Schummeln beim Online-Schach erlaubt
Auch der derzeit als stärkster elektronische Schachspieler geltende Spezialrechner Hydra nimmt an einem Freistil-Schachturnier teil.
Was sonst als verwerflich gilt, ist beim Freistil-Schachturnier der Fachzeitschrift CSS Online ausdrĂĽcklich erlaubt und sogar erwĂĽnscht: Die Teilnehmer dĂĽrfen sich beliebiger Hilfsmittel bedienen, seien es spielstarke Bekannte, BĂĽcher, Datenbanken oder sogar Schachprogramme. Zu gewinnen gibt es auch etwas, insgesamt 20.000 US-Dollar, 10.000 fĂĽr den Sieger, 5000 fĂĽr den Zweitplatzierten und 3000 fĂĽr den Dritten. Das Turnier beginnt am 28. Mai und wird auf dem Internet-Server Schach.de gespielt.
Das Preisgeld stiftet die Pal Group, die mit ihrem Spezialrechner Hydra auch teilnimmt. Hydra gilt derzeit als stärkster nicht blutgekühlter Schachspieler auf diesem Planeten und braucht gelegentlich jemanden zum Besiegen. Leicht wird es diesmal aber nicht, denn eine Kombination aus einem guten Schachspieler, einem starken PC-Programm und einer dicken Datenbank dürfte wesentlich schwerer zu knacken sein als die Elektroschach-Konkurrenz. Allerdings gibt es auch andere Meinungen, hat doch sogar schon ein Fernschach-Großmeister, der sich ebenfalls aller Hilfsmittel bedienen durfte, ein Match gegen sechs autonom spielende PC-Programme verloren.
Dass reine Rechenleistung zwar die Chancen steigert, aber keineswegs automatisch Siege garantiert, zeigen die Partien vom Computerschachturnier in Paderborn, als Hydra gegen zwei Amateurprogramme auf schwacher Hardware nur unentschieden spielte. Schach ist eben auch ein GlĂĽcksspiel; wer es schafft, dem Gegner eine Stellung aufzudrĂĽcken, die diesem nicht so gut liegt, kann auch mit weit unterlegener Hardware gut mitspielen. FĂĽr Teilnehmer, die das letzte Mal mit sieben Jahren gegen ihren Opa gespielt haben, gibt es drei Zusatzpreise von 1000, 600 und 400 US-Dollar zu gewinnen. Mit einem schnellen Rechner und einem Freeware-Programm wie Crafty hat jeder die Chance auf einen der Preise fĂĽr die besten Amateure. Wer aber auf einen der Hauptpreise scharf ist, sollte eher zu einem Profi-Programm wie Shredder greifen.
Die Idee, bei Schachturnieren alle Hilfsmittel zuzulassen, stammt von dem Jenaer Mathematik-Professor Ingo Althöfer, der auch das Spiel "EinStein würfelt nicht" erfunden hat. Grundlage waren Althöfers "Dreihirn"-Experimente, bei denen er während einer Partie zwei Computer parallel an einer Schachstellung rechnen ließ und selbst entschied, welcher der beiden Zugvorschläge tatsächlich gespielt wurde. Er konnte zeigen, dass dieses System wesentlich stärker spielt als jeder seiner Bestandteile, also stärker als die Computer allein und stärker als er selbst sowieso. Freistil-Schach sei nur eine Verallgemeinerung dieses Konzeptes, sagte Althöfer gegenüber heise online. Sein Tipp für das anstehende Spektakel: "Die besten Chancen dürften Teilnehmer haben, die mit zwei starken Schachspielern, zwei oder drei Computern und einem 'Techniker' für die Internet-Verbindung agieren. Vielleicht machen aber auch Garri Kasparow und sein Sekundant Dochojan mit PC-Hilfe mit. Vom Freistil-Schach hat Garri jedenfalls nie seinen Rücktritt erklärt."
Die Ausschreibung des Turniers findet sich auf der Seite der Organisatoren. (Lars Bremer) / (jk)