Spaziergang im Web
Oberflächlich betrachtet sind neue Online-Kartendienste einfach praktische Werkzeuge.Tatsächlich aber bereiten sie den Weg zu einem völlig neuen Web.
Es ist noch gar nicht so lange her, da bestand die beste Vorbereitung auf so eine Reise darin, sich von einem Auto-Club eine Karte auf Papier zu besorgen, in der ein Mitarbeiter mit dem Leuchtstift den Weg eingezeichnet hatte. Heute haben wir Zugriff auf fortschrittliche geografische Visualisierungen wie die von Google, MSN oder Yahoo.
"Ich nenne das einen Browser für die echte Welt", sagt John Hanke, Leiter von Googles Keyhole-Gruppe gegenüber Technology Review. Keyhole, dessen Vorstandschef Hanke bis zur Übernahme durch Google war, hat die Software hinter Google Earth entwickelt – hauptsächlich für Kunden aus den Branchen Rüstung, Ingenieurswesen und Immobilien. Die Idee hat sich als echter Renner erwiesen und so sind auch Googles Erzkonkurrenten auf den Zug aufgesprungen.
Jedes der drei Unternehmen, Google, Microsoft und Yahoo, hat APIs für externe Programmierer veröffentlicht, die Erweiterungen des Online-Kartenmaterials zulassen. Entwickler machen davon regen Gebrauch und "geotaggen" jedes Stückchen Information, das sie in die Finger kriegen können. Das Spektrum der neuen Anwendungen reicht von praktisch bis bedenklich: So kann man sich die Standorte billiger Tankstellen genauso auf einer Google-Karte anzeigen lassen wie die Wohnorte aller in Florida erfassten Sexualstraftäter – inklusive Namen, Adresse und Polizeifoto.
Entwickler dĂĽrfen die Map-APIs nur nutzen, wenn sie damit keine kommerziellen Ziele verfolgen, und noch blendet auch Google selbst keine Anzeigen auf den Kartenseiten ein. Aber auf Unternehmen, schreibt TR-Redakteur Wade Roush in der aktuellen Ausgabe von Technology Review, "muss das Geo-Web wirken wie ein unerschlossener Kontinent, der nur darauf wartet, mit Reklameschildern zugepflastert zu werden."
Mehr in Technology Review 11/2005: (wst)