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Was war. Was wird.

Schmuddel, wohin man guckt. Und Orkane toben. Nein, Hal Faber spricht nicht von Joachim. Schmuddel und stürmische Winde sind nicht nur ein Wetterphänomen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Schmuddel, Schmuddel über alles. Das beginnt schon beim Wetter mit diesem unordentlichen Schneematsch, den der bereits enzyklopädisch verarbeitete Orkan Joachim auf die norddeutsche Tiefebene geklatscht hat, auf dass selbst das hässliche krüppelwalmdachig protzende Präsidentenhaus nur grau in grau großburgwedelt. Der Schmuddel reicht von der Osnabrücker Theaterpassage bis ins ferne Berlin und da jibbet es nix zu Schmuchn, das ist hohe Politik und Schmuddel in Vollendung. 500.000 Tacken zu rabattierten vier Prozent ohne Grundbucheintragung der Schuld, ausgezahlt mit einem anonymen Bundesbankscheck von einem Geldgeber aus der Schweiz zeigen den deutschen Präsidenten als Mietjungen, der "vollstes Vertrauen" in seinem Stuhlkreis genießt. Was für ein feiner Zug vom Innenministerium, dass es zeitlich passend den Fragen- /Antwortenkatalog zur Annahme von Belohnungen und Geschenken veröffentlicht, in der private Rabatte als unzulässige Vorteilsnahmen verboten werden.

*** Schmuddel, Schmuddel, wohin man guckt. Dabei hat alles so strahlend angefangen. Wie hübsch waren die Euro-Beutelchen zum Üben, die vor 10 Jahren als Starterkits ausgegeben wurden. Das niedliche Begrüßungsgeld führte zu der seltsamen Sportart, alle Euro-Münzen in einem Klappschuber zu sammeln. Europa war stolz auf seine Währung und in Griechenland bekam man für 5000 Drachmen 14,67 Euro. Was ist heute von Europa geblieben, fragt sich nicht nur der leicht entflammbare Jürgen Habermas. Darauf kann es doch nur eine Antwort geben: PECH! Das ist keine zähflüssige teerartige Masse, sondern der Fischereiausschuss, zuständig für Fischbestände und Fischereierzeugnisse! Was wäre Europa ohne diese zentrale Institution der Demokratie! Man überlege nur, welche Fragen der Fischereiausschuss behandelt oder behandelt hat. Erinnert sei an das europäische Überwachungssystem Echelon, dass am 20. Dezember 1996 im EU- Fischereiausschuss ohne begleitende Debatte beschlossen wurde. Dann wäre da noch die Sache mit den Software-Patenten, die offenbar schleppnetztechnisch eng zum Kompetenzraum des Fischereiausschusses gehören. Auch wenn die Sache knapp ausging und keine Regulierung von "computerimplantierten Erfindungen" erfolgte, war die Sache fischig-anrüchig wie im Laden von Ordralfabétix, wobei die Grünen in persona Renate Künast patzten. Nun hat der ruhmreiche Fischereiausschuss wieder zugeschlagen und ACTA ohne weitere Aussprache beschlossen. Die Welt wird in Handschellen einer Privatpolizei abgeführt, meint La Quadrature du Net. Zwar muss noch das europäische Parlament über ACTA abstimmen, doch was ist das schon, verglichen mit der geballten Weisheit des Fischereiausschusses, in dem Deutschland durch Jorgo Chatzimarkakis vertreten ist, dem anerkannten Spezialisten für Zitate. "Es ist kein Fisch ohne Gräten und kein Mensch ohne Mängel", sagte ein weiser Mann, lange vor der Existenz des Fischereiausschusses.

*** Wenn man Schmuddel frisiert und gut kleidet, dabei zurückhaltend mit Gel und Verstand umgeht, so entsteht ein Produkt, das sich vorzüglich als Berater der EU einsetzen lässt, etwa für die Stärkung der Internet-Freiheit und die Aufsicht über Software-Werkzeuge der Unterdrückung. Das Ganze bitteschön durchzuführen auf dem Wege der Fernbeobachtung aus den USA heraus, damit das Treiben von Firmen wie Gamma International ungestört weitergehen kann. Der Gedanke, der hinter dieser Aktion steht, dürfte auf viele Jahre hinweg ein glänzendes Beispiel für einen Social Hack abgeben. Wenn man indes die Antworten Revue passieren lässt, die EU-Kommissarin Neelie Kroes in ihrem Blog zulässt, dann lässt sich erkennen, wie aberwitzig das Vorhaben ist. "NoDisconnect" hat sich erst einmal dafür entschlossen, den Kontakt mit entrüsteten EU-Bürgern abzubrechen. Den vorläufigen Tiefpunkt der alltäglichen Schmuddelei erreicht die Geschichte mit einem Bericht in einem Meedienmagazin, dass die sachlich berechtigten Einsprüche gegen Karl-Theodor zu Guttenberg als Shitstorm denunziert.

*** Schmuddel hat übrigens nichts mit Sex zu tun, dieser durchaus achtbaren Komponente des menschlichen Zusammenlebens. Die einen freuen sich auf Sex und hoffen, dass heise.xxx die hammerharten Begierden der Geeks reflektiert, die anderen fürchten den Teufel und betreiben digitale Verhütung. Irgendwo dazwischen liegen die Berliner Piraten, ein politischer Zusammenschluss von Erwachsenen, die sich vom haarsträubenden Unsinn eines 16-Jährigen terrorisieren lassen, der angeblich IMSI-Catcher aufstellt und Störsender in seinem Rucksack trägt. Jede(r) der/die Kinder in dem Alter hat(te), kennt diese Phase voller Räuberpistolen und Sex-Speichereien, aber bei den Piraten reichte es aus, dass ohne Levitenleserei daraus ein unerträgliches Klima der Angst entstehen konnte, nicht ohne einen super-brandgefährlichen Hackerangriff. Was hier am Werke ist, kann als Gegenstück der von Burks so genannten German Internet Angst gelten, das dunkle Raunen von Menschen und Mächten, während der eigene Maschinenpark sträflich ungeschützt bleibt. Dazu passt natürlich die Darstellung, dass der CCC als großer Beschützer der Piraten einherkommt und allen Ernstes eine Person wie Karl Koch in dem Milieu für seine KGB-Hacks verehrt und gehasst wurde. Klittern wir die Geschichte, weil das alles so schrecklich schön-schauderig ist.

*** Christopher Hitchens ist tot. Der Journalist und Trotzkist, der wie kein zweiter vor den Gefahren der Religionen warnte, vor den Verheerungen, die der Glaube an höhere Wesen im Verstand anrichten kann, war vielen unbequem, weil er den nun beendeten Irak-Krieg begrüßte als Chance, ein bigottes System zu vernichten. Am Ende versöhnte sein Engagement als Bürgerrechtler ebenso wie seine Selbstversuche im Waterboarding. Unvergessen seine unversöhnliche Kritik der Mutter Teresa. Gestorben ist auch der geistige Vater von Captain America, der Comic-Veteran Joe Simon. Trotz wichtiger Urteile zu seinem Gunsten gelang es ihm nicht, die Rechte an seiner Figur zu erhalten, die er mit Jack Kirby entwickelt hatte. Die Rechte an seiner Figur haben Walter Giller nicht geholfen und er versackte in den Niederungen des deutschen Blödeltums. Als Conferencier des Lieds Computer Nummer Drei, die Nummer 1 der Heise-Hitparade, lieferte er vor allem im Abspann ein kleines Kunststück ab. Etliche Lieder von France Gall wurden übrigens von Joe Dassin geschrieben, dem Sohn von Jules Dassin, der heute vor 100 Jahren geboren wurde.

Was wird.

Bekanntlich wird es bald eine neue Datensupersammlung geben, das Abwehrzentrum gegen den Rechtsextremismus (GAR). Es ist schade, dass viele Menschen, die sich über den datensammelnden Staat entrüsten, sich nicht über diese neue Sammelleidenschaft entrüsten. Was bleibt, ist ein Datenschützer wie Thilo Weichert, der die gemeinsame Nutzung der Daten durch Verfassungsschutz und Polizei als rechtswidrige Aktion abkanzelt und eine tagesszeitung, die diese Stellungnahme für derart unwichtig hält, dass sie nicht im Internet erscheinen kann. So entsteht eine neue Gesinnungsdatei und alles ist gut.

Weihnachten kommt und damit der Moment, an dem fröhliche Atheisten in Stimmung kommen, All I want is Jews zu singen, gegen die übliche Trantütigkeit. Will wirklich jemand dieser Sekte folgen, die Protagonisten in ihren Reihen duldete, die zehntausende Minderjährige vergewaltigt haben? Getoppt wird das Ganze natürlich von der Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, unter dem Krüppelwalmdach, mit Kerzen und "Mitmenschen". Wir gehören zusammen. Wir stützen einander. Wir sind einander verbunden. Und sei es durch einen anonymen Bundesbankscheck. (jk)