Soziale Schlapphüte

Das FBI will Facebook und Twitter überwachen. Schlamperei! Warum tun die das nicht schon längst?

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Vergangene Woche geisterte der Hinweis auf eine ungewöhnliche Anfrage durch das Netz: Das FBI, sonst in Fragen der Ermittlungstaktik recht schweigsam, startet eine - natürlich völlig unverbindliche - Anfrage an die Industrie nach einer Software, die soziale Netzwerke überwachen kann.

Nun sind die amerikanischen Ermittlungsbehörden nicht gerade als humorvolle Scherzbolde bekannt - schon gar nicht, wenn es um Verträge geht. Man kann also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass diese Ausschreibung einen realen Kern hat (und wenn der nur darin besteht, dass die wissen wollen, wer sich auf diese Ausschreibung hin bewirbt).

Also lautet die naheliegende Frage: Warum erst jetzt? Ich dachte, das machen die schon längst.

Nun gut, man kann sich leicht vorstellen, dass es auch beim FBI ein kleines Generationenproblem gibt: In den Führungsetagen dürften Leute sitzen, denen die Welt des Internet fremd, soziale Netze rätselhaft und die Kultur des Teilens vollkommen suspekt sind.Gut, E-Mails überwachen - das ist naheliegend, für Briefe haben sich die Ermittler ja schon immer interessiert. Dasselbe gilt für installierte Abhör-Trojaner, die Passwörter und Internet-Telefonate mitschneiden - auch Wanzen hat man ja seit Jahren installiert.

Aber dieses „Facebook“ - ich sehe vor meinem geistigen Auge ganz deutlich die kleine Kunstpause vor dem Namen und die mitgesprochenen Anführungszeichen - sagen Sie, Mr. Smith, warum steht das nochmal auf unserer Agenda? Ist das nicht in erster Linie ein Ort, an dem sich Teenager verabreden?

Irgendjemand muss der Chefetage dann jetzt doch mal erklärt haben, was es mit diesen sozialen Netzen auf sich hat. Seit dem fast täglich über den geplanten Börsengang des Unternehmens berichtet wird, kann man die wichtigsten Informationen ja sogar im Wall Street Journal nachlesen. Und mit der verbindlichen Einführung der Chronik, dem Teilen von Markierungen und Kommentaren der Buch- und Zeitungslektüre, der integrierten Gesichtserkennung und der Bereitstellung von „sozialen Graphen“ (wer kennt wen) über offene Schnittstellen, ist das Unternehmen für Ermittler noch mal eine ganze Ecke interessanter geworden.

Aber ich denke, es gibt trotzdem keinen Grund, panisch vor dem großen Bruder zu warnen. Warum? Weil das automatische Erfassen von Daten einfach, das maschinelle Auswerten dieser Daten aber unendlich schwer ist. Eine Maschine, die beim gehäuften Auftreten kritischer Wörter oder dem Überschreiten bestimmter Schwellwerte - steht zu x radikalen Muslimen in Kontakt - Alarm schlägt, wird zwar voraussichtlich eine Menge Menschen beschäftigen. Aber alles, was dabei herauskommt, ist eine Menge Ärger, und schlechte Presse. So, wie bei dem jungen, britischen Pärchen, das nicht in die USA einreisen dufte, weil es vor seiner Reise über Twitter verbreitet hatte, sie wollten „Marilyn Monroe ausgraben“. Ein Mehr an Sicherheit produziert man auf diese Weise jedenfalls nicht.

P.S. Sollte beim Lesen dieser Kolumne der Eindruck entstanden sein, das Internet sei politisch nicht ernst zu nehmen und kein gefährlicher Ort, muss ich diesen Eindruck noch einmal korrigieren: Das "Home Affairs Committee" des britischen Unterhauses hat erst kürzlich noch einmal betont, das Internet sei, was politische Radikalisierung angeht, gefährlicher als ein Knast, eine Universität oder ein Gotteshaus. Kein Scherz, indeed.

(wst)