DatenschĂĽtzer warnt vor schrankenloser Ausforschung durch Online-Durchsuchung
Der Berliner Datenschutzbeauftragte hält es für "widersinnig", dass Sicherheitsbehörden Schutzmaßnahmen gegen Spionageprogramme fordern, andererseits aber genau diese Schadsoftware einsetzen wollen.
Von
Der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix hat sich vehement gegen die Schaffung einer Rechtsgrundlage für "Online-Durchsuchungen" ausgesprochen. "Es ist widersinnig, dass Sicherheitsbehörden einerseits zu Recht Schutzmaßnahmen gegen den Einsatz von Spionageprogrammen durch Wirtschaftskriminelle fordern, andererseits aber genau diese Schadprogramme einsetzen wollen", erklärte Dix. Der Einsatz von Trojanern für die heimliche Inspektion von Festplatten vernetzter Computer stelle "stets einen massiven Eingriff in die Privatsphäre der betroffenen Internetnutzer" dar. Da die Durchsuchung für die Betroffenen nicht kontrollierbar erfolge, gäbe es laut Dix "keine technischen Schranken für die umfassende Ausforschung beliebiger Bürger." Der Berliner Datenschützer findet deutliche Worte: "Online-Durchsuchungen schaden der inneren Sicherheit und sind verfassungswidrig!"Bayern will Regelung zu Online-Durchsuchungen vorantreiben
BKA-Chef hält Online-Durchsuchungen für dringend erforderlich
SPD-Politiker plädieren für hohe Gesetzeshürden bei Online-Durchsuchungen
Schäuble heizt nach BGH-Urteil Debatte um Online-Durchsuchung an
Heimliche Online-Durchsuchungen sind unzulässig Harsche Kritik an Online-Durchsuchungen
Bundesgerichtshof entscheidet ĂĽber Online-Durchsuchungen
Schäuble: Biometriepässe stärken den Datenschutz
Zwei Programmierstellen fĂĽr den "Bundestrojaner"
Verfassungsbeschwerde gegen NRW-Verfassungsschutzgesetz angekĂĽndigt NRW-Landtag verabschiedet Verfassungsschutzgesetz
Datenschutzbeauftragter kritisiert Online-Durchsuchungen privater Computer
Fraktionen streiten ĂĽber Online-Durchsuchung von Privat-Computern
BGH verbietet Online-Durchsuchung von Computersystemen
Schäuble: Internet ist "Fernuniversität und Trainingscamp" für Terroristen Verfassungsschutz, Online-Durchsuchungen und die Verfassung
NRW-Verfassungsschutzgesetz wird Landtag erneut beschäftigen
Online-Durchsuchung von PCs durch Strafverfolger und Verfassungsschutz
Angeblich 200.000 deutschsprachige Bombenbauanleitungen im Netz
ThĂĽringens Innenminister fĂĽr mehr Internet-Ăśberwachung Bundestag verabschiedet neue Anti-Terrorgesetze
Nur geringfĂĽgige Korrekturen am neuen Anti-Terrorpaket
"Wir brauchen überwachungsfreie Räume"
Streit um die Zukunft des Anonymisierungsdienstes AN.ON
Bundesländer wollen Videoüberwachung ausweiten Bundesjustizministerium plant Neuregelungen für verdeckte Ermittlungsmaßnahmen
Nutzerlobby gegen Lizenz zur "DauerĂĽberwachung" im Internet
Deutschland ist fĂĽhrend bei der inneren Sicherheit
Vorratsdatenspeicherung soll auch fĂĽr Anonymisierungsdienste gelten
Merkel plädiert für mehr Überwachung trotz hoher Sicherheit Zur Überwachung von Internet-Nutzern und der Datensammelei im Web siehe auch den Schwerpunkt "Deine Spuren im Netz" in der aktuellen Ausgabe von c't:
Generalbundesanwältin fordert stärkere Überwachung des Internet
132 Millionen Euro für schärfere Überwachungsmaßnahmen freigegeben
Scharfe Kritik an Plänen des Justizministeriums zur Vorratsdatenspeicherung
Zypries stellt Entwurf zur Neuregelung der TK-Ăśberwachung vor
DatenschĂĽtzer sieht Anti-Terror-Datei als Schritt zur Ăśberwachungsgesellschaft Zahlreiche Bedenken gegen neues Anti-Terrorpaket
Bundesrat gegen Befristung der Anti-Terror-Datei
Datenschützer sieht verfassungsrechtliche Mängel im Gesetz zur Anti-Terror-Datei
DatenschĂĽtzer kritisieren Anti-Terror-Datei und SchĂĽlerregister
Kritik am neuen Programm für Innere Sicherheit Bundesregierung will Kundendaten für vorbeugende Straftatenbekämpfung
Programm fĂĽr innere Sicherheit in der Diskussion
Wirtschaftsinitiative begrüßt verschärfte Internetüberwachung
Datenschützer sehen Anti-Terror-Datei äußerst kritisch
Große Koalition wirbt für verstärkte Terrorbekämpfung Bericht: Deutsche Sicherheitsbehörden greifen auf 197 Dateien zu
Kabinett segnet Anti-Terror-Datei ab
Schäuble: Anti-Terror-Gesetze haben sich bewährt
Kritik, Zustimmung und neue Forderungen zur Anti-Terror-Datei
DatenschĂĽtzer ĂĽben Kritik an Anti-Terror-Datei Gemischte Reaktionen auf geplante Anti-Terror-Datei
Innenminister beschlieĂźen zweiteilige Anti-Terror-Datei
DatenschĂĽtzer warnt vor Aktionismus
Sicherheitstag im Zeichen der Anti-Terror-Debatte
Neue Vorschläge für Daten in der Anti-Terror-Datei Diskussion um geplante Anti-Terror-Datei
Gesetzentwurf zur zentralen Anti-Terror-Datei in Vorbereitung
Die Ausdehnung der Anti-Terrorgesetze und der gläserne Nutzer
Scharfe Kritik an geplanter Ausweitung der Anti-Terrorgesetze
Große Koalition über Verschärfung der Anti-Terrorgesetze einig
(Stefan Krempl) /
Die eingesetzte Technik könnte dem Datenschutzbeauftragten zufolge überdies "immense wirtschaftliche Schäden" anrichten, insofern sie zu Zwecken der Wirtschaftsspionage eingesetzt werden. Dix spricht hier von einem "Einfallstor für Kriminelle". Paradoxerweise habe just das Bundesamt für Verfassungsschutz aber soeben vor den wachsenden Risiken der Ausspähung von Unternehmensgeheimnissen gewarnt, die insbesondere von China, Russland und den USA ausgehen.
Auch der größte Befürworter einer bundesweiten gesetzlichen Regelung für den Einsatz von Malware zur Verbrechensbekämpfung, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) weise die Bürger und die deutsche Wirtschaft immer wieder auf Gefahren hin, die vom Einschleusen von Spionageprogramme durch Cyberkriminelle über E-Mails oder Webseiten ausgehen, beschreibt Dix den unausweichlichen Zwiespalt weiter. Das Bundesinnenministerium verfolge eigentlich einen "Nationalen Plan zum Schutz der Informationsinfrastrukturen", der die Stärkung der IT-Sicherheit durch Unternehmen und Verbraucher bezwecke. Dieser ziele unter anderem darauf ab, "dass sich jedermann durch Schutzprogramme vor Spionagewerkzeugen schützt".
Der Bundesgerichtshof (BGH) erklärte Anfang der Woche verdeckte Online-Durchsuchungen durch Strafverfolgungsbehörden für rechtswidrig. Seitdem ist innerhalb der Regierung und der großen Koalition ein heftiger Streit über Sinn und Zweck einer gesetzlichen Regelung der tief in die Privatsphäre eingreifenden Maßnahme und über dafür eventuell erforderliche Verfassungsänderungen entbrannt. Während Vertreter der Sicherheitsbehörden immer wieder betonen, mit dem technischen Fortschritt und den Methoden der Kriminellen Schritt halten zu müssen, sehen Skeptiker wie Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) mit der Festplattenspionage dagegen einen Paradigmenwechsel im deutschen Strafrecht einhergehen und warnen vor Schnellschüssen, die in Karlsruhe keinen Bestand hätten.
Als Testballon gilt derweil das im Dezember vom nordrhein-westfälischen Landtag beschlossene neue Verfassungsschutzgesetz NRW. Es enthält erstmals eine Rechtsgrundlage für Online-Durchsuchungen. Allerdings läuft seit dem Freitag eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe gegen den Vorstoß. Das Beispiel des nordrhein-westfälischen Gesetzgebers darf Dix zufolge in Deutschland auch keine Schule machen, da die gestatteten Befugnisse der inneren Sicherheit letztlich schaden würden und verfassungswidrig seien.
Siehe zu dem Thema auch:
- Verfassungsbeschwerde gegen Online-Durchsuchungen in NRW eingelegt
- Mehrheit der BundesbĂĽrger fĂĽr Kompromiss bei Online-Durchsuchungen
- Schäuble: Trojaner sollen auch private Tagebücher durchsuchen
- Zypries warnt vor Schnellschüssen zur Ermöglichung von Online-Durchsuchungen
- Verfolgerwahn, Wie Online-Nutzer die Kontrolle über ihre Daten zurückgewinnen können, c't 24/06, S. 202
- Im Visier der Strafverfolger, Staatlicher Zugriff auf Anonymisierungsserver, c't 24/06, S. 208
- Globale Rasterfahndung, Privatfirma sammelt und verkauft Daten, c't 24/06, S. 202
- Big Brother 2.0, Der Bürger im Fadenkreuz der Terrorismusbekämpfung, c't 24/06, S. 202