Von Fischen und Menschen

Forscher haben festgestellt, dass Fische unterschiedliche Persönlichkeiten haben. Eigentlich ist das nicht wirklich erstaunlich.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.

Dänische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es auch unter Fischen echte Gewohnheitstiere gibt: Sie ließen die Tiere in einem einfachen Labyrinth nach Futter suchen, das sie in einem Teil der Versuche immer am selben Ort platzierten, manchmal aber auch an anderen Orten versteckten.

Manche der Fische - man kann darüber spekulieren, ob das die intelligenteren waren - schwammen immer zuerst zu dem Ort, den sie als „Futterquelle“ schätzen gelernt hatten. Wenn die Forscher das Futter an einer anderen Stelle versteckt hatten, brauchten diese „Gewohnheitstiere“ besonders lang, um das Futter zu finden, weil sie erst mal die gewohnte Stelle und dann die Umgebung absuchten. Andere Fische hingegen, dölmerten jedesmal mehr oder weniger zufällig durch das Labyrinth und fanden so das an anderer Stelle versteckte Futter wesentlich schneller als ihre Artgenossen.

Was der Quatsch soll, könnten Sie jetzt fragen. Was interessiert mich, wie schnell der Fisch sein Futter findet? Nun, für die dänischen Wissenschaftler belegt der Versuch, dass unterschiedliche Individuen tatsächlich unterschiedlich auf Veränderungen ihrer Umgebung reagieren. Ein Züchter, der maximale Ergebnisse erzielen will, muss das berücksichtigen und die Umgebung so gestalten, dass sich all seine Fische tatsächlich „wohl fühlen“ - ob es nun Gewohnheitstiere sind, oder neugierige Gemüter. Zum anderen belegt der Versuch, dass auch vergleichsweise einfach gestrickte Wesen wie Fische individuell unterschiedliche Persönlichkeiten besitzen.

Dass sie die haben könnten, ist allerdings nicht völlig neu. Bereits 2008 zeigten Experimente eines britischen Biologen, dass es mehr oder weniger mutige Stichlinge gibt. (Die Arbeitsgruppe, an der Thomas W. Pike seinerzeit zum Verhalten der Fische geforscht hatte, beschäftigt sich noch immer mit „sozialem Lernen“ in der Tierwelt und der Entstehung von so etwas wie Kultur).

Die Existenz von „Persönlichkeiten“ bei Tieren ist aber ein im wahrsten Sinne des Wortes „fischiges Thema“ - sie gilt unter Forschern noch immer als umstritten. Denn zum einen galt lange der Einwand, dass menschliche Beobachter den Tieren Charakterzüge nur „zuschreiben“ würden - also durch eigene Interpretation die Messergebnisse unzulässig verfälschen. Zum anderen haben die Evolutionsbiologen argumentiert, dass individuell unterschiedliche Verhaltensweisen eigentlich keinen evolutionären Vorteil bringen. Also gibt es keinen Grund, dass sie entstehen - außer als eine Art Nebenwirkung von höheren kognitiven Funktionen wie Bewusstsein.

Erst kürzlich, konnte man vergangenen Mittwoch in der Neuen Zürcher Zeitung lernen (leider ist der Artikel „Tiere mit Charakter“ von Martin Amrein nicht online), hat Franjo Weissing, theoretischer Biologe an der University of Groningen, ein Modell aufgestellt, das diesen Widerspruch erklären könnte. Nach dem neuen Modell steigen die Überlebenschancen einer Population, wenn sie über unterschiedliche Tierpersönlichkeiten verfügt. Wenn die Individuen in ihren Verhaltensmerkmalen variieren, kann sich die Population als Ganzes schneller auf neue Umweltbedingungen einstellen.

Dass das Konzept der Tierpersönlichkeit noch immer umstritten ist, hat mich allerdings ziemlich verblüfft. Keine Angst, ich komme jetzt nicht mit Geschichten von treuen Haustieren. Stattdessen will ich hier lieber mit Robotern argumentieren - in Anlehnung an Josh Bongard, der uns alle für biologische Maschinen hält: Ich habe vor einiger Zeit mal einen Lego-Roboter gebaut, der bei plötzlicher Annäherung einer Hand einen Schnellstart hinlegen sollte. Näherte man sich dem Gefährt dagegen ganz langsam und vorsichtig mit der Hand, blieb es stehen.

Diese „Verhaltensweise“ des Roboters wird im wesentlichen von den Schwellwerten bestimmt, an denen die eingebauten Ultraschall-Sensoren reagieren. Verändert man diese Zahlenwerte, wird das „Feigling-Vehikel“ mehr oder weniger nervös reagieren.

Ganz ähnlich stelle ich mir auch biologisches Verhalten vor: Das wird bei Individuen eine bestimmten Art zwar immer durch das - im Prinzip - selbe Programm geregelt. Aber die Schwellwerte, Zeitkonstanten, Konzentrationen von Neurotransmittern, Empfindlichkeiten von Rezeptoren und was es sonst noch an Parametern gibt, haben alle eine bestimmte Bandbreite. Das ergibt zwangsläufig auch eine große Bandbreite an Verhaltensweisen. Wie denn sonst? (wst)