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Was war. Was wird. (Enthaltend die Rätsel einer Sommernacht)

Ein lauer Sommerabend. Rauchschwaden quellen durch die schönste Stadt der norddeutschen Tiefebene. Regen setzt langsam ein. Und Hal Faber hat Fragen über Fragen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die Evolution ist eine feine Sache, wenn man zu den überlebenden Sauriern gehört. Beruhigt klappe ich meinen rostigen alten Thinkpad auf und mache mich an die Wochenschau. Mein letzter Desktop war ein Rechner mit OS/2, jenes hoffnungslose Gebirge im Land der trauernden Liebe, in das sich Harry Potter nun zurückzieht. Nein, nein, ich trage kein "Ich bin kein Schlussverräter"-T-Shirt, ich bin nur ein Unterverräter aus der IT-Welt, der den Tod der Eule Hedwig betrauert. Um wieviel Muggelbyte praktischer doch eine Eule im vergleich zur E-Mail ist! Hedwig wusste immer Harrys Aufenthaltsort, jeder Brief erreichte Harry ohne Routingprobleme, bar aller mysteriösen Anhänge wie zahlkung.pdf und rechenschaf.pdf. Hedwig vom Stamme der Weisheitsvögel wie die Eule der Minerva, die erkennt, dass eine Gestalt des Lebens alt geworden ist und eine Epoche zu Ende gegangen. Hedwig vom Stamm der Wappenvögel stürzt ganz Planegg in Trauer, während ihr Geist lautlos über die dunklen ewigen Jagdgründe fliegt, in denen die Augen niemals geschlossen werden. Wie mag Hedwigs "Karte des Herumtreibers" ausgesehen haben, mit der sie sich auf ihren Flügen durch Potterland orientierte? Wir wissen es nicht. Es ist Sommerzeit und Kartenzeit, Reisezeit für den Verstand und Körper. Ich aber sitze an einem lauen Sommerabend in der norddeutschen Tiefebene – Rauchschwaden von allzu verbranntem Grillgut quellen durch die Straßen der schönsten Stadt dieser Tiefebene, vom beginnenden Regen nur unzureichend gebändigt. Ja, genau: Es ist Zeit für das Sommerrätsel dieses Jahres, das ganz ohne GPS gelöst werden will. Wie in den vergangenen Jahres gibt's nix zu gewinnen, aber auch wie immer das gute Gefühl, mal wieder Recht behalten zu haben. In der ersten Folge geht es dieses Jahr ausschließlich um Karten, Lagepläne und was dergleichen mehr hilft, das Labyrinth des Alltags zu erobern.
So also dann gleich die erste Frage: Wie heißen die drei Länder, die an das Land der trauernden Liebe grenzen?

*** Verlassen wir das Land der trauernden Liebe und begeben uns in das Land des hellen Wahnsinns, in dem ein endloser Hick-Hack um Online-Durchsuchungen Newsticker wie Tageszeitungen füllt. Deutschland, ein Sommertheater, in dem "der, von dem man spricht" auf Schilys Spuren rollt. Kein Tag in der letzten Woche, an dem nicht die Unverzichtbarkeit der Online-Durchsuchung betont wurde. Diese Technik wird zu einem Dogma erklärt, zum heiligen Gral aller Sicherheitsanbeter und Staatsschützer. Das steht im krassen Kontrast zu den 7 bis 14 Fällen, in denen die sorgfältig auf den Einzelfall abgestimmte Technik laut Bundeskriminalamt jährlich zum Zuge kommen soll. Es passt aber bestens zur literarischen Sensation dieses Sommers.
Insofern haftet dem leicht schrägen Aufruf, das Grundgesetz zu bestellen und an "den, von dem man spricht" zu schicken, eine gewisse Muggelichkeit an. Besser wäre es schon, mit Avada Imperio den Gegner zur Marionette zu machen.
Folgt Rattenfangfrage 2, passend zum Bild links (wie immer sind bei allen Bildern zum Sommerrätsel vergrößerte Ansichten durch einen Klick zu erreichen): In welcher Stadt wird die Arbeit der Online-Kartographen gerade ausgestellt?

*** Es gibt Zeitgenossen, die das Festkrallen und Verbeißen an der Online-Durchsuchung als Mittelchen belächeln, die Sauregurkenzeit mit etwas anderem als einem zünftigen Sommerrätsel zu überbrücken. Doch der Wahnsinn hat Methode, sagt Cass Sunstein in seinem neuen Buch über Die Gesetze der Angst, die Politiker wie Schäuble befolgen, statt in vernünftiger Weise Gefahren zu kalkulieren. Sie schwemmen das Vorsorgeprinzip als staatliche Kernaufgabe zu einem allseits eindringenden Überwachungshauch auf. Doch dieses Vorsorgeprinzip produziert unsinnige Schlussfolgerungen, wenn es auf eine Technik wie die Online-Durchsuchung angewendet wird: Eine Technologie muss erlaubt werden, wenn auch nur die geringste Vermutung da ist, dass sie Leben und Gesundheit eines Bürgers schützt. Umgekehrt muss eine Technologie verboten werden, wenn auch nur der geringste Verdacht besteht, dass sie den Bürgern schadet. Die aktuelle hysterische Politik bewirkt eine Spaltung, über deren Ausmaß sich die Politiker nicht im Klaren sind, weil sie nicht in den Foren lesen werden, die der kleine Verlag in der norddeutschen Tiefebene für seine furchtlosen Leser geöffnet hat:
"Wenn verängstigte Menschen vor allem mit anderen verängstigten Menschen sprechen und einander zuhören, wird sich ihre Angst ganz unabhängig von der Realität vergrößern. Und wenn furchtlose Menschen miteinander über den ungerechtfertigten Eifer derjenigen herziehen, die sich über die Erderwärmung, Asbest oder Berufskrankheiten Sorgen machen, werden sie noch weniger Angst empfinden, selbst wenn die entsprechende Gefahr real ist."
Was uns zu Frage 3 führt: Norddeutsche Tiefebene? Aus welchem Jahr stammt diese Internet-Karte im Bild rechts, die das Angebot der schönsten Stadt der ebenen Welt zeigt?

*** Bekanntermaßen will das noch einzurichtende BOFH (Bundes-Online-Fahndung-Hauptamt) beim BKA den Quellcode bein zuständigen Richter hinterlegen, der den Durchsuchungsbefehl ausstellen muss. Wie die Argumentationen der Kriminalisten ausfallen, wenn sie einen Richter überzeugen wollen, wurde erstmals in den USA öffentlich (ein PDF dazu findet sich in der Tickermeldung verlinkt). Da wird wiederholt betont, wie streng man sich an die Gesetze hält und keinesfalls die Inhalte der Kommunikation mitschneidet. Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf das, was bei uns in Deutschland veranlasst wird, damit natürlich der Kernbereich der privaten Lebensführung nicht mit grep befummelt wird. Schließlich sollen Liebesbriefe zwischen Mausi und Bärchen so privat bleiben wie der Briefwechsel zwischen Gesundheitsgen Horst Seehofer und einer Pauli.
Womit wir bei der vierten Frage im ersten Teil des diesjährigen Sommerrätsels angelangt wären: Katja Riemann und Ben Becker waren die deutschen Sprecher in einem sehr privaten Briefwechsel, in dem die Karten der Marshallinseln und der Londoner U-Bahn zusammengeschnitten wurden. Das bombenbauverdächtige Projekt trug welchen Namen?

*** Ich werde immr sentimental, wenn ich Zeugnisse einer Leidenschaft lese, die mein bescheidenes Input/Output-System bis an die Grenzen belasten. Ich bin halt grne allein. Natürlich hätte ich gerne eine Karte des Web 2.0, in dem alle zusammen und immer zusammen sind, in diese kleine Wochenschau aufgenommen. Leider sind die einschlägigen Karten aus Kleinbloggerdorf zu kommerziellen Nutzung gesperrt. Und die bittere Wahrheit ist, dass auch in der norddeutschen Tiefebene beim kleinen Verlag Kommrz 2.0 getrieben wird.
Daher ist Frage 5 die nach dem Webcomic, der nicht nur die Bloggerdörfer karikiert, sondern sogar IPv4 veranschaulichen kann.
Frage Nummer 6 folgt auf dem FuĂźe, denn diese Wochenschau hat eine strenge KB-Grenze: Im Bild links sehen wir Rettungsboote von SchiffbrĂĽchigen kurz vor den "Inseln der BedĂĽrfnisse", die sie sicherer ansteuern als die armen Menschen auf dem Weg nach Europa, von denen nur wenige von den sich fĂĽrchtenden Berichten erfasst werden. Wie heiĂźt der Kontinent, zu dem die Rettungsboote streben?

*** Treue WWWW-Leser wissen, dass hier die Jubiläen begangen werden, auf die wahrscheinlich wieder kein Schwein guckt und bei denen selbst die eiligst von den gelehrten Blättern herangekarrten, natürlich kostenpflichtigen Experten gegen die die Dilettanten von der Wikipedia alt aussehen. Heute vor 125 Jahren wurde der Maler geboren, der sich zeitlebens weigerte Kinder zu malen (OK, in einem Bild gibt es einen Kinderwagen). Von 1913 bis 1967 lebte Edward Hopper in einer kleinen Wohnung und aß fast täglich in einem Diner, dessen Bild die fröhlichen Dilettanten zu einem der zentralen Bilder des vergangenen Jahrhunderts kürten. Hoffen wir mit allen Geschichtensüchtigen, dass das großartig angekündigte Projekt eines HamburgerVerlages, mit einestages Geschichte zu schreiben, funktioniert, die gequirlte Kacke der PR ignorierend: "einestages ist die journalistische Antwort von SPIEGEL ONLINE auf das Mitmach-Web und unterscheidet sich grundsätzlich von herkömmlichen User-Generated Content-Plattformen."
So bleibt uns Frage 7: Welches nicht unbedingt lesbare Magazin ist die kartografisch korrekte Antwort auf einestages?

*** Wo ein Geburtstag ist, darf ein Todestag nicht fehlen. In dieser Woche vor 20 Jahren starb Jörg Fauser, der einzige deutsche Schriftsteller, der die 68er beschrieb, wie sie waren, als durchgeknallte Maoisten und Betriebslinke, als Kampflesben und als feuilletonistische Fraktionäre eines drogensüchtigen Weltgeistes. Fauser hat nicht nur Charles Bukowski nach Deutschland gebracht, sondern auch Harry Gelb geschaffen, die Antwort auf Holden Caulfield.
Die nächste, achte Frage gilt darum einem Musiker, der mit Jörg Fauser zusammengearbeitet hat. Dazu zunächst das Video, das erstmals in Deutschland die Freuden von Paintball zeigte, ganz ohne frei drehende Herren, die in jedem Link den Teufel am Werk sehen. Zu welcher Insel ruderte der erwähnte Musiker, kartografisch gesehen? Hilfsweise darf das entsprechende Lied genannt werden.

Was wird.

Wird es wirklich noch Sommer, oder belästigen uns weiter subtropische Bedingungen mit schwülwarmem, verregneten Wetter? Wir sind hier zwar nicht beim Wetterbericht, aber das sind doch schließlich die einzig weltbewegenden Fragen. Kauf ich mir nun ein SUV und fahr ein paar Mal um den Block, um die schönste Stadt der norddeutschen Tiefebene noch schöner zu machen und ihr endlich tropische Palmenstrände am warmen Meer zu verschaffen? Oder bleib ich bei meinem Fahrrad, mit den Freuden des guten Gewissens belohnt, der Klimakatastrophe höchstpersönlich Einhalt geboten zu haben? Geschichte wird gemacht, jaja. Wir haben es ja so gut. Darum wird es besser werden, 115 wird die universale Rufnummer für deutsche Hausmeister werden, die jedwede verdächtigen Subjekte und natürlich auch die Fahrräder im Hausflur melden. Ade schöne Klimakatastrophenbekämpfung. Und wer immer ganz umsonst ein Triumpgeheul wie Prince anstimmt und seine Musik verschenkt, wird (natürlich kostenpflichtig im anständigen deutschen Feuilleton) fürchterlich schikaniert. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder Musiker und jede Band so etwas macht?
Was ganz logisch Frage 9 ergibt: Wo ist der Ort, an dem Prince Roger Nelson, früher TAFKAP, heute TAKAPTAFKAP lebt? Ist er noch auf Planet Earth oder ist besagter Planet bei den Händlern gestrichen, die 3121-Koordinaten zum Teufel wünschen?

Es geht weiter. Flieger, zeig mir die Sonne, oder wahlweise Meckpomm. Zumindest laut dieser Flugroute, die ein Leser zu einem kommenden Ereignis im Forum veröffentlichte. Dort wird zwischen dem guten alten Ijon Tichy und Kapitän Janeway der Weltraumkommunismus diskutiert. Dagegen setze ich natürlich den Japhetismus und schließe mit der
Frage 10 nach der Karte des Gestirns, auf dem die Götterbauern siedelten. Nein, es ist nicht der Mond mit seinem Mare Crisium voller Bibeln.

(Hal Faber) / (jk)