Arterhaltung per SMS
Ein Projekt im SĂĽden Kenias verbindet den Schutz bedrohter Raubtiere mit kostengĂĽnstiger Mobilfunktechnik.
- Tom Simonite
- Ben Schwan
Ein Projekt im SĂĽden Kenias verbindet den Schutz bedrohter Raubtiere mit kostengĂĽnstiger Mobilfunktechnik.
Kenia ist ein Boomland für den Mobilfunk: Immer mehr Menschen besitzen dort ein Handy. Das führt dazu, dass auch die Netze mittlerweile erstaunlich gut ausgebaut sind – auch in weniger bewohnten Regionen hat man erträglichen Empfang für Standarddienste wie Sprache und Kurznachrichten. Wissenschaftler der New Yorker Forschungsfirma Ground Lab nutzen diese Tatsache nun für eine ungewöhnliche Anwendung: Zur Überwachung des Zustandes der Löwenpopulation im Süden Kenias.
Das Projekt wird zusammen mit den Tierschutzorganisationen Living with Lions und Lion Guardians durchgeführt und soll dabei helfen, dass die Tiere auch in Regionen überleben können, in denen Rinderzucht betrieben wird.
(Bild:Â Ground Lab)
Die Tiere werden dazu mit einem Halsband versehen, in dem ein Mobilfunkchip sowie ein GPS-Empfänger stecken. Gesteuert wird das der Tracker von einer Kontrollplatine, die auf Open-Source-Hardware des Projektes Arduino basiert, die notwendige Software erstellten Ground-Lab-Mitarbeiter. Per Mobilfunk wird dann periodisch die GPS-Position durchgegeben. Während man für diese Form der Maschinenkommunikation in Industrieländern UMTS-Netze oder zumindest EDGE-Internetverbindungen einsetzen würde, verwendet das Ground-Lab-Halsband einfache Kurznachrichten. Der Vorteil: SMS ist deutlich verlässlicher.
"Für uns ist dieser Weg billiger als die Verwendung von Sendern, die die Position per Satellit weitergeben", erläutert Benedetta Piantella von Ground Lab, "selbst dort, wo es keine Funkmasten gibt, können wir kleine, kostengünstige Basisstationen aufbauen." Diese decken dann einen genügend großen Bereich ab. Piantella glaubt, dass ein solcher Ansatz überall dort verwendet werden kann, wo die Internet-Infrastruktur noch zu wenig ausgebaut ist. "Viele Probleme in Afrika, sei es nun im Gesundheitsbereich oder im Umweltschutz, hängen damit zusammen, dass man Daten, die man zur Entscheidungsfindung benötigt, nicht effizient genug sammeln kann."
(Bild:Â Ground Lab)
Afrika hat mittlerweile mehr als 650 Millionen Mobilfunkbenutzer, wie aus der letzten Statistik der Branchenorganisation GSMA hervorgeht. Die Wachstumsrate ist mit 20 Prozent im Jahr weiter enorm. Die kenianische Regierung schätzt, dass mehr als 60 Prozent der Bevölkerung mittlerweile ein Handy nutzt.
Der Trend geht dabei weg von einfachen Geräten für Telefonate und Textnachrichten. Stattdessen werden immer häufiger kostengünstige Smartphones verkauft. Damit die aber genutzt werden können, muss die Infrastruktur weiter ausgebaut werden. Piantella zufolge sind jedoch selbst relativ entlegene Orte Kenias genügend stark von GSM-Basisstationen ausgeleuchtet, dass SMS-Botschaften durchgehen. "Das klappt auch über eine Verbindung, die für Sprache oder Daten nicht ausreichen würde."
(Bild:Â Ground Lab)
Ground Lab arbeitet auch an anderen Projekten, bei denen SMS als Übertragungskanal dient. So könnten sich Ärzte warnen lassen, wenn ein Kühlschrank, in dem Impfstoffe lagern, zu überhitzen droht. Auch zur Vernetzung des Gesundheitssystems will die Forschungsfirma die Technik in Afrika vorschlagen: "Dann erreicht auch ein Arzt auf dem Land die Zentrale."
Piantella Kollege Justin Downs, der das Ground Lab mitgegründet hat, meint, dass sich so eine Technik entwickeln lassen könnte, die möglicherweise sogar besser ist als in Industrieländern. "Diese Länder haben den Aufbau einer drahtgebundenen Infrastruktur übersprungen. Nun können sie Probleme drahtlos lösen, für die man im Norden große Institutionen und viele tausend Kilometer Kabel gebraucht hätte. Das ist effizienter und schließt mehr Menschen ein." SMS sei eine Möglichkeit, die Zeit zu überbrücken, bis verlässliches drahtloses Internet zur Verfügung steht.
Earl Oliver, ein Forscher an der University of Waterloo, der sich schon seit längerem mit SMS als Datenkanal beschäftigt hat, hält das für eine gute Idee. "Textnachrichten arbeiten fast überall, was sie zu einer guten Möglichkeit für Regionen macht, in denen es nur eine eingeschränkte Kommunikationsinfrastruktur gibt." (bsc)