Automatische Züge durch die Wüste

Der britisch-australische Bergbauriese Rio Tinto will bis 2015 das bisher längste automatisierte Schienennetz der Welt aufbauen.

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Der britisch-australische Bergbauriese Rio Tinto will bis 2015 das bisher längste automatisierte Schienennetz der Welt aufbauen.

In der Wüsten- und Steppenregion Pilbara, die im Nordwesten Australiens liegt, leben auf über 500.000 Quadratkilometern keine 50.000 Menschen. Trotzdem geht es an manchen Orten dieser dünnbesiedelten Naturlandschaft durchaus betriebsam zu: Pilbara hat riesige Eisenerzvorkommen. Jahr für Jahr werden über 300 Millionen Tonnen des Rohstoffes aus der Erde geholt, mindestens ein halbes Jahrhundert lang soll noch so viel Material vorhanden sein, dass sich der Abbau lohnt.

Zu den Konzernen, die hier aktiv sind, gehören Riesen wie BHP Billiton oder Rio Tinto. Letzterer britisch-australischer Bergbauriese ist stets darauf bedacht, seine Förder- und Logistikmethoden zu optimieren. Die jüngste Idee: Der Konzern will in den nächsten drei Jahren das bislang längst automatisierte Schienennetz der Welt aufbauen, um das Erz künftig automatisiert an die Küste zu befördern. Bis zu 1300 Kilometer weit sollen die Eisenerzzüge dann ganz ohne Lokführer unterwegs sein. Das Projekt hat ein Budget von bis zu 365 Millionen Euro.

Noch mit Fahrer: Erzbahn von Rio Tinto

(Bild: Copyright © 2010 Rio Tinto)

Derzeit werden die 9400 Güterwagen und 148 Lokomotiven traditionell von Mitarbeitern der Rio-Tinto-Güterbahnlinie von den Minen im Landesinneren bis zu den Häfen im Westen bewegt. 500 Menschen sind bei der Eisenbahngesellschaft des Minenbetreibers beschäftigt. Der Bergbaukonzern braucht diese Experten künftig nur noch für Wartung und Kontrolle, kündigt die Firmenleitung an. Die Technik für die automatischen Züge sei längst verfügbar und erprobt, meint das Rio-Tinto-Management. Dabei geht es allerdings zumeist um begrenzte Räume wie Güterbahnhöfe und Logistikzentren – über 1000 Kilometer weit fährt noch keine Automatikbahn.

Das "AutoHaul" genannte Projekt in Pilbara soll dabei helfen, das bestehende Schienennetz zu optimieren und Züge flexibler einzusetzen. Von den computergesteuerten Loks verspricht sich Rio Tinto außerdem eine energieeffizientere Fahrweise, die zu weniger CO2-Ausstoß pro geförderter Tonne Eisenerz führt.

Beladung von Erzzügen: Die Logistik im menschenleeren Pilbara soll weitgehend computergesteuert arbeiten.

(Bild: Copyright © 2010 Rio Tinto)

Der Rohstoffkonzern denkt nicht nur an automatische Züge: Auch in den Minen sollen zunehmend Fördergeräte und Bohrmittel zum Einsatz kommen, die der Mensch nur noch überwachen, aber nicht mehr direkt kontrollieren muss. Außerdem will der Konzern 150 führerlose LKW für die lokale Beförderung des Erzes vor Ort anschaffen, die mit einer Fernsteuerung arbeiten. Die Optimierung solle aber nicht auf Kosten der Sicherheit gehen, beteuert Rio Tino.

Australien-Chef Sam Walsh gibt auch noch einen anderen Grund für das "AutoHaul"-Projekt an: "Die Automatisierung hilft uns dabei, den signifikanten Fachkräftemangel in unserer Industrie auszugleichen." Das heiße aber nicht, dass die verbesserte Produktivität zu Stellenabbau führe: "Wir rechnen damit, dass wir insgesamt sogar eine Zunahme der Arbeitsplätze sehen werden." Er erwarte "neue Chancen" in der Bahnabteilung ebenso wie in anderen Abteilungen. Walsh verspricht, mit allen Betroffenen zu sprechen, um ihnen den Übergang in den Automatikbetrieb zu erleichtern. Insgesamt sei "AutoHaul" eine Möglichkeit für Rio Tinto, mit geringem Investitionsrisiko seine Produktivität zu steigern.

Erzförderung: In Pilbara lagern nach wie vor große Erzmengen.

(Bild: Copyright © 2010 Rio Tinto)

Die Gewerkschaften in Pilbara sehen das naturgemäß kritischer: Sie wollen sich nun genau ansehen, was die Firmenleitung plant. Gary Wood, Chef der zuständigen Construction, Forestry, Mining and Energy Union (CFMEU) fragt sich, ob die Anforderungsprofile passten. "Da wird über Umschulungen geredet, doch man braucht kein Team aus Lokführern, um an einem Computer zu sitzen." Besonders wenn der Boom im Eisenerz-Segment zurückgehe, sei mit Entlassungen zu rechnen.

Rio Tinto ficht das nicht an: "AutoHaul" ist nur ein Teil eines größeren Programms mit dem Titel "Die Mine der Zukunft". So testet man im US-Bundesstaat Arizona im Projekt "Resolution Copper", wie sich mit automatisierten Bohrgeräten tiefere Schächte und Tunnel anlegen lassen, in der sich dann schneller Kupfer fördern lässt. (bsc)