Falsches Verständnis bremst Fortschritt bei Quantencomputern
Der theoretische Physiker David Deutsch ist der Meinung, dass man wichtige Forschungsarbeiten zum Quantencomputer "gut und gerne auch schon in den 1950ern, und selbst in den 1930ern" hätte machen können.
Der theoretische Physiker David Deutsch ist der Meinung, dass man wichtige Forschungsarbeiten zum Quantencomputer "gut und gerne auch schon in den 50ern, und selbst in den 30ern" hätte machen können. In einem Interview im Rahmen eines 16-seitigen Schwerpunktes zum Thema Quantenphysik in der neusten Augabe des Technologiemagazins Technology Review erklärt der zurzeit wohl prominenteste Vertreter der so genannten Multiversum-Theorie, warum er glaubt, dass unendlich viele Universen existieren.
Nach dem von den meisten Physikern akzeptierten "Kopenhagener Konsens" muss man einfach damit leben, dass sich Systeme in der Quantenwelt anders verhalten als in der makroskopischen Welt. Die alte Prämisse, nach der jede Wirkung auch eine eindeutige Ursache hat, und sich umgekehrt von einer Ursache auf eine eindeutige Wirkung schließen lässt, scheint in der Welt der kleinsten Teilchen aufgehoben: Erst beim eigentlichen Messprozess konkretisiert (im Fachjargon "kollabiert") eine Überlagerung der verschiedenen möglichen Zustände in einen bestimmten ("objektiven") Zustand, nämlich den gemessenen.
Deutsch hält dies für unmöglich: "Ich habe damals an der Frage geforscht, welche Mechanismen zum Beispiel welche Aspekte des Bewusstseins ein Universum auswählen und real machen und dafür sorgen, dass die anderen Universen reine Möglichkeiten bleiben. Als ich das versucht habe, wurde mir klar, dass es nicht geht. Die einzige funktionierende Alternative ist die Hypothese, dass alle Universen real und immer noch vorhanden sind." Er ist davon überzeugt, dass seine Interpretation der Quantenmechanik mehr und mehr Anhänger finden wird. "Jüngere Menschen sind offener dafür", sagt er. "Außerdem, und das ist wichtiger, ändert sich das philosophische Klima zurück dahin, die Realität zu respektieren."
Doch trotz des andauernden Streites um die physikalische Interpretation der Theorie gelingt es immer besser, die Welt der Quanten für ganz konkrete Produkte nutzbar zu machen: Das kanadische Unternehmen D-Wave Systems beispielsweise will nächstes Jahr einen Quantenprozessor auf den Markt bringen – erster Vorbote einer neuen Generation "Mimosenhafter Superrechner", von denen sich Physiker schon lange wahre Wunder an Rechenleistung versprechen. Und auch die Sicherheitsspezialisten profitieren von der absolut sicheren Verschlüsselung mit Hilfe von Quantenkryptographie.
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- Technology Review 02/07: "Die Realität ist ein viel größeres Ding"
(wst)