"Uns kann man nicht so leicht blockieren"

Mit dem neuen Anti-Zensur-Werkzeug Telex wollen US-Forscher Internet-Sperren in China und anderswo zuverlässig umgehen. Als Versteck dient notfalls das ganze Netz, erklärt Eric Wustrow von der University of Michigan im TR-Interview.

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Mit dem neuen Anti-Zensur-Werkzeug Telex wollen US-Forscher Internet-Sperren in China und anderswo zuverlässig umgehen. Als Versteck dient notfalls das ganze Netz, erklärt Eric Wustrow von der University of Michigan im TR-Interview.

Technology Review: Herr Wustrow, Menschen in Ländern mit Internet-Zensur haben seit längerem einige Möglichkeiten, Blockaden durch den Staat zu umgehen. Dazu gehört Anonymisierungssoftware wie TOR oder die Virtual-Private-Network-Technik (VPN). Wo liegen die Probleme dieser Lösungen?

Eric Wustrow: Proxy-Werkzeuge wir TOR oder VPNs lassen sich durch Zensoren relativ leicht blockieren. Um diese Techniken zu nutzen, muss man stets eine Adresse im Ausland haben, mit der man sich dann verbinden kann. Und diese IP lässt sich dann eben sperren, sobald die Zensurbehörde davon Wind bekommt. Resultat ist ein Katz-und-Maus-Spiel – Nutzer müssen sich ständig neue Proxys suchen, bevor die Zensoren sie dicht machen.

TR: Ist die technische Kompetenz von Zensurstaaten wie China mittlerweile so weit gediehen, dass traditionelle Anti-Zensur-MaĂźnahmen auf Dauer nicht mehr greifen?

Wustrow: Es geht in diese Richtung. China ist beispielsweise schon relativ erfolgreich darin, neue Proxys kurz nach ihrem Erscheinen zu blockieren. Der Zugriff auf TOR ist in China immer wieder gestört und selbst einige populäre VPNs werden mittlerweile durch die Zensur-Firewall zuverlässig gesperrt.

Es wird natürlich immer Nutzer geben, die wissen, wie man diese Probleme meistert. Doch für Otto-Normal-Verbraucher wird es in solchen Ländern immer schwieriger. Da greift die Zensur doch schon erstaunlich effizient bei der Mehrzahl der Menschen.

TR: Mit Telex versuchen Sie und Ihre Forscherkollegen von der University of Michigan nun, Alternativen zu bieten. Was macht Ihren Ansatz anders?

Wustrow: Telex arbeitet mit einer Art Superproxy, der im Kern des Netzes steckt. Die Technik erlaubt es uns, große Teile des freien Internet zu einem Proxy zu machen. Statt nur auf eine einzelne IP-Adresse oder Domain beschränkt zu sein, agiert Telex über einen großen Teil des Datenverkehrs hinweg, der den Zensoren auf den ersten Blick harmlos erscheint. Würde man diesen Bereich blockieren, würden zahlreiche zugelassene Internet-Angebote blockiert, was die Wirtschaft eines Zensurlandes schädigen würde oder politisch nur schwer durchsetzbar ist.

TR: Telex nutzt dazu kooperierende Internet-Provider in zensurfreien Ländern. Das scheint im Vergleich zu serverbasierten Lösungen recht komplex. Warum gehen Sie diesen Weg?

Wustrow: Es ist zwar komplizierter, doch wir halten das für die richtige Antwort. Wird ein ganzes Land zensiert, nutzen wir eben das halbe freie Internet in einem anderen. Zudem sind Regierungen und Provider in der besten Position, Zensur zu bekämpfen – ganz im Gegensatz zu einzelnen Nutzern.

TR: Haben Sie bereits Provider gefunden, die mit Ihnen zusammenarbeiten wollen?

Wustrow: Wir sind derzeit dabei, nach Wegen zu suchen, wie wir eine größere Telex-Installation testen könnten. Dazu haben wir auch mit mehreren großen Providern gesprochen und werben Gelder ein. Wir hoffen, dass sich hier bald etwas tut.

TR: Welche Internet-Angebote wird Telex für seine Anti-Zensur-Maßnahmen nutzen? Es müssen ja Angebote sein, die von Zensurbehörden standardmäßig nicht geblockt werden.

Wustrow: Idealerweise würde man Telex auf eine Art verwenden, bei der ein Zensurstaat die Anbindung an ein anderes Land ganz kappen müsste – oder zumindest große Teile des Netzes. Das kann ein Zensurstaat kaum. Die Websites, die da dann mitmachen, sind solche, die von den beteiligten Providern oder Regierungen vorgehalten werden. Ziel ist dabei stets, dass die Kollateralschäden der Blockade zu groß wären.

TR: Wie funktioniert Telex praktisch? Man benötigt also einen Provider mit Anbindung an den Zensurstaat? Oder reicht es, Telex vor einem Upstream-Server eines großen Web-Angebots zu platzieren, das garantiert nicht geblockt wird?

Wustrow: Es würde beides gehen – mit Vor- und Nachteilen. Eine Telex-Station, die näher an einem Zensor sitzt, etwa der Anbieter von Satelliten- oder Seekabelverbindungen, würde mehr Websites anbieten können, die Telex nutzen. Eine Station vor einer besonders populären Website würde wiederum dafür sorgen, dass die Technik nicht so leicht geblockt wird.

TR: Kann Telex alle Arten von Internet-Informationen ĂĽbertragen?

Wustrow: Für den Browser ist das Telex-Client-Programm ein ganz normaler HTTP-Proxy. Die Verbindung, die der Client nutzt, um mit der Telex-Station zu kommunizieren, wirkt für den Zensor wie eine normale Verbindung zu einer nichtblockierten Website. Die zurückfließenden Daten werden genauso unauffällig verpackt.

TR: Wann wird Telex weitläufig verfügbar sein?

Wustrow: Derzeit kann ich noch keinen genauen Termin nennen, doch wir arbeiten intensiv daran. Bald wird es ein größeres Projekt geben, das Nutzer in aller Welt auch wirklich verwenden können. (bsc)