Zum Jubeln und Gruseln
Hirnforscher haben mittlerweile einen fast beängstigend genauen Blick ins menschliche Denken.
In letzter Zeit häufen sich Meldungen aus der Hirnforschung, bei denen ich nicht weiß, ob ich jubeln oder mich gruseln soll. In einem Fall haben es Forscher rund um Jack Gallant von der University of California in Berkeley geschafft, aus den Hirnaktivitäten bewegte (!) zuvor unbekannte (!!) Bilder zu rekonstruieren, die eine Versuchsperson gerade sah. Im anderen Fall gelang es Wissenschaftlern von Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München gemeinsam mit Kollegen von zwei weiteren Instituten, anhand der Hirnaktivitäten genau nachzuvollziehen, wann eine Versuchsperson im Traum die Fäuste ballte.
Mit Gedankenlesen hat das zunächst noch nicht allzu viel zu tun. Die kalifornischen Forscher mussten die Software zuvor in stundenlangen Sessions im funktionellen Magnetresonanztomographen auf ihre individuellen Aktivitätsmuster trainieren. Und die Traum-Erkennung funktionierte nur bei einigen wenigen Probanden, die die Kunst des „luziden Träumens“ beherrschen – die sich also während des Träumens bewusst sind, dass sie träumen, und den Traum gezielt beeinflussen können, ohne wach zu werden. Beide Versuche – und andere, ähnlich gelagerte – dienen im Moment noch mehr der Grundlagenforschung, als dass sie ein ernstzunehmender Angriff auf die geistige Privatsphäre wären.
Dennoch finde ich solche Experimente gleichermaßen zum Jubeln wie zum Gruseln. Zum Jubeln, weil ich es – trotz der genannten Einschränkungen – schlicht unglaublich finde, mit welcher Differenziertheit Forscher mittlerweile eine Verbindung zwischen neuronalen Aktivitäten und den Inhalten des Denkens herstellen können. Ihre Lernkurve ist offenbar steil: Die Rekonstruktion von bewegten Bildern, die der Software zudem zuvor noch unbekannt waren, war bis vor kurzem undenkbar. Und erst recht die Entschlüsselung von Trauminhalten. Immerhin haben wir es mit dem menschlichen Hirn mit dem komplexesten Stück Materie des uns bekannten Universums zu tun. Ein Bonmot der Hirnforscher lautet: „Wenn das Hirn so schlicht wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir zu schlicht, um es zu verstehen.“ Ich habe den Eindruck, das trifft heute nicht mehr so ganz zu.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir auch die Konstruktion eines auf Hirnaktivitäten basierenden Lügendetektors nicht als allzu utopisch. Damit kommen wir zum Gruseln. Denn selbst, wenn nach heutigem Wissensstand allenfalls enorm aufwendige, halbgare und unzuverlässige Blicke in das Denken des Menschen möglich sind: Die Versuchung für Staaten oder Geheimdienste, diese Werkzeuge zu ge- oder missbrauchen, steigt mit jeder weiteren einschlägigen wissenschaftlichen Veröffentlichung. Jetzt schon paranoid zu werden ist sicherlich noch zu früh. Aber wie gesagt: Die Hirnforscher scheinen eine steile Lernkurve zu haben. (wst)