahrzehntelang halten, indem sie die Menschen isolieren und zensieren, nähert sich seinem Ende. Das wird nicht dieses oder nächstes Jahr passieren, aber ich denke, noch in diesem Jahrzehnt", so Tufekci. Doch eine Menge Staaten würden vor die Wahl gestellt, demokratischer zu werden, oder sich in ein zweites Nordkorea oder Burma zu verwandeln – sich also komplett abzuschotten. "Das wird auch die chinesische Politik beeinflussen."

Zugleich werde die wachsende Teilhabe der Bevölkerung "nicht automatisch zu mehr Demokratie führen", warnt dei Wissenschaftlerin. "Einen Diktator zu stürzen ist eine Sache. Eine funktionierende Demokratie aufzubauen, ist ein ganz anderes Problem. Technologie kann helfen, dieses Problem zu lösen. Aber es kann die Dinge auch komplizierter machen."

Tufekci glaubt jedoch, dass soziale Medien auch als vertrauensbildende Maßnahme genutzt werden könnten. "Wenn die Information vom Freund eines Freundes kommt, ist sie vielleicht vertrauenswürdiger. Dienste wie Google+ und Facebook unterstützen diese Möglichkeit – man muss sich allerdings auch der Mühe unterziehen, solche Netzwerke aufzubauen. Früher saßen Sie vor dem Fernseher und konnten sagen: Ich habe keine Ahnung, ob die mich anlügen oder nicht. Jetzt gibt es diese enorme Verlagerung von Verantwortung hin zu jedem Einzelnen."

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(bsc)