Digitales Umweltbewusstsein

Der ersten Natur hat der Mensch eine zweite entgegengesetzt, die industrialisierte Zivilisation. Inzwischen umgibt uns eine dritte Natur, die Technosphäre. Was fehlt, ist ein Bewusstsein für die Ökologie dieser Welt.

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Von
  • Peter Glaser

Der ersten Natur hat der Mensch eine zweite entgegengesetzt, die industrialisierte Zivilisation. Inzwischen umgibt uns eine dritte Natur, die Technosphäre. Was fehlt, ist ein Bewusstsein für die Ökologie dieser Welt.

Es gibt ein paar Dinge, an denen deutlich wird, dass die digitale Welt noch ziemlich steinzeitlich ist. Eines davon ist ein fehlendes digitales Umweltbewusstsein. Wenn ich auf meinen Bildschirm blicke, sehe ich ein einsames, kleines Mülleimer-Symbol und fühle mich wie ein Frühmensch, der alles unterschiedslos auf einen Haufen schmeißt. Warum gibt es noch keine Mülltrennung für Daten? Ich vermisse eine Galerie von Abfallcontainern am Bildschirmrand – rot für Textdateien, blau für Musik, gelb für Fotos... Oder warum gibt es noch keine Grasfaserkabel, die all der Internet-Hochgeschwindigkeit ein wenig, ja: Wiesenschaftlichkeit und Grün verleihen?

Durch das Bildschirmfenster öffnet sich der Blick in ein neues Environment, das inzwischen die ganze Erde umfasst. Nach der ersten, unmittelbaren Natur und der zweiten, der industrialisierten Zivilisation, umgibt uns inzwischen eine dritte Natur. Man kann sie leicht unterschätzen, denn alles in ihr ist nur scheinbar – oder, mit einem anderen Wort, virtuell. Wir leben in der frühen Scheinzeit.

Zur Erdkruste (der Lithosphäre), den Flüssen und Ozeanen (der Hydrosphäre), der Biosphäre und der Atmosphäre des blauen Planeten ist nun eine Technosphäre hinzugekommen. Nach der explodierten Raumfähre Challenger, der verglühten Columbia und den Reaktorkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima ist unmissverständlich klar geworden, dass von den Großtechnologien, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, nur die Informationstechnologie so etwas wie Zukunftsmacht besitzt. Mit ihr hat sich der Kosmos nun nach Innen gewendet – ins Netz.

Diesmal kann jeder mitfliegen. Und diesmal sind wir aber auch alle mitverantwortlich, wenn etwas schief läuft. Zugleich legt das Internet uns noch nie dagewesene Möglichkeiten in die Hände, etwas dagegen zu tun. In den 90er Jahren hatte der Programmierer Karl Sims für Daniel Hillis' Supercomputer-Firma Thinking Machine spezielle Algorithmen entwickeln, die der extremen Leistungsfähigkeit der Maschinen angemessen sein sollten. Sims schuf phantastische Phänomene einer künstlichen Natur, etwa die heute klassische Animation "Panspermia", in der die Reise eines Samenkorns durchs All und die Explosion der Fruchtbarkeit nach dem Aufprall auf einem Planeten zu sehen ist. Auf Spaziergängen, so erzählt Sims, rege ihn jedes Grasbüschel und jeder Strauch zur Nachahmung im Computer an. Wenn man dann aber beginne, in die Details einzudringen, zeige sich eine unermessliche Komplexität schon im Kleinen. Aus der Natur kehrt Sims stets demütig zurück vor die Maschine. Die digitale Natur hilft uns, die ursprüngliche Natur besser zu verstehen.

Das meine ich mit digitalem Umweltbewusstsein. Überinformation ist der Smog des digitalen Zeitalters, und je kompakter und intelligenter jemand heute seine Ideen oder sein Wissen aufbereitet, desto wertvoller werden seine Beiträge. Kulturpessimisten beklagen die Schrecknisse der Informationsexplosion. Für sie ist das Internet ein horizontloser Ozean, in den Informationsmüll verklappt wird. Sie produzieren lieber eine Art von Nölpest, als sich der Frage zu stellen, wie man Informationen und Wissen gewinnen und teilen kann, die klar und gut sind wie Quellwasser.

Die Antwort darauf hat nicht so sehr mit Technologie zu tun, sondern mit uns selbst. Es gibt verschiedene Herangehensweisen an die überbordende, verschwenderische Menge an Information, die auf uns einrauscht. Der Pessimist erleidet sie, angeblich. In Wahrheit ist es eine Art von Faulheit, und die Dinge möchten sich doch bitte von selbst klären, filtern und reduzieren. Was ihn verdächtig macht ist die Tatsache, dass vergeuderische Überfälle ein uraltes Naturprinzip sind, das im Informationsraum bloß eine neue Gestalt annimmt.

Das Pusteblumen-Prinzip, wonach viele Samen ausgestreut werden, damit zumindest einer überlebt, ist schon ein paar Millionen Jahr alt, und mit der Verbreitung von Daten, ihrer fruchtbaren Landung im menschlichen Zerebrum, ist es nicht viel anders. Eine andere Möglichkeit ist, sich der Gischt zu öffnen und sich daran zu erfrischen und zu erneuern. Mir geht es oft so und ich kenne viele, denen es ähnlich geht – man fühlt sich nach einer Tour durchs Netz durchweht von kleinen Überraschungen, frischer Nachrichtenluft und dem Rauschen des Datenozeans und ist auf eine sehr moderne Weise erholt. (bsc)