Der echte Robocop

Wenn es nach kanadischen Forschern geht, laufen Polizisten in einigen Jahren mit Head-up-Display Streife.

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Wenn es nach kanadischen Forschern geht, laufen Polizisten in einigen Jahren mit Head-up-Display Streife.

Die Sicherheitskräfte könnten dann im Einsatz ständig aktuelle Daten über ein Head-up-Display (HUD) abrufen, so jedenfalls die Idee des Mobiltechnikunternehmens Appear Networks. Die Technologiefirma entwickelt zusammen mit Forschern der "Flybits"-Gruppe an der Ryerson University im kanadischen Toronto und der schwedischen Innovationsagentur Vinnova die dafür nötige kombinierte Hard- und Software-Plattform. Sie wäre eine Alternative zum stationären Polizei-Laptop im Einsatzfahrzeug oder zu tragbaren Handhelds, die den Beamten bei der Bedienung ablenken könnten.

Die Technik basiert auf dem Golden-i, einem Minirechner der US-Hersteller Kopin und Motorola, den man wie ein Headset um den Kopf geschnallt tragen kann. Ein 1-Zoll-Minibildschirm mit SVGA-Auflösung wird dabei vor das linke oder rechte Auge des Nutzers platziert. Aus diesem geringen Abstand soll das HUD so gut abzulesen sein wie ein 15 Zoll großer PC-Bildschirm – gleichzeitig bleibt aber auch noch genügend Platz für eine eventuell getragene Brille.

Das HUD samt Rechentechnik stammt von Motorola.

(Bild: Appear)

In dem Golden-i-Computer steckt ein leistungsfähiger ARM-Hauptprozessor von Texas Instruments mit 600 MHz und integriertem DSP-Chip für die Audioverarbeitung. Das System wiegt je nach Ausstattung zwischen 85 und 170 Gramm und läuft mit dem Betriebssystem Windows Embedded CE 6.0 von Microsoft. Daten werden auf einer Micro-SD-Speicherkarte abgelegt, die bis zu 32 GByte fasst. Zum Betrieb reicht eine einzelne wiederaufladbare Lithium-Ionen-Batterie mit 1200 mA/h. Ein USB-Anschluss für Peripheriegeräte und Synchronisation komplettiert den Minirechner, den man auf Wunsch sogar mit Tastatur und Maus bedienen kann.

Mit der servergestützten Appear-Plattform können Polizisten unter anderem Karten zur Navigation einblenden, Bilder von Sicherheitskameras einspielen oder Verstärkung anfordern, falls sie nötig wird. Gesteuert wird das System entweder per Stimme, wofür eine Software des Spracherkennungsspezialisten Nuance eingebaut ist, oder alternativ mit Hilfe von Kopfgesten, die der Golden-i über einen integrierten sechsachsigen Bewegungssensoren erfasst. Eine dauerhafte Online-Verbindung wird per Mobilfunk gewährleistet – in den USA kann dafür auch das schnelle LTE-Netz verwendet werden, um robuste Multimedia-Übertragungen durchzuführen. Alternativ lassen sich auch WLAN und Bluetooth zur Vernetzung verwenden.

Die Datenbrille passt auch unter Sonnenschutzgläser.

(Bild: Appear)

Das System lässt sich auch um eine Umgebungskamera mit Full-HD-Auflösung erweitern, so dass die Einsatzzentrale ständig darüber informiert ist, was ein Beamter gerade sieht und tut. Denkbar sind in Verbindung mit der Kamera außerdem Augmented-Reality-Anwendungen, bei denen das Bild der Umwelt mit Informationen aus dem Polizeicomputer oder dem internet kombiniert wird, die der Beamte dann auf das HUD eingespielt bekommt. Das kann bei der Routenfindung hilfreich sein.

Selbst Anwendungen, die an Kinostreifen wie "Robocop" oder "Terminator" erinnern, wären in Zukunft denkbar: Dabei erfasst dann die Kamera beispielsweise ein Nummernschild und das HUD blendet dem Polizisten sofort den Halter ein.

Das System könnte vergleichsweise klobige Handheld-Rechner überflüssig machen.

(Bild: Appear)

Motorola-Manager Tom Bianculli erklärt, der Golden-i kombiniere Gesten, Spracheingaben und die Verbindung von digitaler und physischer Welt zu einem Ganzen. "Die Beamten erhalten mit dem Headset die Möglichkeit, besser und schneller Vorgänge in ihrer Umwelt zu erfassen." Das System biete damit die Chance, das Situationsbewusstsein beträchtlich zu steigern. Der Golden-i soll dabei möglichst wenig ablenken, der Wechsel zwischen handfester Ermittlungsarbeit vor Ort und Rechnernutzung fließend sein.

Die Appear-Plattform eignet sich auch für Sicherheitsdienste, die sich damit beispielsweise bei ihrer Runde durch ein Fabrikgelände Daten der hauseigenen Überwachungs-Software einblenden oder Beleuchtungsanlagen und Sirenen fernauslösen können. Appear-Chef Xavier Aubry sieht ein "enormes Marktpotenzial". (bsc)