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Was war. Was wird.

Eine Spritztour mit dem Bobbycar durch Hannover ist nicht mega-aufregend, Kimprisonment in Neuseeland dafĂĽr um so mehr. Hal Faber jedenfalls wundert sich, ob stille SMS der Cyber-Deeskalation dienlich sind und ob SOPA noch zappelt.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Der Hannoveraner als solcher wird allgemein für ein langweiliges Wesen gehalten, das korrektes Deutsch spricht. Dabei ist er ungemein verspielt, nicht nur am Herd, wenn er Niedersachsens Küche neu entdeckt. Jeder Hannoveraner besitzt ein rotes Bobbycar, das die Autohändler verschenken, damit man auf dem Roten Faden rollern kann, der die Stadt durchzieht. In der Heimatstadt des offiziellen Finanzoptimierers der deutschen Olympiamannschaft geht es aber immer sehr ganzheitlich und stets alltags wie allnachts oberkorrekt zu: eben weil nur der Hannoveraner weiß, wie übel es in Deutschland aussieht, verdeckt er seinen Spieltrieb und lässt das Bobbycar daheim, um die zahlreichen Gäste nicht zu verschrecken. Die glauben dann, dass Hannover eine langweilige Stadt sei, in der man sich eigentlich nur auf die CeBIT freuen kann, wo "Managing Trust" das Hauptthema ist. Auch hier verdeckt der Hannoveraner seinen Spieltrieb, unterdrückt ein lautes Lachen und übersetzt das englische Thema in korrektes Hochdeutsch, dem Gast zuliebe: "Vertrauen und Sicherheit in der digitalen Welt". Jeder Versuch, dies in einem ordentlichen Dialekt zu sagen, klingt verfressen.

*** Megaupload.com, Megavideo.com, Megaclick.com, Megaworld.com, Megalive.com, Megapix.com, Megacar.com, Megafund.com, Megakey.com, Megaking.com, Megahelp.com, Megagogo.com, Megamovie.com, Megaporn.com, Megabackup.com, Megapay.com, Megabox.com, Megabest.com, all diese Webseiten des megagroßen Kimperator und seiner Mitkimster künden davon, wie Vertrauen und Sicherheit in der digitalen Welt aussieht. Man muss es sich ordentlich erschwindeln, dann klappt das schon mit dem Vertrauen – bis jemand wie das amerikanische FBI auf die Idee kommt und systematisch die Uploads und Downloads auswertet (PDF-Datei), die 180 Millionen registrierte Nutzer bei Megaupload speicherten und abriefen – oder auch nicht. Denn von jeder Datei, die in der digitalen Lagerhalle ins Hochregal kam, wurde ein Hashwert berechnet und geprüft, ob dieser Wert nicht schon vorhanden wird. In diesem Fall bekam der Kunde für sein Vertrauen in Megaupload zwar eine persönliche URL zum Zugriff, die Datei wurde aber gelöscht. So spart man Speicherplatz, so kann man effektiv löschen, wenn dies etwa von denen gewünscht wird, die Rechte an einer Datei reklamieren. Dass ein Urheberrechtsexperte der Piratenpartei Deutschland dieses Verfahren mit der "Dienstleistung eines Lagerhallenanbieters" vergleicht, wirft ein bezeichnendes Licht auf den piratösen Rechtsbegriff dahinter: Mein ist dein und sowieso ist alles 1 (mal vorhanden).

*** Nun ist zu lesen, dass der Kimperator nicht auf Kaution freigelassen wird. Das nährt die Befürchtung, dass ein Megagau kommt, ganz ohne schicken Domainnamen. Als Jugendlicher vertickte Kim Schmitz die Namen seiner Tauschkunden aus den eigenen Bulletin Boards an die Strafverfolger und arbeitete mit einem bekannten Münchener Rechtsanwalt zusammen. Das kann den 180 Millionen Nutzern auch drohen. Vertrauen muss sich eben ausbezahlen, wenn man nicht einmal im Panikraum sicher ist. Ganz auf der Seite der Seite des Hochstaplers sind die "Mitglieder" von Anonymous mit ihrer Aktion #OpMegaupload, was für Prankster eine verständliche Sache ist. Wer freilich in dieser Woche das Rolling Stone-Interview mit Wikileaks-Chef Julian Assange gelesen hat, darf Zweifel haben, ob aus der apolitischen Gruppe dank der Erziehung durch Wikileaks eine politische Kampfzelle geworden ist.

*** Das Interview überrascht, weil Julian Assange einmal nicht eine kommende, neue, hochsichere Einreichungsplattform für Wikileaks ankündigt, sondern den investigativen Journalisten Ratschläge zur Hand gibt, die nachgerade antiquiert klingen: "Leave your mobile phones behind. Don't turn them off, but tell your source to leave electronic devices in their offices." Ein guter Rat angesichts der neuesten Erkenntnisse, wie die Polizei ungeniert Funkzellendaten abfragt oder wie sich der Verfassungsschutz mit stillen SMS ein Bild von der Bedrohungslage macht. Apart ist auch die Auskunft, die die Hamburger Linksfraktion erhalten hat: "Die Polizei Hamburg nutzt für die Versendung der 'stillen SMS' eine Software, die von der Polizei in Nordrhein-Westfalen verwaltet wird." Wer weiß, welche länderübergreifende Kooperation sich hinter dieser "Verwaltung" versteckt? Die Behörden verweigern die Auskunft: Managing Trust geht anders.

*** Die Online-Welt verdunkelte sich in dieser Woche und alle, alle feierten es als Sieg über SOPA, zumal das korrespondierende PIPA zur Abstimmung auf den Sanktnimmerleinstag verschoben wurde. Sinnigerweise zeigte die FBI-Aktion gegen Megaupload, das beide Gesetze entgegen aller Beteuerungen nicht benötigt werden, wenn Ermittlungen ordentlich geführt werden. Oder? Ist SOPA schon gestoppt, wie EU-Komissarin Neelie Kroes fröhlich twitterte? Wobei ihr liebster Internetbeauftragter zu diesem Thema schwieg, offenbar weil er in einem Stand-By-Modus feststeckt. Nach einem ersten Erschrecken über das Ausmaß der Anti-SOPA-Proteste hat die Unterhaltungsindustrie nicht ungeschickt reagiert und verbreitet nun düstere Geschichten über den Internet-Mob, der Politiker in Washington mit Blindheit schlagen kann. Dazu gibt es noch einen Fallback-Modus namens ACTA, mit dem auch bei uns rechtsstaatliche Verfahren ausgehebelt werden sollen. Halten wir es mit einem 1974 gedrehten Film, der bei uns seit 1982 verboten war und seit Freitag nunmehr offiziell ohne jede Beschränkungen als Filmklassiker zum Kulturgut gehört: Das nächste Kettensägenmassaker ist unausweichlich. Es kommt der Tag, da will die Säge sägen. Oder so.

Was wird.

Wenn Merkel, Rösler und Schäuble in die Schweiz fliegen, dann fallen Biathlon, Wok-Rennen und Skispringen als Gründe aus. Auch das Iglu-Bauen der Occupy-Bewegung dürfte nicht der Grund der Flugbewegung sein. Das Weltwirtschaftforum in Davos passt schon eher, jene Tagung, auf der auf hohem Niveau von der Globalisierung geschwärmt wird. Neben der großen Politik sind die Größen der IT-Branche seit jeher ein fester Bestandteil des Treffens, das diesmal unter dem Motto Managing Money, ähem, "The Great Transformation: Shaping New Models" stattfindet. Großartige Sache diese Transformationen von Armut und Reichtum, weiter so. Angela Merkel eröffnet den Kongress mit einer Rede über die Zukunft des Kapitalismus. WEF-Gründer Klaus Schwab schrammt schon mal haarscharf am Sozialismus vorbei: "Capitalism, in its current form, no longer fits the world around us. We have failed to learn the lessons from the financial crisis of 2009. A global transformation is urgently needed and it must start with reinstating a global sense of social responsibility."

Auch die IT-Branche will in Davos verantwortlich klotzen statt kleckern. Nichts Geringeres als eine neue Organisation namens "Partnership for Cyber Resilience" ist unter der Adresse http://weforum.org/cyber angekündigt, in der sich Regierungen und Softwarehersteller auf einen gemeinsamen Cyber-Nichtangriffspakt per Cyber-Dialog verständigen werden. So soll jede Form des Cyberwars durch Cyber-Deeskalation verhindert werden. Sheryl Sandberg, Chief Operating Officer von Facebook, soll dieses Treffen leiten.

Zuvor tritt Frau Sandberg mit einer Keynote in München auf, wo wieder einmal Digital Life, Design angesagt ist. Aufgrund vergangener "inhaltlich sehr tiefen Berichte" ist heise online die Akkreditierung verweigert worden; die Party der coolen Bobos findet also ohne unsere Berichterstattung statt. So warten wir auf die Meldung der Agenturen, wie EU-Kommissarin Viviane Reding nichts weniger als einen neuen Datenschutz vorstellen will, der dem "Recht auf Vergessen" einen hohen Stellenwert einräumen soll. Vielleicht ein Anlass für die Polizei in Hannover, die grünen Bobbycars startklar zu machen? Was die vieldiskutierte Privatsphäre angelangt, soll eine Diskussion mit Vertretern von Microsoft, 4Chan und der Piratenpartei Aufschluss über die Bedeutung von Post-Privacy geben. Ich hör sie schon lachen, die Bernds an ihren Leuerstationen.

Deshalb zum Abschluss, bevor das Bobbycar aus der Garage geholt wird, ein kleiner Einwurf mit einem Denker, der noch nicht von Facebook verblödet wurde, wie das lustige Gespräch mit einer Journalistin zeigt, die Facebook nicht aufgeben möchte: "Right. But you’re not going to do anything about that. So you’re using them and every time you tag anything or respond to anything or link to anything, you’re informing on your friends. You’re part of the problem, you’re not part of the answer. Why are you calling up to ask me about the problem you're creating?" (vbr)