Schlechte Zahlen, fröhliche Gesichter: Siemens blickt nach vorn

Siemens-Chef Klaus Kleinfeld hat das Tempo Deutschlands größtem Elektrokonzern deutlich verschärft. Bei den Beschäftigten und der Gewerkschaft wird sein Vorgehen aber auch kritisch gesehen.

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Von
  • Axel Höpner
  • dpa

Verkehrte Welt bei Deutschlands größtem Elektrokonzern Siemens: Im abgelaufenen Quartal hat das Unternehmen unter dem Strich nur 77 Millionen Euro verdient, so schlecht war ein Quartalsergebnis seit mindestens fünf Jahren nicht mehr. Doch bei der Bilanz-Pressekonferenz präsentierten sich der neue Vorstandschef Klaus Kleinfeld und sein Finanzvorstand Heinz-Joachim Neubürger am Donnerstag bester Laune. "Bei den schönen Zahlen ist doch klar, dass man lacht", ruft Kleinfeld den Fotografen zu. Denn die Siemens-Führung hat das schwache Ergebnis schon längst abgehakt, verweist auf gute operative Gewinne und richtet den Blick nach vorn.

Für eine intensive Rückschau auf die Probleme in der Kommunikationssparte Com und beim IT-Dienstleister SBS hatte Kleinfeld bei seiner ersten Bilanzvorlage ohnehin nur wenig Zeit. Der Zukunftsmarkt China rief. Die Pressekonferenz wurde eigens nach vorne verlegt, damit der Vorstandsvorsitzende schnell nach Berlin fliegen konnte, um mit Chinas Staatspräsident Hu Jintao ein lukratives Geschäft festzuzurren. Die Chinesen wollen 60 moderne ICE-Züge kaufen. "Ein schönes Ereignis", sagte Kleinfeld.

Der leidenschaftliche Marathonläufer Kleinfeld hat das Tempo bei Siemens deutlich verschärft. "Schnelligkeit ist ein Charaktermerkmal seines Managementstils", sagt Siemens-Spezialist Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. Während Kleinfelds Vorgänger Heinrich von Pierer trotz der chronischen Probleme in der Sparte stets stolz war auf die Handys aus dem Hause Siemens, entschied sich Kleinfeld unsentimental für die Notoperation. Die Mobilfunksparte wurde an den taiwanesischen BenQ-Konzern abgegeben. Die Kosten dafür und die operativen Verluste in der Sparte belasteten den Siemens-Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr mit einem Minus von mehr als 800 Millionen Euro. Auch deshalb brach der Siemens-Gewinn 2004/05 von 3,4 auf 2,25 Milliarden Euro ein.

Hinter allen Maßnahmen steht Kleinfelds erklärtes Ziel, dass bis 2007 sämtliche Geschäftsbereiche ihre Renditevorgaben erfüllen. Auch Pierer hatte Ziele vorgesetzt – wenn ein Bereich diese aber zum Beispiel wegen eines schwierigen Umfelds verfehlte, gab es einen Aufschub. Kleinfeld dagegen hat auch sein persönliches Schicksal mit dem Erreichen der Margen verknüpft. Diese rigide Ziel habe auch im Unternehmen kontroverse Diskussionen ausgelöst, räumte er am Donnerstag ein.

Bei den Beschäftigten wird die Tempoverschärfung kritisch gesehen. "Siemens erinnert derzeit an eine Flotte, bei der der Zentralvorstand im Schnellboot sitzt und alle Bereiche in Booten mit unterschiedlicher Ausstattung versuchen, hinterher zu kommen", sagte Harald Lehning (IG Metall) am Mittwoch auf der Betriebsversammlung in der Hamburger Niederlassung. "Und wer zu langsam ist, kann froh sein, wenn er nicht versenkt wird." Die Betriebsratsvorsitzende Birgit Steindorn kritisierte, Kleinfeld orientiere sich noch stärker an den Interessen der Kapitalmärkte als sein Vorgänger Pierer. "Auf der Strecke bleiben dabei die langfristige Geschäftsplanung und die Investitionen in langfristige Forschungsprojekte."

Der neue Vorstandsvorsitzende sieht das ganz anders. "Seit Werner von Siemens ist Innovation unser Lebenselixier." Der Manager, der seine Karriere bei einer Unternehmensberatung gestartet hatte, redet gern von Megatrends, Zukunftsmärkten und Innovationen. Mit seinem Engagement in der Medizintechnik und Energieerzeugung, Wassertechnologie und Windkraft sei Siemens hier so gut aufgestellt wie kaum ein anderer Konzern in der Welt. Sind die noch verbliebenen Krisensparten erst einmal auf Kurs gebracht, soll sich das auch wieder in den Netto-Ergebnissen zeigen. (Axel Höpner, dpa) / (jk)