Wie ich den Turbo-Ofen erfand

Was eine Zentralheizung wert ist, merkt man erst, wenn man anfängt, mit seinem Ofen zu sprechen.

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Was eine Zentralheizung wert ist, merkt man erst, wenn man anfängt, mit seinem Ofen zu sprechen.

Aus gegebenem Anlass möchte ich heute eine Technik würdigen, die gerne als selbstverständlich hingenommen wird: Die Zentralheizung. Was sie wert ist, merkt man erst, wenn man keine hat. Ich weiß, wovon ich schreibe. Drei Winter lang habe ich während des Studiums in Bamberg im Anbau eines denkmalgeschützten Fachwerkhauses gewohnt. Die drei (!) Außenwände waren kaum dicker als ein Frank-Schätzing-Roman, und die einzige Wärmequelle war ein Öl-Ofen aus rot-braunem Blech im entzückenden Pseudokacheldesign. Das Heizöl musste man per Hand aus einem Fass im Keller zapfen und mit einer Kanne in die Wohnung schleppen. Da der Schornstein zu kurz war und nicht richtig zog, drückten Windböen gerne die Abgase ins Zimmer. Bei bestimmten Wetterlagen roch es bei mir immer so, als sei gerade ein Lastwagen durchgefahren. Das klingt jetzt vielleicht etwas nach "Opa erzählt vom Krieg", aber so war es nun mal, ich schwör's. In der Bamberger Altstadt gab es einfach kaum Wohnungen mit Zentralheizung. Ich nehme an, daran hat sich bis heute wenig geändert.

Besonders zickig war der Ofen, wie ich schnell feststellen musste, wenn ihm selbst noch kalt war. Ich hegte anfangs die naive Hoffnung, es würde reichen, den Ölhahn aufzudrehen, einen Anzünder reinzuwerfen und so lange zu verschwinden, bis der Ofen die Bude von alleine auf Temperatur gebracht hat. Ich kam also vom Einkaufen zurück, und das Zimmer war kalt. Dafür hatte sich mindestens eine halbe Maß Diesel in der Brennkammer angesammelt. Was nun? Eine Kaffeetasse opfern und das Zeug abschöpfen? Eine ziemliche Sauerei. Ich entschied mich, den Öl-See mit etwas Küchenpapier abzufackeln. Keine gute Idee – die Brennkammer begann zu glühen und der Diesel zu sieden, kleine Dieselblasen explodierten und ließen den Ofendeckel hüpfen. Mir wurde sehr schnell sehr heiß, und ich schwor tausend Eide, nie wieder meinen Ofen in so schweren Zeiten alleine zu lassen.

Fortan blieb ich immer zwanzig Minuten neben dem Monster stehen und sah durch das kleine Guckloch zu, wie sich schmächtige gelben Flämmchen langsam zu einem gleichmäßigen blauen Feuer verdichteten – oder auch nicht, dann war der nächste Anzünder fällig. Währenddessen murmelte ich Sachen wie "Na los, das schaffst Du schon" oder "Nun stell Dich nicht so an" oder "Mach hinne, mir ist kalt". Dieses betreute Brennen fand niemand in meiner WG seltsam – alle anderen sprachen auch mit ihren Öfen, das galt als ganz normal und war sozial akzeptiert. Bedenklich wird es meiner Ansicht nach erst, wenn jemand eine persönliche Beziehung zu seiner Zentralheizung aufbaut und auf eine Brennwerttherme einredet wie auf eine kranke Kuh.

Dennoch wurde mir das Anheiz-Ritual irgendwann zu dumm. So kam es, dass ich Bambergs mutmaßlich ersten Turbo-Ofen entwickelte. Am Anfang bestand der Turbolader noch aus einem Föhn, der – in einen hohen Turnschuh gesteckt – in den Lufteinlass des Ofens blies. Das war mir auf die Dauer zu laut und zu teuer, deshalb ersetzte ich den Föhn durch einen kleinen Tischventilator. Der beschleunigte den Übergang zur blauen Flamme gefühlt auf die Hälfte der Zeit und machte bei meinen Mitbewohnern mächtig Eindruck. Dies hätte eigentlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen mir und meinem Ofen werden können. Doch als ich ein Zimmer mit Zentralheizung angeboten bekam, wurde ich schwach und sagte sofort zu. Seitdem habe ich nie wieder mit einer Heizung gesprochen. (bsc)