Die StromlĂĽcke

Da ist sie ja wieder, die berüchtigte Stromlücke: Ab 2020, spätestens wenn 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, fehlen in Deutschland rund 11 Gigawatt installierter Kraftwerksleistung

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 5 Min.

Da ist sie ja wieder, die berüchtigte Stromlücke: Ab 2020, spätestens wenn 2022 die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, fehlen in Deutschland rund 11 Gigawatt installierter Kraftwerksleistung. Das sagt zumindest die Deutsche Energie Agentur (DENA) - andere legen sich da nicht so fest und sprechen lieber ganz pauschal von „Versorgungsengpässen“.

Auch wenn man ĂĽber die konkreten Zahlen durchaus streiten kann, dĂĽrfte mittlerweile dem letzten klar geworden sein, dass der geplante Ausbau der Erneuerbaren Energien alleine nicht reichen wird. Falls nicht ein technologisches Wunder geschieht und irgendjemand das Land mit billigen, dauerhaften Energiespeichern ĂĽberzieht, wird es notwendig sein, das wachsende aber schwankende Angebot aus Wind- und Sonnenstrom mit konventionellen Kraftwerken zu stĂĽtzen.

Gaskraftwerke sind dafür spannende Kandidaten, wie wir in TR 1/2012 geschrieben haben. Denn GuD-Kraftwerke schaffen mit ihren kombinierten Turbinen (ein bis zwei Gasturbinen und eine nachgeschaltete Dampfturbine) einen Wirkungsgrad von bis zu 60 Prozent während Kohlekraftwerken im Mittel bei 38 Prozent liegen. Außerdem lassen sich Gasturbinen in Minuten hochfahren - auch wenn die Dampfturbinen länger brauchen und damit am Anfang der Wirkungsgrad in den Keller geht.

Technisch klingt das alles logisch. Auch wenn die Verbrennung von Gas bedeutet, CO2 in den Himmel zu blasen, ist die Klimabelastung von Gaskraftwerken immer noch kleiner als die von Kohlekraftwerken. Und der erhöhte Wirkungsgrad kommt oben drauf.

Also alles gut? Nein, denn die angeblich lohnt es sich nicht, neue Gaskraftwerke zu bauen. Sagen die Energieversorger. Ob das stimmt? Das kommt drauf an. Klar ist nur, dass die Energiepolitik immer unĂĽbersichtlicher wird.

Erst kam das Erneuerbare Energie Gesetz mit seiner Abnahmegarantie für Sonnen und Windstrom. Das sollte dafür sorgen, dass eine Technologie, die zwar alle wollen, die aber zu teuer ist, am Markt so lange gestützt wird, bis sie wettbewerbsfähig ist. Mit dem Aufkommen der Ökos gab es nun zwar neue Energieproduzenten und ein gewachsenes kritisches Konsumentenbewusstsein. Aber der Kunde konnte nicht mal eben den Energie-Anbieter wechseln. Also erfand die Politik die Liberalisierung des Strommarktes. Damit sich auch hier im Wettbewerb das Beste durchsetzt. Ach ja, um die Geschichte noch komplizierter zu machen gibt es ja auch noch die Entkopplung von Netz und Energieerzeugung. Die Stromerzeuger verkauften also ihre Hochspannungsleitungen an Tochter- und Enkelfirmen, damit die mit der Durchleitung Kasse machen, während sie weiter in Ruhe ihre Kraftwerke betreiben können.

Der unbedingte Wille, staatliche Regulierung mit Marktmechanismen zu verschweißen und damit auch noch umweltpolitische Ziele zu erreichen, hat dabei eine politisch-ökonomische Rube-Goldberg-Maschine geschaffen, die atemberaubend ist. Wenn Sie zum Beispiel glauben, der Strompreis an der Börse werde durch Angebot und Nachfrage gebildet, muss ich Sie enttäuschen. Das ist alles eine ganze Ecke komplizierter. Ich zitiere ja eigentlich nur ungern die Wikipedia, aber weil es so schön ist, hier mal in aller Pracht ein Auszug aus dem Eintrag zum Stichwort "Merit-Order":

„Die aggregierte Angebotfunktion (blau) bildet sich aus den Geboten einzelner Stromanbieter und entspricht im Allgemeinen deren Grenzkosten. Die Nachfrage (grün) ist unelastisch und wird zunächst aus den Quellen nach dem EEG befriedigt, so dass nur die Restnachfrage - die sogenannte residuale Last - von den konventionellen Stromerzeugern getragen wird, wobei die teuersten nicht mehr zum Zuge kommen und der so ermittelte Strompreis um Δp sinkt. Auf diese Weise senken erneuerbaren Energien den Strompreis an der Börse, weil teure Spitzenlastkraftwerke immer seltener das preisbestimmende Kraftwerk am Markt sind, sondern Kraftwerke mit geringeren variablen Kosten.

... Eine Nettoentlastung für den Verbraucher kann entstehen, selbst wenn die Vergütung durch das EEG über dem Preisniveau p1 liegt, wenn die durch den Merit-Order-Effekt verursachte Ausgabenreduktion für konventionellen Strom (p1-p2)*N2 insgesamt größer ist als die Ausgaben für den Strom aus erneuerbaren Energien (N1-N2)*(pEEG-p1). In diesem Fall ist die Steigung der Merit-Order-Kurve (p1-p2)/(N1-N2) bei hoher Last recht steil und der Aufpreis für EEG-Strom (pEEG-p1) liegt nur relativ wenig über dem Börsenpreisniveau, wie z.B. an manchen Wintertagen mit mäßigen Winderträgen.“

Alles klar? Sie müssen das gar nicht alles verstehen. Nur soviel: Die Energieversorger spielen lieber Poker als Strom zu verkaufen. Sie argumentieren: Damit sich der Bau neuer Gaskraftwerke lohnt, müsste der Staat die „Rahmenbedingungen“ ändern. Kurz: Sie wollen Subventionen. Die gute Nachricht ist: Sie müssen keine Angst vor dramatischen Veränderungen haben. Die schlechte ist: Sie müssen zahlen.Wie immer. (wst)