IT-Branchenverband will Zuwanderung gegen Fachkräftemangel
Nach dem Integrationsgipfel bei Bundeskanzlerin Angela Merkel bringt der IT-Branchenverband Bitkom einen weiteren Aspekt in die Debatte um die Zuwanderung ein.
Allseitige Zufriedenheit und friedliche Stimmung, man werde alle Probleme bei etwas gutem Willen schon in den Griff bekommen, herrschte unter den Politikern nach dem Integrationsgipfel bei Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch das große Schulterklopfen, bei dem auch die Berichte von Teilnehmern über alltäglichen Rassismus als Ausweis für den Erfolg des Integrationsgipfels gewertet wurden, ging nur zu bald über in neuen Streit um Sanktionen gegen Ausländer, die sich Eingliederungsmaßnahmen entziehen, und um Begriffe wie "Schicksalsgemeinschaft", der von Volker Kauder, Vorsitzender der Unions-Bundestagsfraktion, in die Debatte geworfen wurde. Aber auch der Lobby-Verband der IT-Branche hat der Diskussion noch einen weiteren Dreh hinzuzufügen: "Wir brauchen eine aktiv gemanagte Zuwanderung gut ausgebildeter, junger Menschen, um den Fachkräftebedarf zu decken und das Wachstum der Wirtschaft zu sichern", meinte Willi Berchtold, Präsident des Bitkom.
Nach Ansicht des Verbands ist ein Umdenken in der deutschen Zuwanderungspolitik notwendig. Schon jetzt gebe es zu wenige Informatiker, Ingenieure und Naturwissenschaftler. Trotz hoher Arbeitslosigkeit haben nach Angaben des Bitkom ein Drittel der Unternehmen in der IT-Branche Probleme, qualifizierte Arbeitskräfte für offene Stellen zu finden. "Der Qualifikationsbedarf der Unternehmen lässt sich nicht allein aus dem Reservoir des eigenen Bildungssystems decken", ist sich Berchtold sicher, der auch sinkende Zahlen bei den Anfängern in technischen Studienfächern und wachsende Zahlen bei den Experten beklagt, die in Rente gehen.
Mit den Forderungen nach "qualifizierter Zuwanderung" nimmt der Bitkom Warnungen auf, die in den vergangenen Monaten schon öfter zu hören waren. So hatte zuletzt Jürgen Gallmann, Geschäftsführer von Microsoft Deutschland, Ende vergangenen Jahres vor einem "gravierenden Fachkräftemangel" in der IT-Industrie gewarnt. Auch Verbände wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) gehen davon aus, dass die Fachkräfte für Hightech-Branchen in Deutschland knapp werden. Und in den vergangenen Monaten hatte der Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte bereits wieder deutlich angezogen.
Der Bitkom meint nun, neue Regelungen bei der Zuwanderung müssten auch unter diesem Gesichtspunkt beschlossen werden. Die Green-Card-Regelung über die befristeten Arbeitserlaubnisse für ausländische Fachkräfte, die der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder zur allgemeinen Überraschung auf der CeBIT 2000 aus der Tasche zog, hatte nach Ansicht des Verbands eine deutliche Schwäche: Sie habe ausländischen Spitzenkräften keine langfristigen Perspektiven in Deutschland geboten. Die mit der Green Card verbundene Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ist auf fünf Jahre begrenzt – es sei denn, der Green-Card-Inhaber verdient mindestens 85.000 Euro im Jahr. "Ein bleibendes Aufenthaltsrecht an einen Mindestverdienst in dieser Höhe zu koppeln, ist in der Praxis eine Vorschrift zur Verhinderung von Zuwanderung", kommentierte Berchtold diese Regelung.
Neue Zuwanderungsregelungen in Deutschland müssten solche Einschränkungen abschaffen, die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte müsse zudem gezielt gefördert werden, etwa dadurch, dass ein Ehepartner automatisch ebenfalls eine Arbeitserlaubnis erhält. "Wir müssen insgesamt als Arbeits- und Lebensstandort attraktiver werden und wir müssen uns den internationalen Eliten besser verkaufen", betonte Berchtold. (jk)