Domainflation

Unternehmen und andere Organisationen können sich seit dem 12. Januar 2012 um eigene Top-Level-Domains bewerben. Doch lohnt sich der hohe finanzielle, administrative und technische Aufwand? Und benötigen Internet-Anwender wirklich immer mehr Namensräume?

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Von
  • Bert Ungerer

RWE-Kunden dürfen sich auf etwas ganz Besonderes freuen. Der Energieversorger zählt laut Wirtschaftspresse zu denjenigen Unternehmen, die im Internet vorweggehen und sich bei der ICANN um eine eigene Top-Level-Domain bewerben wollen. Wer die „new gTLD“ .rwe besitzt, darf beliebige Domainnamen mit .rwe am Ende kreieren, selbst nutzen oder an Dritte vergeben und ist nicht länger auf so etwas Langweiliges wie rwe.at, rwe.biz, rwe.com, rwe.eu, rwe.info oder rwe.net angewiesen, die sowieso alle auf dieselbe Webseite führen.

Die Onlinerechnungen, die ein Kunde – den Erfolg der Bewerbung vorausgesetzt – frühestens im kommenden Jahr vielleicht unter einem schicken meinerechnung.rwe herunterladen können wird, dürften allerdings ein paar Cent höher ausfallen als die heute vom schnöden www.rwe.de abgerufenen: Zu den Bewerbungskosten von umgerechnet etwa 150 000 Euro kommen zwar nur läppische 20 000 Euro Jahresgebühr für die Internetverwalter. Doch der laufende Betrieb der DNS-Infrastruktur wird richtig ins Geld gehen. Realistisch erscheinende Schätzungen bewegen sich allesamt im deutlich sechsstelligen Bereich pro Jahr.

Hinzu kommt ein weiterer, im bisherigen Domain-PR-Getrommel kaum berücksichtigter Kostenfaktor, der selbst diese Größenordnung womöglich sprengt: Der stolze TLD-Eigner muss seine mittlerweile gut an .de und .com, mit Mühe an .info und kaum an .mobi gewöhnten Kunden nämlich darüber informieren, dass es schon wieder eine neue TLD gibt, dass sie wirklich funktioniert und was sie an Mehrwert bringen soll. Ob auf Plakatwänden, in der Fernsehwerbung oder in Zeitschriften – mir soll es recht sein, aber billig wird es nicht.

Apropos Mehrwert: Je mehr TLDs existieren, desto stärker scheint er sich auf die Seite der Vermarkter zu verschieben. Sogar Domain-Nichtbenutzer müssen mittlerweile Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die ihnen vor wenigen Jahren nicht einmal im Alptraum eingefallen wären. Im digitalen Rotlichtbezirk .xxx etwa muss, wer seinen eigenen Namen dort eben nicht sehen will, sogar mehr für eine Sperre („defensive Registrierung“) bezahlen als ein normaler Kunde aus der Pornobranche für die gewöhnliche Eintragung. Auch in der Werbung für die neuen TLDs ist verdächtig oft von Nichtbewerbern die Rede, die sich zu ihrem eigenen Schutz unbedingt mit den neuen TLDs befassen sollten. Der eco-Verband der deutschen Internetwirtschaft bietet gar eine Beratung für besorgte Un-Kunden an. Ein Eintrag bei einem noch zu etablierenden „Trademark Clearinghouse“ soll mögliche Markenrechtskonflikte von vornherein ausschließen. Kostenlos wird wohl auch dieses Angebot nicht werden.

Der konkrete Mehrwert der von solchen Services und voraussichtlich etlichen Rechtsstreitigkeiten begleiteten neuen TLDs dĂĽrfte sich fĂĽr die wenigen erfolgreichen Bewerber hingegen in engen Grenzen halten. Nicht einmal den Internetanwendern bringen sie etwas, zum Beispiel mehr Ăśberblick und Sicherheit im Domain-Dschungel. Denn RWE oder andere Unternehmen werden nach der Zuteilung ihrer eigenen TLD die anderen, bisher bei diversen Registries mĂĽhsam zusammengesammelten Domains wohl kaum abschalten und brachliegen lassen. (un)