App gegen Ablenkung

Eine neue Smartphone-Software soll Autofahrer daran hindern, die Geräte beim Fahren zu bedienen. Passagiere dürfen weiter ran.

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Von
  • David Talbot

Eine neue Smartphone-Software soll Autofahrer daran hindern, die Geräte beim Fahren zu bedienen. Passagiere dürfen weiter ran.

Moderne Handys sind eine ständige Quelle der Ablenkung für Autofahrer – sobald es piepst oder klingelt, sind viele geneigt, zum Gerät zu greifen, selbst wenn sie mitten im dichten Verkehr stecken. Aktuelle Studien zeigen, dass das Telefonieren am Steuer das Risiko, einen Unfall zu verursachen, vervierfacht. Das Verfassen von SMS ist noch deutlich schlimmer: Hier erhöht sich die Wahrscheinlichkeit um das 23-Fache. Die US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB setzt sich deshalb für ein generelles Verbot von tragbarer Elektronik im Straßenverkehr ein – auch in jenen Bundesstaaten des Landes, in dem sie noch erlaubt ist. 2010 sollen 3000 Menschen in dem Land aufgrund von Ablenkung im Verkehr getötet worden sein.

Eine neue Software, die Forscher an Rutgers University und Stevens Institute of Technology in New Jersey entwickelt haben, könnte nun helfen, Autofahrer zu erziehen: Sie kann erkennen, wenn am Steuer das Smartphone benutzt wird. Die App ist dabei intelligent genug, zwischen Fahrer und Beifahrer zu unterscheiden – letzterer hat kein Benutzungsverbot.

Dabei wird die Bluetooth-Anbindung genutzt, die in vielen Autoradios vorhanden ist. Über die drahtlose Schnittstelle wird ein für den Menschen unhörbares Tonsignal an die Lautsprecher gesendet. Das Mikrofon des Handys nimmt diese Klänge anschließend auf und nutzt einen Signalverarbeitungsalgorithmus, um die Position des Telefons im Auto zu ermitteln.

"Wir wollten einen Mittelweg finden – der Fahrer soll weniger abgelenkt werden, gleichzeitig aber nicht die Passagiere darunter leiden. Deshalb erkennen wir, wer das Gerät benutzt und wer nicht", erklärt Yingying Chen, Computerwissenschaftler am Stevens Institute, die an dem Projekt beteiligt war. "Wir haben mittlerweile alle notwendigen Puzzleteile zusammen, Fahrer und Beifahrer zu unterscheiden."

Die Technik ist somit deutlich genauer als andere Apps, die beispielsweise die Bewegung des Autos per GPS erfassen oder Vibrationen erkennen, die vom Fahren kommen. Beide Varianten können prinzipbedingt nicht zwischen Fahrer und Beifahrer unterscheiden.

Chen meint, dass das neue System bestehende Anwendungsideen zur Verhinderung unnötiger Fahrerablenkung ergänzen könnte, um sie smarter zu machen. Schon jetzt arbeiten die Forscher an einem ganzen Paket an Programmen, die dieses "Driver Sensing" nutzen sollen. Eine solche App würde die Menschen im eigenen Kontaktnetz automatisch darüber informieren, dass man fährt – und ihnen mitteilen, doch besser später anzurufen oder erst etwas später eine SMS zu senden, wie Janne Lindqvist von Winlab der Rutgers University sagt.

Eine weitere geplante App integriert Fahrererkennung und Kalender – so könnte Teilnehmern eines Treffens ohne viel Aufwand durch den Verspäteten mitgeteilt werden, dass dieser sich noch im Stau befindet. "Wenn man fährt, könnte das quasi eine Einknopf-Lösung mittels SMS werden", sagt Rutgers-Juniorprofessor Marco Gruteser. "Man muss sich dann nicht durch seine Kontakte wühlen, um die anderen Personen zu informieren."

Die Lösung der Rutgers- und Stevens-Forscher hat mittlerweile das Labor verlassen und wurde in Smartphones und Apps integriert. Parallel wird an einer Vereinfachung des Algorithmus gearbeitet, damit die Fahrererkennung schneller arbeitet – derzeit dauert es noch bis zu acht Sekunden.

Die Gruppe plant im Frühjahr außerdem eine Studie, die zeigen soll, ob die Technik wirklich das Verhalten der Nutzer verändert. Und noch in diesem Jahr könnte das System in kommerziellen Angeboten landen, Lizenzmodelle sind bereits angedacht, wie Lindqvist sagt.

Bei der NTSB will man neben dem reinen Verbot auch auf technische Lösungen setzen. "Wir haben hier ein Problem und es wird schlimmer", sagt die Vorsitzende Deborah Hersman. "Die Technik ist für viele unserer heutigen Herausforderungen mitverantwortlich, aber sie könnte gleichzeitig auch Abhilfe schaffen. Die Fahrererkennung ist dabei einer der kritischen Punkte."

Der große Nachteil des Rutgers- und Stevens-Systems ist derzeit noch, dass es Bluetooth voraussetzt. In älteren und günstigeren Autos fehlt die Funkschnittstelle noch. Und selbst bei damit versorgten Modellen klappt die Lösung nur in 90 Prozent aller Fahrzeuge, was mit der unterschiedlichen Gestaltung des Fahrgastraums zusammenhängt. Rutgers-Juniorprofessor Gruteser räumt denn auch ein, dass man derzeit noch Fehltreffer im einstelligen Prozentbereich erzeugt.

Marcel Just, Psychologieprofessor an der Carnegie Mellon University, hält eine schnelle Lösung für extrem wichtig. In einer Studie zeigte er mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie, dass allein das Zuhören bei einem Anruf die Gehirnaktivität, die für das Verfahren aufgewendet wird, um 37 Prozent reduziert. "Da muss sich dringend etwas tun", meint Just. "Ich könnte mir vorstellen, dass das gesetzlich vorgeschrieben wird oder Versicherungen entsprechend auf die Autofahrer einwirken." Damit die Technik funktioniert, müsse sie nur weitläufig verfügbar sein. Und "hacken" dürfe man sie auch nicht können. (bsc)