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Was war. Was wird.

Wer ist Subjekt, wer Objekt, wer Handelnder, wer Be- oder Gehandelter? Sollten wir die technologische Singularität wirklich verpasst haben? Auch Hal Faber würde gerne Witze mit Michel Foucault reißen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Seit der Veröffentlichung von "Homo S@piens", dem Buch des KI-Propheten Raymond Kurzweil, beobachtet die kleine Wochenschau aus der norddeutschen Tiefebene das Herannahen der technologischen Singularität, jenem verzückten magischen Moment, in dem die Maschinen die Menschen abhängen vom technischen Fortschritt. Die Singularität tritt ein, wenn sie anfangen, sich ohne menschliche Ingenieurskunst selbst zu verbessern. Betrachtet man die lallenden Besitzer neuer iPhones, die über ihr Siri so aus dem Häuschen sind, dass sie in Babysprache zurückfallen, so scheint diese Wochenschau den singulären Moment verpasst zu haben. Auch wenn der Siri-Programmierer anderer Meinung ist und glaubt, dass künstliche Intelligenz auf lange Zeit nicht in ein Smartphone passen wird, so darf die Rechnung niemals ohne die künstliche Verblödung gemacht werden, die uns umgibt. Da ändert auch ein scharfer Verstand wie der vom Microsoft-Gründer Paul Allen nichts an der Gleichung, auch wenn er richtig konstatiert, dass in dem vorhergesagten Jahr 2045 der Umschwung nur dann kommen könnte, wenn ein Mensch eine außergwöhnliche technische Entdeckung macht. Das berühmte Quantensprüngchen lauert immer hinter der nächsten Ecke.

*** Nun gibt es eine Lesart, dass die technologische Singularität längst hinter uns liegt, dass der Mensch als eigenständiges Wesen längst gestorben ist in einem langen Todeskampf, demgegenüber der vielberedete Tod Gottes eine Episode ist. Wir Menschen sind längst nicht mehr die handelnden Subjekte in dieser Welt, schrieb Friedrich Kittler und postulierte, "dass Menschen die Informationsmaschinen nicht erfunden haben können, sondern sehr umgekehrt ihre Subjekte sind." Längst haben sich die Informationsmaschinen als Kriegsprodukte selbständig gemacht und formen uns zu ihren Rezeptoren. Nun ist Friedrich Kittler tot und wird als großer Medientheoretiker in den Pantheon gehoben, wo sein großes Vorbild Michel Foucault sitzt und mit Alan Turing Witze über Jacques Lacan macht.

"Seit Alan Turing 1936 seine Prinzipschaltung einer universalen diskreten Maschine angeschrieben hat, geht nicht bloß die Behauptung, sondern der maschinelle Beweis um, dass alles, was Wissenschaftler - ich habe absichtlich nicht wie Turing "Menschen" gesagt - in endlicher Zeit intellektuell leisten können, genausogut in Computern stattfindet. Damit treiben Computer aber nur auf die Spitze, was Medien überhaupt auszeichnet." Friedrich Kittler)

*** Der Computer, in dem diese kleine Wochenschau lebt, freut sich auf die ferne Singularität, wenn ein altersweiser Leonardo DiCaprio in einem Film über Friedrich Kittler spielt und damit seine Darstellung von Alan Turing übertrifft. In jener Singularität, in der Computer endlich Fehler machen dürfen, sind alle denkbaren Filme in einem großen Google-Archiv gespeichert und mit der Borges-Maschine abspielbar. Was heute bleibt, ist ein dankbarer Abschied von Kittler als Inspirator in einer Zeit, die täglich trüber wird, in der ein banale Tweets verbüchernder Autor wie Jeff Jarvis allen Ernstes von einer Bande von Claqueren als Denker gefeiert wird und kritische Geister das Fehlen eines McLuhan beklagen. Ausgerechnet McLuhan! Um Himmels willen. Kittler sei mit uns. Kittler war – immerhin – unter uns.

*** In der Mediengeschichte unserer Zeit ist das für den Krieg erfundene Radio eine verrückte Sache. Technisch in seiner Ausprägung als UKW-Radiogerät obsolet, als Hintergrundgeräuscheproduzent für Küche und Autos dennoch unverzichtbar, erfährt es mit den Audio-Podcasts und Internet-Streaming ein neues Leben. Im Alter von 101 Jahren ist das Leben von Norman Corwin zu Ende gegangen, der viele bedeutende Radiobeiträge verfasste. Seine Sendung We Holde These Truths wurde am 15. Dezember 1941 nach dem Kriegseintritt der USA ausgestrahlt und von 60 Millionen Amerikanern gehört; Sprecher wie Orson Welles und James Stewart schufen das Gegenstück zu dem, was aus deutschen Volksempfängern blökte. Berühmt wurde auch "On a Note of Triumph", Corwins Sendung zum Ende des zweiten Weltkrieges, gewidmet dem einfachen Soldaten, die mit einem Gebet endete:

Lord God of test-tube and blueprint
Who jointed molecules of dust and shook them till their name was Adam,
Who taught worms and stars how they could live together,
Appear now among the parliaments of conquerors and give instruction to their schemes:
Measure out new liberties so none shall suffer for his father's color or the credo of his choice:
Post proofs that brotherhood is not so wild a dream as those who profit by postponing it pretend:
Sit at the treaty table and convoy the hopes of the little peoples through expected straits,
And press into the final seal a sign that peace will come for longer than posterities can see ahead,
That man unto his fellow man shall be a friend forever.

*** Welcher Computerfehler liegt eigentlich vor, wenn aus Sätzen wie "Es wäre schlimm, wenn unser Land am Schluss regiert werden würde von Piraten und Chaoten aus dem Computerclub. Es wird regiert von Sicherheitsbeamten, die dem Recht und dem Gesetz verpflichtet sind" Aussagen entstehen, die ganz anders klingen? "Es wäre schlimm, wenn unser Land von Piraten und Chaoten aus dem Chaos Computer Club regiert würde. Wir haben Sicherheitsbeamte, die Recht und Gesetz verpflichtet sind." Die Antwort sitzt 40 cm von einem Bildschirm entfernt, nennt sich Politiker und folgt einer Bierzelt-Logik: Weil der Club Chaos Computer Club heißt, sind die Mitglieder eben "Chaoten", und weil es die Piratenpartei gibt, sind ihre Leute furchtbare Beuter, die Produktpiraterie im Internet befürworten. Damit tut man den Verfechtern von "Freigut-Geschäftsmodellen" ebenso unrecht wie den Matetistas. Wo wirklich Chaos herrscht, das kann in Deutschland nicht einmal ein Gericht bestimmen. Denn ein solches stellte eindeutig fest: "Es kann auch nicht davon gesprochen werden, dass das Schreiben der E-Mail so eng mit ihrer späteren Versendung verknüpft ist, dass bereits das Schreiben in der Maske ohne Datenaustausch ein Vorgang der Telekommunikation im Sinne des § 100 a StPO wäre. Dies zeigt sich schon darin, dass die E~Mail während und nach dem Schreiben stets noch geändert oder gelöscht werden kann." Alle Beteuerungen von polizeilicher und politischer Seite, dass die "Quellen-TKÜ" rechtsmäßig vonstatten ging, übergehen diesen Sachverhalt. Kommuniziert wird blanker Unsinn im Stil von: "Dein Schnürsenkel ist offen!" "Er ist nach DIN ISO 9000 zertifiziert!"

*** Zu den Höhepunkten der Mensch-Maschine-Kommunikation gehört dieser Dialog an der Schwelle zur technologischen Singularität. Open the pod bay doors, Hal!: Eigentlich ein unscheinbares Jubiläum, doch sollte angesichts des anhaltenden Trubels um Steve Jobs nicht vergessen werden: Heute vor 10 Jahren stellte Apple den iPod vor und "enterte" damit den HiFi-Markt. Das Gerät, das unter dem Codenamen Dulcimer entwickelt wurde und später den Namen aus der Odyssee im Weltraum verpasst bekam, sollte die Audio-Software iTunes, die als SoundJam gestartet war, verkaufen helfen. Geschichten um den iPod sind vom "Reality Distortion Field" Steve Jobs' geprägt: Weder war die Bedienung des Scroll-Wheels eine Design-Idee – sie kam aus der Anzeigenabteilung von Apple – noch war der iPod einzigartig. Apple selbst griff im Rechtsstreit auf die frühere, patentierte Erfindung eines britischen Ingenieurs zurück. Angesichts der Unverfrorenheit, mit der Apple sich bei den Ideen von Xerox bediente, liest sich der vorab veröffentlichte Groll über Android, der Jobs schwer zu schaffen gemacht hat, wie ein schlechter Witz. Aber diese Feinheiten werden vergessen, wenn der Heilige auf seine Säule gekrant wird. So kommen Mythen zusammen, wie jener von dem Käfer als ersten Bug der Technikgeschichte. Dank Friedrich Kittler wissen wir in den Fußstapfen von Riesen die Spuren zu lesen und können die Spuren des Bug mindestens bis Thomas Alva Edison verfolgen, der 1878 die Prinzipien seiner Arbeit so beschrieb:

"I have the right principle and am on the right track, but time, hard work, and some good luck are necessary too. It has been just so in all my inventions. The first step is an intuition, and comes with a burst, then difficulties arise - this thing gives out and then that 'Bugs', as such little faults and difficulties are called - show themselves and months of intense watching, study and labor are requisite before commercial - or failure is certainly reached."

Was wird.

Die iPad-App Deutscher Bundestag hat Silber in der Kategorie Kommunikationsdesign beim Deutschen Designpreis gewonnen. Die App wird gelobt, als echter Beitrag für mehr Bürgernähe. Mit einem Fingerwisch kann man erleben, wie Politiker einen Polizeistaat beschreiben, in dem Sicherheitsbeamte regieren. Ganz anders als bei der staatstragenden Videobotschaft, die ein etwas schwammiges Bekenntnis zur Netzneutralität enthält: "Jeder Nutzer, egal was er verdient, welchen Bildungsgrad er hat, soll die Möglichkeit haben, den gleichen Zugang zum Internet zu bekommen. Es darf kein Internet erster und zweiter Klasse geben." In diesem unseren tollen Internet, das bald verdammt leer sein wird, kann man dank der App am iPad in der nächsten Woche die Lesung zum Telekommunikationsgesetz verfolgen.

Außerdem eröffnet Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger in Berlin das 1. Symposium über Internet und Gesellschaft, mit dem ein von Google gesponsertes Universitätsinstitut seine Arbeit aufnimmt. Für 4,5 Millionen Euro über drei Jahre hinweg läuft eine Startup-Finanzierung, die die Frage aufwirft, welches Produkt am Ende verkauft werden kann. Vielleicht liegt "Empire of the Mind: The Dawn of the Techno-political Age" aus, das Buch, in dem Googles Eric Schmidt seine Vision von der technologischen Singularität erklärt, in der die Autos uns fahren und lenken. Als Schmidt an BerkNet arbeitete, war das Internet wirklich verdammt leer. (jk)