Science meets Cinema
Wissenschaftliche Animationen lernen von Hollywood – und Hollywood lernt beim Animieren von Forschern.
Wissenschaftliche Animationen lernen von Hollywood – und Hollywood lernt beim Animieren von Forschern.
Es gibt verlockende Websites, auf denen sich leicht sehr viel Zeit verbringen lässt. Dazu gehört beispielsweise die Filmvorschau-Seite eines großen Computerkonzerns mit einer angebissenen Frucht als Logo. Ähnliches ist mir kürzlich aber auch mit wissenschaftlichen Kurzfilmchen passiert. Ehe ich mich versah, war ich im geschäftigen Gewusel des Innenlebens einer Zelle versunken: Ich sah blau schillernden, raupenähnlichen Gebilden dabei zu, wie sie sich behäbig auf einem dünnen Schienensystem entlang schoben (Mitochondrien, die Energieproduzenten der Zelle), flog in ihrem Inneren in rasantem Tempo über wunderschöne Canyonlandschaft hinweg, folgte bunten Proteinketten, die sich elegant durch eine Membranöffnung fädelten, um dann hinter ihnen per Kamerafahrt selbst in den Durchgangskanal einzutauchen.
Schließlich hielt die Kamera auf dicke grüne, lianenähnliche Strukturen zu, auf denen wie Moostupfer bunte Moleküle saßen, um die wiederum kleine leuchtende Minimoleküle schwirrten. Es war als sei ich im Kinofilm "Avatar" und sähe eine faszinierende neue Welt. Tatsächlich war ich wieder einmal auf der "Multimedia Project"-Webseite der Harvard-Universität gelandet, die mit dem Animationsfilm "Powering the cell" ihre umfangreiche Sammlung erweitert hat. Mein Gedanke, dass Hollywood seine Finger im Spiel haben könnte, war übrigens gar nicht so falsch. Janet Iwasa etwa, eine der sogenannten "Molecular Animators" beim "Multimedia Project", hat drei Monate an der Gnomon School of Visual Effects in Los Angeles verbracht, um den Umgang mit Animationsprogrammen zu lernen. Während ihre Kurskollegen Monster und Raumschiffe zum Leben erweckten, übte die gelernte Zellbiologin Moleküle und Zellen zu bewegen.
Immer mehr Biologen schlagen diesen Weg ein und schaffen aus ihrem Fachwissen mit Computerhilfe wunderbar anschauliche biologische Episoden. Die Harvard-Uni ist da bei weitem nicht allein, auch andere Wissenschaftsbetriebe erklären Patienten und Kunden per hochwertiger Computeranimation, wie beispielsweise Leukämie entsteht und behandelt werden kann oder wie – bei einer reinen Beschreibung oft zu komplex klingende – Laborverfahren wie die Polymerasekettenreaktion funktionieren. Wer bei Youtube die Stichworte "Animation" und "Biologie" eingibt, kann sich eine ganze Weile mit den ausgegebenen Erklärfilmchen amüsieren. Das gilt natürlich nicht nur für biologisch-medizinische Themen, sondern auch für Physik und Chemie. Statt mich neulich mühsam durch die Beschreibung des Doppler-Effektes zu quälen, hätte ich gleich bei Youtube nachschauen sollen.
Übrigens gibt es noch einen zweiten interessanten Trend zur Verzahnung von Naturwissenschaften und Animationen. Immer häufiger beraten etwa Physiker Zeichentrickfilm-Macher dabei, wie sie ihre Werke – etwa "Drachenzähmen leicht gemacht" – besonders realistisch gestalten können. Zeichner und Programmierer werden dabei auf besonders eklatante Verletzungen physikalischer Grundsätze sowie unnatürliche Bewegungen hingewiesen. Die Zuschauer haben sich zwar daran gewöhnt, dass in Geschichten die Naturgesetze zuweilen arg gedehnt werden. Doch solche Fehler bringen den Betrachter oft zu stark aus der Geschichte heraus. Das soll in Zukunft auch bei Zeichentrickfilmen nicht mehr passieren.
Nun sind Flüge in Zellen und Mitochondrien vielleicht auch nicht gerade glaubhaft. Doch in dem Fall funktioniert es – auch wenn die Animatoren gelegentlich einiges extrapolieren müssen. Sie präsentieren schließlich völliges Neuland, und das reicht dafür aus, fasziniert bis zum Schluss sitzen zu bleiben. (bsc)