Pille gegen Müdigkeit

Einer neuen Studie zufolge hilft ein Narkolepsie-Medikament auch übermüdeten Ärzten, sich besser zu konzentrieren. Wir sollten aber nicht darüber diskutieren, ob sie dann tatsächlich weniger Fehler machen, sondern darüber, warum sie übermüdet arbeiten dürfen.

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Seit einigen Jahren gehört das Thema Gehirndoping zu den mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden Themen in den Nachrichten. Der Begriff umschreibt den Trend, Medikamente einzunehmen, obwohl man nicht krank ist, nur um die Konzentration, das Gedächtnis und allgemein die kognitive Leistung zu verbessern. Wissenschaftler, Manager, Ärzte – wer ständig unter Druck steht und viel leisten muss, holt sich nicht selten medikamentöse Hilfe, um den Anforderungen gewachsen zu bleiben.

Die Frage ist nicht mehr, ob sie es tun, sondern wie viele es sind. Vor drei Jahren befragte das Fachjournal Nature seine Leser, ob sie Gehirn-Doping betreiben. Das Ergebnis überraschte: 1400 Leser antworteten, jeder fünfte von ihnen hatte schon einmal eines dieser drei Mittel eingenommen, zwölf Prozent dopten sich regelmäßig: 62 Prozent von ihnen nahmen Ritalin (Wirkstoff: Methylphenidat), das eigentlich für die Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) entwickelt wurde, um sich besser konzentrieren zu können; 44 Prozent griffen zu Provigil (Wirkstoff: Modafinil), das bei Schlafstörungen verschrieben wird, um Jetlag und Müdigkeit zu bekämpfen; und immerhin 15 Prozent nahmen Betablocker, aber nicht um Herzrhythmusstörungen vorzubeugen, sondern wegen der beruhigenden Wirkung.

TR ging damals in dem Artikel „Die gedopte Elite“ der Frage nach, wie „die Grenze zwischen Medikamenten und Drogen sowie zwischen krank und gesund verschwimmt – ähnlich wie zuvor schon der Unterschied zwischen Wiederherstellungs- und Schönheitschirurgie oder Erektionsstörungen und dem Wunsch, allzeit sexuell bereit zu sein“. Und: „Ärzte berichten von einer zunehmenden Zahl von organisch weitgehend gesunden Spitzenkräften, die nach Mitteln verlangen, mit denen sie noch besser werden oder das hohe Niveau dauerhaft halten können.“

Jetzt haben Wissenschaftler vom Imperial College in London untersucht, wie leistungsfähig das Gehirndopingmittel Provigil Ärzte wirklich macht. Dem Magazin „New Scientist“ zufolge ließen die Forscher 39 männliche Ärzte eine Nacht durchmachen und gaben der Hälfte von ihnen anschließend Provigil, und der anderen ein wirkungsloses Placebo. Danach sollten die Mediziner verschiedene kognitive Tests absolvieren und einen chirurgischen Simulator bedienen. Das Ergebnis: Die Gruppe, die das Medikament erhalten hatte, schnitt bei Gedächtnis- und Planungstests bedeutend besser ab, nur die motorische Geschicklichkeit verbesserte sich nicht merklich.

Die Wissenschaftler wollten eigenen Angaben zufolge nicht herausfinden, ob übermüdete Ärzte weniger Fehler machen, wenn sie gegen die Müdigkeit Pillen einwerfen, sondern eine ethische Diskussion über das ganze Thema anstoßen. Die ist auch nötig. Es handelt sich nämlich nicht nur um ein akademisches Problem. Vor drei Jahren schrieben wir, dass sich der Umsatz des US-Herstellers Cephalon, der Provigil auf den Markt gebracht hat, zwischen 2000 und 2008 von 70 Millionen Dollar auf 850 Dollar mehr als verzehnfacht hat: „Provigil (in Europa: Vigil) wurde zur Bekämpfung der Schlafkrankheit Narkolepsie entwickelt, unter der aber etwa in den USA nur 0,05 Prozent der Bevölkerung leiden. Trotzdem liegt der US-Umsatz bei 800 Millionen Dollar – das lässt sich kaum damit erklären, dass das Mittel inzwischen auch gegen die Folgen von Schichtarbeit und nächtliche Atemaussetzer zugelassen ist.“

Hätte die US-Aufsichtsbehörde FDA 2007 nicht Cephalons Praxis unterbunden, in einer Ärzte-Broschüre offen dafür zu werben, dass sich Provigil auch für andere Schlafstörungen als die plötzlichen Schlafattacken eignet, würde das Pharma-Unternehmen wohl heute noch auf Kundenfang damit gehen. In Deutschland erreichte das Unternehmen dafür, dass Vigil, wie das Mittel hierzulande heißt, nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, weil kein Suchtpotenzial nachgewiesen wurde.

Doch das eigentliche Problem ist ein ganz anderes. Die hohe Nachfrage durch gesunde Patienten liegt nicht an verlockenden Broschüren, sondern wird durch Dienstpläne, Sparzwänge und Leistungsanforderungen erzeugt, die die endlichen Kräfte eines Menschen schlicht nicht mehr berücksichtigt – und schlimmer noch, auch mit dem Leben von tatsächlich Kranken spielt. Manche argumentieren, Ärzte schlucken doch auch literweise Kaffee, warum dann nicht ein richtig leistungsstarkes Medikament, damit sie nicht nur Übermüdung folgenschwere Fehler machen? Mir aber wäre ein ausgeschlafener Arzt allemal wichtiger. Das sollte es Kliniken und der Gesellschaft auch sein. (wst)