Der magische Spiegel

Wissenschaftler im Zukunftslabor der "New York Times" haben ein Badezimmeraccessoire entwickelt, das Nutzer bereits kurz nach dem Aufstehen auf den neuesten Stand bringen soll.

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Wissenschaftler im Zukunftslabor der "New York Times" haben ein Badezimmeraccessoire entwickelt, das Nutzer bereits kurz nach dem Aufstehen auf den neuesten Stand bringen soll.

Die "New York Times" (NYT) gilt als die renommierteste Zeitung der USA. Trotzdem haben die Blattmacher aus dem Times Building an der Eighth Avenue in Manhattan in den letzten Jahren wie viele andere Printperiodika zu kämpfen: Die Druckauflage des 1851 gegründeten Titels sinkt, die Leser wandern ins Internet - und dort wiederum lässt sich aufgrund der günstigeren Werbepreise und der relativ geringen Bereitschaft, Abogebühren zu bezahlen, viel weniger verdienen.

Bei der NYT begegnet man dem Umschwung jedoch deutlich aufgeschlossener als bei manchem anderen traditionsreichen Verlag. Das schlägt sich unter anderem in der Tatsache nieder, dass man früh auf das Internet setzte und nun auch verstärkt in mobile Medienangebote für Tablets und Smartphones investiert. Außerdem steckt das Blatt - anders als viele Konkurrenten - auch explizit Geld in den Bereich Forschung und Entwicklung. Der Name der Abteilung lautet New York Times Company Research & Development Lab - oder kurz: NYTLabs. Die Forschungsabteilung der Zeitung hat sich auf die Fahnen geschrieben, neue Technologien zu entwickeln, Kundenverhalten vorherzusehen und, was wohl das wichtigste ist, neue Nutzerschnittstellen für journalistische Inhalte zu schaffen. Aus dem Printprodukt wird ein digitales.

Konzeptdarstellung: Wie sich die Forscher den "Reveal" vorstellten.

(Bild: NYTLabs)

Eines der interessantesten Forschungsprojekte, die derzeit in dem NYT-Zukunftslabor laufen, nennt sich "Reveal". Dabei handelt es sich um einen interaktiven Spiegel für das Badezimmer, der Leserinnen und Leser schon beim Zähneputzen "einfangen" soll, noch bevor sie am Frühstückstisch zur Zeitung, dem Laptop oder dem Tablet-Computer greifen können.

Brian House, der als "Creative Technologist" neue Möglichkeiten entwickelt, auf NYT-Inhalte zuzugreifen, erläutert das Prinzip. "Wir wollten herausfinden, wie sich der Informationsabruf besser in unseren Tagesrhythmus integrieren lässt. Jeder von uns putzt sich die Zähne oder kämmt sich die Haare. Wir haben aber alle auch unsere Informationsroutinen." Und genau hier setzt Reveal an: Der Spiegel soll die Nutzer abholen.

Der Prototyp: Mit Webcam und eingebautem Kinect-Sensor.

(Bild: NYTLabs)

Die NYT-Forscher nutzen für ihren Prototypen relativ einfache Bausteine: Ein LCD-Fernseher mit reflektierender Oberfläche stellt den Spiegel. Er wurde vertikal montiert, um eine größere Fläche zu bieten. Die Person davor erkennt ein kostengünstiger Kinect-Bewegungssensor von Microsoft, der sonst für die Spielekonsole Xbox 360 verwendet wird. Gesteuert wird das System mit einem angeschlossenen PC. Als zusätzliches Goodie ist außerdem eine kleine Webcam montiert, die den Nutzer aufnehmen kann - damit lässt sich beispielsweise ein Videoanruf führen.

Reveal besitzt außerdem eine Auflage, die Produkte erkennen kann. Legt der Benutzer dort beispielsweise eine Medikamentenverpackung ab, kann er sich Informationen zu Risiken und Nebenwirkungen anzeigen lassen. Das funktioniert beim Prototypen noch mittels Kinect - in einem späteren Modell könnte Reveal, den die Forscher in der Entwicklungsphase noch "magischen Spiegel" nannten, auch Funkchips mit Produktbezeichnung (RFIDs) auslesen.

Denkbar ist auch, dass Reveal Nutzern Rabattangebote macht, wenn sie etwa eine Packung Seife auf die Auflage legen: Der Hersteller kann dann anbieten, weitere Kosmetikprodukte zum vergünstigten Preis zu erwerben, weil es sich um einen loyalen Kunden handelt. (Die NYTLabs-Forscher betonen, dass solche Werbeideen rein freiwillig wären.)

(1) Der Nutzer hebt seine ZahnbĂĽrste an. (2) Sofort erscheinen neueste Nachrichten und ein praktischer Timer fĂĽr das korrekte Putzen.

(Bild: NYTLabs)

Eine weitere, höchst logische Anwendung ist die Auswahl von Kleidung: Der Spiegel zeigt dann beispielsweise eine Krawatte oder ein Hemd an, die am Oberkörper des Benutzers ausgerichtet sind. Hier setzen die NYTLabs-Forscher auch auf Techniken aus der Augmented Reality, bei der Livebilder von der Kamera mit Computerinhalten überlagert werden.

Natürlich kann der Spiegel auch Inhalte der aktuellen NYT-Tagesausgabe präsentieren und ist, was etwa beim Eincremen sicher sehr praktisch ist, auch per Spracheingabe kontrollierbar. Selbst beim richtigen Zähneputzen soll Reveal helfen können (siehe Bild): Der Spiegel erkennt, wenn der Nutzer die Zahnpflege beginnt und blendet automatisch einen Timer ein, der anzeigt, wann genügend lange geputzt wurde.

Noch handelt es sich bei Reveal um ein reines Prototypsystem. Die NYTLabs-Wissenschaftler betonen aber, dass eine Realisierung technisch kein groĂźes Problem darstellen wĂĽrde. Alles, was noch fehlt, ist eine Firma, die ein Gesamtpaket schnĂĽrt. Da kann man nur hoffen, dass die Idee nicht den Weg des KĂĽhlschranks mit Internet-Zugang geht. (bsc)