Bücher für lau
Verrückte Zeiten: Ein Berliner Kleinverlag ist abgemahnt worden, weil er eines seiner Bücher verschenkt hat.
Verrückte Zeiten: Ein Berliner Kleinverlag ist abgemahnt worden, weil er eines seiner Bücher verschenkt hat. Ein elektronisches Buch natürlich, sonst hätte die Sache wahrscheinlich niemanden groß interessiert.
Genau genommen hat der Verlag „Berlin Story“ das Buch auch nicht wirklich verschenkt - jeder, der das Ding heruntergeladen hat, konnte den Preis selbst festlegen. Das Experiment sollte zeigen, was den Lesern das Buch tatsächlich wert ist. Ähnliches haben auch Bands schon mit ihren neuen Alben probiert - durchaus mit Erfolg.
„Berlin Story“ ist allerdings abgemahnt worden, weil die Aktion gegen das Gesetz über die Buchpreisbindung verstößt. Die Geschichte schlug im Netz hohe Wellen, weil sie zeigt, dass der „Copyright-Krieg“ längst nicht mehr nur Musik und Filme umfasst.
Dazu passt die Nachricht, dass eine der gefährlichsten Piraterie-Webseiten weltweit“ nach jahrelangen Bemühungen jetzt von Verlagsanwälten aus dem Internet kartätscht worden ist - wahrscheinlich muss man sich das ein bisschen so vorstellen, wie damals die Sache mit der Bunten Kuh und Störtebeker.
Ausgerechnet in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), die ansonsten nicht die Speerspitze linker Ideen ist, haben die Freiburger Ökonomen Volker Grossmann und Guy Kirsch kürzlich in einem Artikel genau dieses Durchsetzen von Copyright-Ansprüchen als organisiertes Raubrittertum bezeichnet.
Soweit würde ich nicht gehen. Was mir aber in der Tat gewaltig auf die Nerven geht, ist die Tatsache, dass die deutschen Verlage sich weigern, aus den Erfahrungen der Musikindustrie zu lernen. Wir leben nun mal im Zeitalter des Internet. Das bedeutet, es macht heute keine Mühe mehr, digitale Inhalte zu vervielfältigen und weltweit zu verteilen. Und wenn man der Schlange Internet-Piraterie einen Kopf abschlägt, wachsen zwei neue nach.
Alles, was hilft, ist dem Kunden für den legalen, bezahlten Download einen echten Mehrwert zu bieten. Das geht nicht mit einem blödsinnigen Kopierschutz, der die gekauften Bücher an ein ganz bestimmtes Lesegerät bindet. Und wenn ich Pech habe, kann ich die Dateien in zehn Jahren wegwerfen, weil ich sie nirgendwo mehr öffnen kann.
Ich finde elektronische Bücher praktisch. Und noch praktischer ist, dass ich sie mit einem Knopfdruck kaufen und gleich auf den Reader runterladen kann. Aber so lange die Dinger mit DRM verkrüppelt werden, kaufe ich bestenfalls schnelllebiges Lesefutter für den Feierabend. Teuere Fachbücher, die elektronisch durchaus interessant wären, werde ich mir einstweilen verkneifen. Noch mal ganz langsam zum Mitdenken: Kopierschutz ist ein Verkaufsverhinderungsargument.
Oder nehmen wir Zeitungen. Die Verleger klagen, dass die jungen Leute keine Zeitung mehr lesen. Vielleicht könnten elektronische Angebote da ja helfen? Man muss sie nur bereitstellen.
Obwohl ich schon jetzt nicht recht weiß, wie ich den verfügbaren Lesestoff (HAZ, FAZ, taz, NZZ) bewältigen soll, war ich dennoch entzückt, im Kindle-Angebot von Amazon auch Zeitungen zu entdecken. Das Angebot ist allerdings - sagen wir mal - überschaubar.
Ganz anders bei Amazon.com - also dem US-Mutterhaus. Da gibt es unter anderem eine Kindle-Edition vom Guardian - eine meiner englischsprachigen Lieblingszeitungen.
Die Sache hat nur einen klitzekleinen Haken: Als Kunde von Amazon.de kann ich nicht direkt bei Amazon.com bestellen - es sei denn… Es sei denn, ich melde meinen Kindle um, ziehe also gewissermaßen virtuell in die USA. Dann kann ich aber wiederum Sonderangebote und Rabattaktionen, die Amazon.de anbietet, nicht nutzen, es sei denn… Es sei denn, ich transferiere meinen Account wieder zurück. Dann werden aber alle Abos, die ich bei Amazon.com geordert habe, wieder storniert. Ich kann nicht mal mehr auf die alten Zeitungen und Zeitschriften zugreifen, die ich bisher bezogen habe. Was für ein himmelschreiender Unfug.
Solange sich an dieser Situation nichts ändert, wird es auch von Büchern und Zeitschriften immer wieder illegale Kopien im Netz geben.
(wst)