Technik für Alte
Die Babyboomer von heute werden die Senioren von morgen sein. Die Industrie muss sich auf technikbegeisterte Kunden in reifem Alter einstellen.
Wissenschaftler wie das interdisziplinäre Forscherteam Generation Research Program (GRP) arbeiten an intuitiv bedienbarer, "humanzentrierter" Technik für die Alten von morgen. Der Mathematiker und Biologe Helmut Zucker hat beispielsweise eine "Parkinson-Maus" entwickelt. "Parkinson-Kranke können den Cursor auf einem Computerbildschirm nicht mehr mit der Maus steuern, weil sie ihre Hand nicht ruhig halten können", sagt der 67-jährige Forscher. "Die Alten von morgen, die in den 60er Jahren geborenen geburtenstarken Jahrgänge, werden nicht auf den Computer verzichten wollen." Zuckers Programm erkennt, wie oft ein Computernutzer mit der Maus über ein bestimmtes Symbol auf dem Bildschirm "gezittert" ist. Hat der Cursor ein Symbol besonders häufig erwischt, nimmt die Software an, dass der Nutzer es mit einem Mausklick aktivieren will.
Angesichts der demografischen Entwicklung gilt die Seniorengeneration von morgen als gigantischer Zukunftsmarkt. Die Anbieter müssten deshalb endlich entdecken, was die Alten wollen, meint auch Ernst Pöppel, Leiter des GRP in Bad Tölz. Auch Peter Zec, geschäftsführender Vorstand des Design Zentrums Nordrhein-Westfalen e.V. in Essen, ist überzeugt: "Die Alten von morgen werden technische Geräte zur Erleichterung ihres Alltags nutzen wollen und hohe Anforderungen an die Technik stellen." Doch die Technik wird sich dafür verstärkt an den Menschen anpassen müssen: "Die Tendenz zur Vereinfachung ist nötig, um die Massen zu erreichen und den Markt zu vergrößern. In 20 Jahren wird die gesamte Kommunikationstechnik ,seniorenleicht' sein", prophezeit Zec.
Damit auch Senioren, die keine Erfahrung mit Computern haben und dazu vielleicht noch eingeschränkt hören und sehen, dazu eine Chance haben, hat die Firma Plejaden Communications beispielsweise den "Pinguin" entwickelt. Das Terminal heißt so, weil es aufgrund seiner ergonomischen Form an den aufrecht stehenden Wasservogel erinnert. Diese Gestaltung ermöglicht ermüdungsfreies Bedienen auch vom Rollstuhl aus. Es gibt keine Maussteuerung, die Funktionen werden durch Bildschirmberührung ausgelöst. Die Schriftgröße kann direkt am Bildschirm eingestellt und die angezeigten Texte über Lautsprecher oder Kopfhörer verlesen werden.
Auch älteren Autofahrern kann die Technik beim Meistern schwieriger Situationen helfen: Ob ABS oder ESP – Fahrerassistenzsysteme gehören mittlerweile zur Standardausstattung. In Zukunft aber sollen Autos aktiv bei der Führung des Fahrzeugs helfen. Die Fahrzeuge sollen selbstständig bremsen, wenn man zu nahe auffährt, oder müde Fahrer beispielsweise mit einem Signalton vor dem Einschlafen bewahren.
Die japanische Gesellschaft begegnet der Herausforderung durch den demographischen Wandel jedoch offensiver als die europäische. Ein Beispiel für den Erfindungsreichtum der Roboter liebenden Japaner ist die "Menschenwaschmaschine" für alte und behinderte Menschen. Entwickelt hat sie Mitsuru Haruyama, ein unter Muskeldystrophie leidender Geschäftsmann. Will man sich automatisch waschen lassen, setzt man sich in einen Stuhl, der rückwärts in die Waschmaschine gerollt wird. Wie eine Muschel schließen sich die Seiten der Maschine. Der Kopf schaut raus, das Waschprogramm beginnt. Yukiko Sato, Chefin eines japanischen Altenheims, lobt die Maschine: "Die Altenheimbewohner finden die Maschine wirklich gut. Sie hält ihren Körper warm, sie können selbstständig ein Bad nehmen, und ihre Privatsphäre bleibt geschützt."
Mehr dazu in Technology Review 11/2005 (ab dem 27. Oktober im Handel): (wst)