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Was war. Was wird.

Was ist schon Kreativität, wenn auch Trolle nicht mehr das sind, was sie einmal waren? Doch so viel Realitätsverlust war nie, und das von Du-Deutschen bis Sie-Innenministern, von Politik-Realitätsvermittlern bis IT-Realitäsverbiegern, ahnt Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Nur mit einem Maximum an Kreativität hat Deutschland als Land der Ideen eine Zukunft!" Ich stelle mir vor, wie meine Leser die Augen verdrehen, bis das Weiße quillt. Geht es denn endlos weiter mit diesem Du bist Deutschland!. Muss dieser Hal Faber endlos darauf herumreiten, wie die Partner für Innovationen, die Einwohner der Parallel-Gesellschaft des materiellen und kulturellen Reichtums, des angenehmen Arbeitens und des Erfolges PR-Arbeit für ihre eigene soziale Schicht machen, im Bund mit denen, die immer noch ein bisschen mehr aus den Arbeitnehmern und dem Staat herausholen wollen und die immer asozialer werdende Gesellschaft predigen?

*** Aber nicht doch. Warum sollte ich mich wiederholen? Das mit dem Maximum an Kreativität gilt nicht der komischen Werbekampagne, sondern den Schwerstkopfwerkern und verkündet wurde es vom obersten Du-Tschländer Horst Köhler auf dem deutschen Kongress für Philosophie. Eine Veranstaltung übrigens, die sich mit mäeutischen Handreichungen der Frage widmete, ob Computer kreativ sein können. Ja, hat denn noch kein Philoso-Viehtreiber den blauen Schirm des Todes gesehen, die kreative maschinelle Antwort auf das Höhlengleichnis? Und sollten wir nicht lieber darüber grübeln, was zur Hölle Die Welt zu Gast bei Freunden bedeuten soll? Muss man sich mit solchem Irrsinn herumschlagen angesichts einer erneuten Naturkatastrophe in Asien, die auch ohne die Schlagzeilen vom "Jahrhundertbeben" schon erschütternd genug ist?

*** Aber ja! Deutschland, du Land der Ideen, du brauchst Kreativität, Innovation, Flexibilität, Dynamik und natürlich, wie könnte ich das vergessen, Exzellenz -- nicht Jammerei, und noch weniger Mitleid, sei es mit dir selbst, sei es mit anderen. Du brauchst eine kreative Exzellenz-Initiative voll innovativer Dynamik, oder anders gesagt, du brauchst mehr Computer, mehr Schulen ans Netz, mehr Nikolausaktionen im Oktober. Du brauchst eine Mischung aus Professor Paul Kirchhof, Steve Ballmer und Berti Vogts. Oder merkeler noch eine Mischung aus Jens Nowotny, Professorin Miriam Meckel und Hasso Plattner. Deutschland, du Land der Dichter und Denker, du brauchst Lehrer ohne Pisa-Test und vor allem brauchst du ordentlich viel Kreativität, ordentlich auf West und Ost verteilt. Außerdem brauchst du Einnahmen.

*** Nehmen wir nur unsere niederländischen Nachbarn. Mit der Ausweispflicht und der dazugehörigen Ordnungsstrafe zeigen die Niederländer, wie man kreativ aus dem gegen den Terror angeordneten ID-Terror Geld macht. In den ersten neun Monaten erwischte man 3898 Kinder zwischen 14 und 15 Jahren ohne Ausweis, die dafür jeweils 25 Euro Strafe zahlen mussten. Das nenne ich ein ebenso kreatives wie gleichzeitig pädagogisch wertvolles Umgehen mit der eigenen Jugend! Da könnte sich das Land der Duzer und Durchstarter ein Scheibchen abschneiden. So kostet der allseits kritisierte neue ePass mit seiner biometischen Simulation von Sicherheit subventionierte 59 Euro. Wie wär es mit einem Feinderkennungsaufschlag von 50 Euro für jeden nicht erfolgreichen Leseversuch der photogeshoppten Portraits, Kinder die Hälfte? Schließlich muss dort, wo die Maschine versagt, der deutsche Beamte eingreifen und der hat seinen Preis. Staatsbürgertechnisch wäre diese Regelung von großem erzieherischem Wert, lehrt sie doch die Biometrie ehren. Wer beim "Bezahlen per Fingerspitze" darauf abgerichtet wird, für ein paar Treuepunkte beim "integrierten Couponing" seine Fingerabdrücke an der Kasse herauszurücken, der hält am Ende die Hülle seines Körpers für eine billige Tüte, die nicht mal der grüne Punkt entsorgt.

*** Heute vor 50 Jahren fand die erste Ziehung der Lottozahlen statt. Heute glauben im Schnitt 20 Millionen Menschen an das Märchen vom Autowäscher zum Millionär und machen ihre Kreuzchen auf den Lottoscheinen. Ähnlich hingebungsvoll glauben eigentlich nur noch Blogger an das ganz große Glück, wenn sie lesen, welche Summen Firmen wie AOL hinblättern, um an die Software für die Veröffentlichung unvergleichlicher Einsichten zu kommen. "Nur wer phänotypisch was hermacht, hat gute Karten, wen aufzureißen," heißt es beim Leitblogger von T-Mobile, der nun in Großbritannien sein phänotypisches Talent beim mobilen Aufreißen mit Hilfe von Google zeigen soll. Dabei ist die eigentliche Sensation der Woche fast unbeachtet geblieben. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass ein Konzern wie SAP 850.000 Dollar in die Wikibude Socialtext steckt (die insgesamt 4 Millionen kassierte) und damit beweist, dass er besser als Microsoft oder Google und Sun versteht, wohin die Reise geht. Ja, auch das Internet braucht seine Krambuden des Wissens, wenn Goethe beim Chat mit Eckermann mal eben nachschauen kann, wie das eigentlich beim ollen Brockhaus gelaufen ist, damals. Und nein, noch hat niemand eine Ahnung, wie das mit dem Knowledge Drilling in Unternehemens-Wikis wirklich funktioniert. Dafür studieren alle das HeiseWiki, das Schatzkästlein gegen die verflachende Forumskultur, die Angebote wie das "enilnoesieh trollvoting" zur Aufgabe zwingt. Ja, passend zum Leif Erikson Day muss man leider konstatitieren, dass es keine großen Trolle mehr gibt: "I'm so tired" sang einst ein nachmalig zur Legende mutierter Popstar, der heute eigentlich 65 geworden wäre, in seinem einzig wirklich guten Song den finalen Kommentar zur Troll-Misere.

*** Anders als die eingebildeten, um Aufklärung bemühten Blogger wissen Journalisten, was sie für ein heikles Geschäft betreiben. Nehmen wir nur den Fall von Professor Neil Barrett, der in seinem letzten Buch "Traces of Guilt" seine Jugend beschreibt, wie er als edelster der edelmütigen Hacker zum jüngsten englischen Professor geläutert wurde. Über seine jüngste Konversion heißt es hier EU-Kommission benennt "Microsoft-Berater", dort hingegen EU Hires Criminologist to Monitor Microsoft . Doch anders als die von Blogcountern ausgezählten und von Blogstats leistungsmäßig überprüften Blogger weiß eigentlich niemand so recht, was ein Journalist ist. Das geheimnisvolle Dunkel, das uns 48.381 hauptberufliche Journalisten und Journalistinnen umgibt, ist nun von einer Studie erhellt worden: "Hal Faber ist ein 41 Jahre alter Mann, der aus der Mittelschicht stammt, einen Hochschulabschluss hat, bei der Presse arbeitet und in einer festen Beziehung lebt." Tja, doch wer wie Hal Faber als freier Journalist arbeitet, ist möglicherweise gar nicht erfasst worden, konnte in der stundenlangen Telefonbefragung gar nicht erklären, was er mit Schmiergeldern macht und wie er heikle Dokumente versteckt, aus denen er zitiert: "Der Anteil der 'Freien' liegt bei 25 Prozent -- nicht gezählt wurde das Heer der 'pro-ams', der professionellen Amateure: Leute wie Weblogger, die nebenberuflich Journalismus machen, oder Personen, die ihr Haupteinkommen durch Public Relations betreiben, weil sie vom Journalismus allein nicht leben können." Frei nach dem Motto, dass der Journlist immer vorne links im Taxi sitzt, blendet die Studie einen großen Block sozialer Wirklichkeit aus, wenn es heißt, dass 88,3 Prozent vom Wunsch angetrieben werden, die "Realität" abzubilden.

*** Doch die Realität ist gar nicht nett, sie ist eher nuttig aufgestellt. Händeringend mussten die schwarzen Reiter im Bundesinnenministerium suchen, bis sich in Potsdam Staastwanwälte auf Druck von oben bereit fanden, willig gegen die Zeitschrift Cicero vorzugehen. Kunstvoll wurde eine Razzia inszeniert, bei der sämtliche Festplatten verhaftet wurden, der eigentliche, von Otto Schily großspurig behauptete Geheimnisverrat jedoch nicht gefunden wurde. So bleibt zum traurigen Ende der rotgrünen Regierungszeit nicht nur ein Kanzler zurück, der sichtlich high im Fernsehen Krawall macht, sondern auch ein Innenminister, der sichtlich nicht begriffen hat, dass Geheimnisverrat und Informantenschutz zwei Seiten der Medaille sind, die er sich unbedingt umhängen will. So produziert Otto Schily eine Albernheit nach der anderen. Wie bei seinen Attacken gegen den Bundesdatenschützer redet der abgehalfterte Minister von der Rechtsunkenntnis einer Welt, die mit seinem dumpfen Rechtsverständnis nicht zu tun haben will. Wahrscheinlich werden wir bald isländische Verhältnisse haben, in denen der Staat ohne Hemmungen aus den E-Mails zitiert, die er auf den Festplatten finden wird. Was bleibt, ist die geschickt getarnte Aufforderung der letzten 68er im BSI, seine Mail-Konten im demokratischen Ausland zu führen.

Was wird.

Trotz der albernen Identifikations-Strafsteuer in den Niederlanden hat uns Poldawien einiges voraus.. Etwa die Stadt Amsterdam, die immer wieder für schöne Kongresse gut ist. Hier finden sich die Nahfunk-Freaks zum großen RFID-Kongress ein, bei dem nicht nur Metro über die segensreichen Chips predigt. Eine Woche später finden sich in dem Hotel Krasnapolsky, in dem Geburtstagskind John Lennon mit seiner Yoko Ono das große Bett-Happening zum Frieden in der Welt zelebrierte, das Treffen der quelloffenen Programmierer von O'Reillys Gnaden statt, gepaart mit der Makefaire des bezaubernden c't-Nachfolgers Make. Und in Deutschland wächst die schier unerträgliche Spannung um die kommende Regierung derweil Tag für Tag ins Gigantische, fast schon Überspannte -- wenn man den realitätstüchtigen Journalisten Glauben schenkt, die mit maximaler Kreativität schreiben. Wolle mer se rauslasse?, jodelt die versammelte Meute vor der Parlamentarischen Gesellschaft. Ach nein: Dann doch lieber ein reales Leben in der Realität, auch wenn das mit der Straßenbahn des Todes zum Edeka des Grauens führt. (Hal Faber) / (jk)