ZurĂĽck in die Ziegelwelt
Die Firma Amazon will WAS bitte? Läden bauen? Richtige, echte Geschäfte mit Wänden, Fußböden und dreidimensionalen Möbeln aus Möbelmolekülen?
- Peter Glaser
Die Firma Amazon will WAS bitte? Läden bauen? Richtige, echte Geschäfte mit Wänden, Fußböden und dreidimensionalen Möbeln aus Möbelmolekülen?
Dem US-Blog Good E-Reader ist zu Ohren gekommen, dass Amazon angeblich in den nächsten Monaten im Raum Seattle – dort befindet sich auch der Hauptsitz des E-Commerce-Konzerns – einen ersten Laden eröffnen will. Das Geschäft sei als Versuchsballon gedacht. Der weltgrößte Internet-Händler liebäugelt im Zuge seiner aggressiven Expansionsstrategie mit einem Einstieg in den Einzelhandel. Angeboten werden sollen hauptsächlich eigene Produkte wie die Kindle-Reader, Taschen oder Bücher.
Was will Amazon-Chef Jeff Bezos da draußen in dieser kalten, bitlosen Analogwelt? Gut, es gibt Berührungspunkte. Immerhin verkauft das Unternehmen, sieht man von E-Book- und Musikdownloads ab, weitgehend materielle Produkte. Aber der Witz an Amazon, das Revolutionäre war doch, wenn wir uns recht entsinnen, dass es keine Filialen gibt und der Zwischenhandel ausgeschaltet wird. Eine Station weniger, über die ein Konsumakt laufen muss.
Ist nun, nach einer Ehrenrunde durch die letzten anderthalb Jahrzehnte – durch eine Hightech-Hysterie bis zum Crash im Frühjahr 2000, in ein neues Jahrtausend nebst Web 2.0 und ein Social Media-Universum –, alles wieder wie am Anfang? "Brick and mortar", wie es despektierlich hieß, wenn von den materialstarren Hinterlassenschaften einer versinkenden Epoche die Rede war, den Ziegel-und-Mörtel-Dingern, in denen der Einzelhandel vonstatten ging, statt sich fix und federleicht dem Netz einzufügen? Und jetzt – zurück in die Kuhzunft?
Einkaufsphilosophen wie der Kolumnist Tom König beklagen die fatalen Folgen des Internet-Shoppings für den Einzelhandel. Dessen Frau hält ihm vor, dass er sogar einzelne Bleistifte online kaufe. Der Konsument kommt ins Nachdenken: "Zweifelsohne zerstört E-Commerce ja den stationären Einzelhandel und heizt nebenbei die Erderwärmung an." Wenn alle ihre Kulis online ordern, wird es irgendwann keine Schreibwarengeschäfte mehr geben – und außerdem keinen Winter mehr.
Sieht man von der Erderwärmung ab (über die man sich angesichts der bisherigen Apriltemperaturen auch nochmals eingehender unterhalten müsste), kenne ich, was das mit den Bleistiften angeht, auch ganz andere Fälle. Ein Freund von mir ist Kalligraph, ich teile mit ihm eine geradezu teenagerhafte Liebe zu Bleistiften. Den frischen Holzgeruch nach dem Anspitzen. Die Kunst, so mit einem Bleistift zu schreiben oder zu zeichnen, dass die Mine sich quasi selbst anspitzt. Und in jeder Stadt gibt es mindestens ein Schreibwarengeschäft, in dem Menschen wie mein Freund und ich sich zutiefst verstanden fühlen.
Ich wollte eigentlich immer schon lieber ein Schreibwarengeschäft führen, anstatt zu schreiben. Beseligt durch die Regalreihen wandern, zärtlich über die Papiersorten streicheln und am Likörgeruch der Lösungsmittelchen schnuppern wie an einem guten, doppelt gebrannten Schnaps. Ich würde aber nichts hergeben, also: verkaufen wollen und den Laden zusperren, damit keiner reinkommt und etwas mitnimmt. Und so etwas ähnliches hat mein Freund, aus schierer Not, gemacht. Er hat sich für das schönste und beste Papiergeschäft der Stadt Lokalverbot auferlegt und das auch den Angestellten mitgeteilt, so wie man sich, um der Spielsucht zu entgehen, in Spielcasinos selbst auf eine schwarze Liste setzen lassen kann. Da Kalligraphie eine brotlose Kunst und er ständig pleite ist, waren die Verlockungen des Schreibwarengeschäfts für ihn zu groß und existenziell gefährlich. Es ist also nicht das Internet, das dem Einzelhandel schadet. Es ist die Leidenschaft. (bsc)