Intels Antwort auf das iPad
Justin Rattner, Vizepräsident, Chief Technology Officer und Forschungsdirektor beim weltweit führenden Chiphersteller Intel, spricht im Interview über die Zeit nach dem PC und die Frage, was man vom verstorbenen Apple-Guru Steve Jobs lernen kann.
Justin Rattner, Vizepräsident, Chief Technology Officer und Forschungsdirektor beim weltweit führenden Chiphersteller Intel, spricht im Interview über die Zeit nach dem PC und die Frage, was man vom verstorbenen Apple-Guru Steve Jobs lernen kann.
Justin Rattner hat an der Cornell University Elektrotechnik und Informatik studiert und arbeitet seit 1973 bei Intel. Von 1996 bis 2000 entwickelte Rattner den ersten Großrechner, der eine Dauerleistung im Teraflops-Bereich erreichte Heute ist er als Chief Technology Officer und Leiter der Intel Labs verantwortlich für Forschung und Entwicklung in den Bereichen Mikroprozessoren, Kommunikation und Systeme. Unter Rattners Leitung arbeitet das Unternehmen an einer neuartigen stromsparenden Technik mit dem Codenamen Medfield, die sich auch für Smartphones eignen soll, und versucht gleichzeitig, das PC-Geschäft mit verbesserten Geräten zu beleben. Besondere Hoffnung liegt dabei auf den sogenannten Ultrabooks, die mit langen Batterielaufzeiten, kurzen Anschaltzeiten und schneller Rechenleistung fast so bequem sein sollen wie Tablets – allerdings mit allen Möglichkeiten eines Laptops. Intel engagiert sich außerdem beim Tablet-geeigneten Betriebssystem Windows 8, das Microsoft 2012 auf den Markt bringen will.
TR: Herr Rattner, in der IT-Industrie sprechen heute immer mehr Menschen davon, dass wir in der „Post-PC-Ära“ angekommen seien, in der Personal Computer eine immer geringere Rolle spielen. Chips von Intel sind in vielen neuen Geräten, den Smartphones und Tablets mit Betriebssystemen von Apple oder Google, gar nicht mehr enthalten. Wie finden Sie das?.
Justin Rattner: Wenn ich momentan versuchen wollte, als Inhaber einer jungen Technikfirma Risikokapital einzuwerben, würde ich wohl auch von der Post-PC-Ära sprechen (lacht). Investoren stecken derzeit nicht mehr viel Geld in den guten alten PC-Bereich, das stimmt schon. Aber viele dieser Märkte verdanken ihre Existenz dem Personal Computer.
Trotzdem könnten die neuartigen Computer den PC ja ablösen...
Ich glaube, die meisten dieser Geräte – egal ob Smartphones oder Tablets oder etwas dazwischen – bringen viel Bequemlichkeit und einfache Bedienbarkeit in unseren Alltag. Auf so viel Usability haben wir im PC-Bereich lange gewartet.
Und warum gibt es sie bei PCs nicht?
Es gibt keinen Grund dafür. Ich laufe, weil ich viel reisen muss, häufig in Flughäfen herum. Ab und zu spreche ich mit Leuten, die in einer Lounge oder im Boarding-Bereich sitzen und ein Tablet benutzen. Viele stecken ihr iPad in diese hübschen Lederhüllen, nutzen externe Tastaturen und viele andere Dinge drumherum. Da denke ich immer: Hm, das sieht doch wie ein Laptop aus, den man sich nur aus Teilen zusammengebaut hat. Ich frage diese Leute dann: „Warum benutzen Sie das anstatt eines Laptops?“ Die Antwort ist immer: Man kann das Ding direkt an- und ausschalten und muss nicht lange auf den Startvorgang warten, die Batterie hält ewig, die Netzverbindung klappt sofort und ohne dass es ständig zu irgendwelchen Fehlermeldungen kommt.
Und das wollen Sie sich zum Vorbild nehmen?
Was Intel jetzt im Ultrabook-Bereich tut, geht genau in diese Richtung. Die Frage ist: Wie bringen wir diese Attribute, die solche Geräte interessant machen, in den PC-Bereich? Wenn man sich eines dieser neuen dünnen Notebooks ansieht, wie sie gerade von Asus oder Acer herauskommen, sieht man schon, in welche Richtung das geht. Und das zeigt, dass PCs uns noch lange erhalten bleiben werden. So schnell wird die Geräteklasse nicht sterben.
Manchmal laufen in der Debatte PC kontra Tablet aber auch ganz irrationale Dinge ab. Die interessanteste Unterhaltung, die ich zu diesem Thema neulich hatte, war auf einem Flug von San Francisco. Der Mann neben mir hatte vor dem Start sein iPad in der Hand und spielte mit ihm herum. Nachdem wir in der Luft waren und die Verwendung elektronischer Geräte wieder erlaubt war, holte er dann sein MacBook Pro heraus. Beim Tablet sagte ich noch nichts, aber als der Laptop auf seinem Schoß lag, musste ich ihn fragen, was das denn soll. Seine Antwort: „Mit meinem Tablet habe ich Spaß, und mein Laptop ist für die Arbeit.“ Das unterschied er ganz genau.
Die Prozessoren für Tablets und Smartphones basieren meist nicht mehr auf der klassischen PC-Architektur. Stattdessen verwenden große Hersteller wie Samsung Technik Ihres Konkurrenten ARM. Könnte Intel sich vorstellen, ebenfalls stromsparende ARM-Chips zu bauen?
Nein, das ist kein Thema. Wir arbeiten im Smartphone-Bereich sehr aggressiv an neuen stromsparenden Chips mit unserer eigenen Architektur. Und Android etwa wird jetzt auch an die Intel-Technik angepasst, wie der zuständige Google-Manager Andy Rubin kürzlich ankündigte. Wir werden unsere Technik sowohl in Smartphones als auch in Tablets integrieren.
Eine Art Befreiungsschlag?
Ich gebe zu, dass wir da anfangs etwas gekämpft haben. Es gab Probleme beim Energieverbrauch. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir da nicht lockerlassen. Das ist schließlich ein wichtiger Zukunftsbereich. Man kann als Chip-Riese nicht einfach die Nase rümpfen... (bsc)