Offene Fragen

Sie wollen wissen, ĂĽber wie viele Atombomben - sagen wir mal - China verfĂĽgt? Wirklich, meine ich - nicht die offiziellen Propagandazahlen, sondern harte, echte Fakten. Kein Problem! Fragen Sie das Internet!

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Sie wollen wissen, ĂĽber wie viele Atombomben - sagen wir mal - China verfĂĽgt? Wirklich, meine ich - nicht die offiziellen Propagandazahlen, sondern harte, echte Fakten. Kein Problem! Fragen Sie das Internet!

Kein Scherz. Natürlich könnte es eine Weile dauern, bis Sie eine Antwort bekommen - aber die könnte dafür auch recht interessant werden. Und mit Ihrer Arbeit liegen Sie voll im Trend: Der nennt sich „Open Source Intelligence“ und hat nichts mit Linux oder Firefox zu tun. Viel mehr geht es darum, systematisch öffentliche Quellen wie Zeitungsberichte, Statistiken, Filme oder Blogposts auszuwerten, um Erkenntnisse zu gewinnen.

Jüngstes Beispiel: Die Erkenntnis, dass China über zehnmal so viele atomare Sprengköpfe, etwa 3000, verfügen könnte, wie bislang angenommen (Die Federation of American Scientist geht bislang von 240 aus). Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie, die Studierende der Georgetown University vorgelegt haben.

Laut einem mittlerweile viel zitierten Bericht der Washington Post geht das Projekt auf einen Kurs über "Multipolarität und Waffenkontrolle" im Institut für Internationales Recht und Politik der Georgetown University zurück. Dozent Philip Karber, in den 80er Jahren Strategieberater des Verteidigungsministeriums unter Ronald Reagan, ermutigte seine Studenten, das ausgedehnte Tunnelsystem unter die Lupe zu nehmen, das vom Zweiten Artilleriekorps verwendet wird, in dessen Obhut sich die strategischen Atomwaffen Chinas befinden.

Weil nur ganz wenige der rund zwei Dutzend Studenten chinesisch lesen konnte, verwendete die Gruppe auch für die Übersetzungen das Internet - nur Passagen, die sich nach der Vorselektion als möglicherweise interessant herausstellten, wurden tatsächlich übersetzt. Trotzdem musste enorm viel Material gesichtet werden, so dass ein Ergebnis erst nach drei Jahren vorliegt. Leider ist der Bericht der Gruppe (noch) nicht veröffentlicht worden - ich bin gespannt, ob und wann er im Internet landen wird.

Auch wenn Rüstungsexperten Methode und Ergebnis der Untersuchung bereits als unseriös kritisieren - und die ganze Sache politisch sowieso höchst dubios ist - finde ich die Nummer ziemlich spannend. Sie ist ein weiteres Beispiel dafür, dass sich aus vielen Info-Splittern neue Sinnzusammenhänge konstruieren lassen. Der Kollege Thomas Wiegold, der in seinem Blog augengeradeaus.net unter anderem recht kritisch über die Auslandseinsätze der Bundeswehr schreibt, hat in einem Vortrag auf dem Deutschen Journalistentag beispielsweise gezeigt, wie er mit Hilfe von Twitter-Informationen, Google-Maps und Crowdsourcing Details des Libyen-Einsatzes der NATO rekonstruieren konnte, für die man „vor ein paar Jahren noch in den Knast gegangen“ wäre.

Das zeigt: Die allgegenwärtige Datensammelwut und Digitalisierung unserer Lebenswelt hat nicht nur Nachteile. Sie kann auch zur demokratischen Kontrolle genutzt werden. Das ist nicht immer einfach, aber es ist machbar. Man muss es nur tun. (wst)